TÜBINGEN/MÖSSINGEN. »Ich erlebe das Team als verlässlich, konstant und stabil und es hat trotz einiger Schicksalsschläge nicht aufgehört. Das ist schon einzigartig.« Susanne Pape-Kramer war die erste Trainerin der inklusiven Cheerleadergruppe »The Blue Poisons« und hat deren Entwicklung von Anfang an mitverfolgt, auch dann noch, als andere Trainerinnen sie ablösten. »Es gab immer eine Fluktuation, beruflich, gesundheitlich oder aus anderen Gründen. Aber der harte Kern in der Gruppe war immer da, voller Spaß und Teamgeist.«
Bei einer Feierstunde zum 10-jährigen Bestehen der Gruppe in der Sporthalle der BG-Klinik knüpfte Pape-Kramer am Samstag mit einem Workshop an ihre Zeit als Trainerin an. Und es war, als sei das erst gestern gewesen. »Und jetzt Action. Die Arme nach links«, mit ihren kurzen Kommandos und bei fetzigem Sound geben die Teilnehmenden volle Power. Trotz der Anstrengung wirkt alles sehr harmonisch und als die Trainerin zum Abschluss noch auf die Matten zum Krafttraining bittet, lässt sich jeder darauf ein. »Macht mit, soweit ihr noch könnt«, sagt sie und tatsächlich gibt keiner vorzeitig auf.
VERSTÄRKUNG GESUCHT
Das Team sucht weitere Verstärkung, Rollstuhlfahrer und Läufer. Mitmachen können Anfänger und bereits erfahrene Cheerleader. »Hauptsache ist die Freude an Bewegung, am Teamgeist und an coolen Auftritten«, so Emely Wagner. Für den Aufbau von Pyramiden wären auch Jungs und Männer eine tolle Ergänzung. Wer Lust hat, die Sportart Cheerleading auszuprobieren, ist beim Training herzlich willkommen. Dieses findet aktuell alle zwei Wochen statt, samstags von 14 bis 15.30 Uhr in der Sporthalle der BG-Klinik in Tübingen. Ansprechpartnerin ist RSKV-Tanz-Abteilungsleiterin Emely Wagner. Interessenten sollten sich vorab bei ihr melden, um die genauen Trainingstermine zu erfahren. 07072 912480 Instagram: thebluepoisons www.rskv-tuebingen.de
Es war die Mössingerin Asun Kramer, die die »Blue Poisons« vor zehn Jahren gründete. »Sie wollte sportlich aktiv werden, hatte aber Angst, dass ihr beim Basketball die Fingernägel brechen«, so Emely Wagner, die von Anfang an dabei war. »Sie war durch und durch ein Girlie-Mädchen und zeigte das auch.« Damals war es die erste inklusive Cheerleadergruppe in Deutschland überhaupt. Kramer, selbst im Rollstuhl sitzend, konnte andere junge Frauen, sei es mit Rollstuhl oder ohne, für ihr Projekt begeistern. Ihr Ziel: jede sollte nach ihren Fähigkeiten eingebunden werden. Und das funktionierte tatsächlich.
Vom Konzept überzeugt
Doch wenige Monate nach der Gründung starb die 27-Jährige unerwartet. »Das war ein Schock für uns und wir standen kurz vor dem Aus. Aber wir dachten, das können wir ihr nicht antun, denn das inklusive Cheerleaderteam war ja genau ihr Ding«, so Wagner. »Wir beschlossen, für Asun weiterzumachen und ihren Traum zu erfüllen, in den sie so viel Zeit und Energie gesteckt hatte.« Nach weiteren Trainingseinheiten standen die ersten Auftritte mit den glitzernden Pompons und in blauen Kostümen bevor. »Es macht einfach Spaß, wenn die Zuschauer bei unseren akrobatischen Choreografien klatschen und jubeln. Aber es geht mir auch darum, etwas mit anderen Menschen in der Gruppe zu machen und durch die regelmäßige Bewegung fühle ich mich auch allgemein fitter.«
Zu der Feierstunde waren zahlreiche Gäste in die BG-Sporthalle gekommen. Darunter Ehemalige, Eltern und Geschwister, Freunde und Bekannte, aber auch Patienten der Klinik und die 23-jährige Lisa Altena aus Oberndorf bei Rottenburg. Altena studierte Medienwissenschaft in Tübingen und entdeckte die »Blue Poisons« im Internet, als sie nach einem Thema für ihre Bachelorarbeit suchte. Sie nahm Kontakt auf, machte beim Training mit und war überzeugt vom Konzept der Gruppe. »Ich begleitete sie drei Monate und drehte einen Film über sie als meine Abschlussarbeit.«
Mit ihrem einfühlsamen 16-minütigen Film begeisterte Altena die Gäste. »Die Gruppe ist das Beste, was mir für meine Arbeit passieren konnte. Sie hat mich sofort aufgenommen und alle waren sehr herzlich. Ich habe deutlich gespürt, wie groß der Zusammenhalt ist und mit welcher unschlagbaren Leidenschaft alle dabei sind.« Im Film wird auch Emely Wagner interviewt, die Rollstuhlfahrerin ist. »Ich dachte anfangs auch, ich kann nicht tanzen«, sagt sie. »Aber mit der Zeit hat es richtig Spaß gemacht. Auch Menschen mit Behinderung können und dürfen Sport machen.«
Alle haben Spaß
Die »Blue Poisons« sind ein Sportangebot des Rollstuhlsport- und Kulturvereins Tübingen. Wagner ist dort Leiterin der Abteilung Tanz. Aktuell tanzen in der Gruppe elf Aktive, darunter auch die 16-jährige Lara Bokelmann aus Metzingen-Glems, die seit zwei Jahren dabei ist. »Ich wollte schon immer eine Cheerleaderin werden, dachte aber, das sei wegen meines Rollstuhls unmöglich. Es ist schön, dass ich auf diese tolle und nette Gruppe gestoßen bin. Es ist ein prima Angebot für mich.« Nach Susanne Pape-Kramer, Hannah Weiwadel, Mareike Moll-Kistenfeger ist Jennifer Manak aktuelle Trainerin. »Alle bringen großartigen Einsatz. Sie kommen samstags zum Training, obwohl sie da eigentlich frei haben. Und auch die Eltern nehmen sich Zeit und weite Wege auf sich, damit eine Teilnahme möglich ist.« Helga Wagner, Emelys Mutter, lobte in ihrem Grußwort die Trainerinnen. »Alle waren und sind ganz toll.« (GEA)

