Für Gütlesbesitzer nicht lukrativ
Fünf Prozent der 1 000 Hektar Streuobstwiesen in Mössingen wurden bei dem Testlauf einbezogen. Die Ausbeute: 370 Schüttraummeter, also 370 Kubikmeter lose geschüttetes Holz. Dieter Neth, von Berufswegen Energieberater, hat auf Basis dieser Zahl ein Rechenspiel gewagt: Was wäre, wenn der Kastanienhof in Bodelshausen seinen ganzen Bedarf an Wärme mit Hackschnitzeln decken würde? Der Hof wird von Menschen mit Behinderung bewirtschaftet und verbraucht jährlich stolze 135 000 Liter Heizöl.Das Potenzial an Baumschnitt aus den gesamten Streuobstwiesen hat der Mössinger Energiefachmann hochgerechnet und einen Teil Holz aus dem Wald hinzugefügt. In aufwendiger Rechnung kalkulierte er Anschaffungskosten etwa für Hackschnitzelanlage und Lagerhalle, die Ausgaben für deren Betreuung und Wartung und die Entwicklung des Heizölpreises. Das Ergebnis ist bestechend: Auf 25 Jahre betrachtet könnten mit Hackschnitzel im Vergleich zu Heizöl 3,7 Millionen Euro Betriebskosten, 2,2 Millionen Euro Finanzierungskosten und 315 Tonnen CO2 eingespart werden.
Als Dieter Neth das Rechenmodell bei einem Referentenworkshop des Netzwerks Streuobst Mössingen am Dienstagabend vorstellte, galt es, dem geballten Praktikerverstand standzuhalten. Rund 70 Zuhörer, darunter viele Streuobstwiesenbesitzer, waren in die Pausa-Tonnenhalle gekommen. Baumschnitt sei für Hackschnitzelanlagen gar nicht geeignet, meinte einer etwa. Entsprechende Anlagen gäbe es laut eines Holzfeuerungsspezialisten durchaus, hielt Neth dagegen. »Der Hackschnitzelpreis wird höher sein als angesetzt«, gab Förster Reinhold Gerster zu bedenken. Mit den steigenden Heizölpreisen würde schließlich auch der Preis für alternative Energiequellen steigen. Damit sprach er einen entscheidenden Punkt an: Ausgangslage für die Berechnung ist, dass das Baumschnittmaterial nichts kostet.
»Vom Entsorgungsproblem zum Wirtschaftsfaktor«, hieß es auf einer Folie, die Sabine Mall-Eder vom Netzwerk Streuobst an diesem Abend auflegte. Geld würde für die Gütlesbesitzer, für die sich die Bewirtschaftung ihrer Wiesen eh kaum lohnt, bei dem vorgestellten Projekt nicht rausspringen. Aber die Pflege ihrer Streuobstwiesen würde erleichtert. Schließlich ist die Baumschnittabfuhr, auch angesichts eingeschränkter Öffnungszeiten der Häckselplätze, ein Aufwand. Viele verbrennen die Reisighaufen daher auf ihrer Parzelle.
Knackpunkt Logistik
Das Schnittmaterial abzuholen ist ein guter Ansatz, findet Ulfried Miller vom BUND Ravensburg. »Ein gutes Logistik-Konzept ist wichtig.« Auch Sabine Mall-Eder sieht das so: »Die Logistik wird der Knackpunkt für das gesamte Projekt sein.« Das hätten die runden Tische mit Streuobstwiesenbesitzern und Landwirten gezeigt. So stellt sich angesichts der kleinparzellierten Grundstücke mit den eng beieinanderstehenden Bäumen auch die Frage, wie die Wiesen etwa maschinell bewirtschaftet werden können.Finanzielle Unterstützung für Gütlesbesitzer gäbe es schon, erklärt Ulfried Miller. Doch nur wenige schaffen ausreichend Anreize. Die neue Baumschnittförderung des Landes schüttet innerhalb von fünf Jahren maximal zweimal fünfzehn Euro pro fachgerecht beschnittenem Baum aus. Die Förderung muss aber beantragt werden und der Antrag ein Auswahlverfahren bestehen. »Dafür braucht es Kümmerer«, formuliert Miller schon mal die nächste mögliche Aufgabe für das engagierte Netzwerk. (GEA)

