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Aktuell Vandalismus

Graffitis in Tübingen: Belohnung für Hinweise

Die Empörung war groß, nachdem in Tübingen die uralten Platanen auf der Neckarinsel Ziel von unbekannten Graffiti-Schmierern geworden sind. Doch können die 200 Jahre alten Bäume überhaupt schadenfrei von den Schmierereien befreit werden? Unterdessen wird mit einer fünfstelligen Belohnung nach der verantwortlichen Person gesucht.

Viele Tübinger dürften die Schmierereien auf jeder einzelnen Platane auf der Neckarinsel als Frevel betrachten. Mit gelber Sprüh
Viele Tübinger dürften die Schmierereien auf jeder einzelnen Platane auf der Neckarinsel als Frevel betrachten. Mit gelber Sprühfarbe steht »Angst« auf den uralten Bäumen. Können sie gerettet werden? Foto: Irmgard Walderich
Viele Tübinger dürften die Schmierereien auf jeder einzelnen Platane auf der Neckarinsel als Frevel betrachten. Mit gelber Sprühfarbe steht »Angst« auf den uralten Bäumen. Können sie gerettet werden?
Foto: Irmgard Walderich

TÜBINGEN. Die Empörung und das Unverständnis waren nach der Tat auf der Neckarinsel in Tübingen enorm. Im Internet machten einige ihren Ärger deutlich: »Hauswände beschmieren ist schon schlimm genug, aber das geht gar nicht, 0,0 Verständnis«, schrieb beispielsweise Claudia Patzwahl bei Facebook. Andreas Topp meinte auf der GEA-Facebookseite: »Diese besonders abscheuliche Form des Vandalismus ist mit nichts zu entschuldigen.« Es sei zudem eine »Schändung der schönsten Bäume der Region.«

Bäume können zunächst nicht gereinigt werden

Doch wie geht es jetzt auf der Tübinger Platanenallee weiter? Wie geht die gelbe Farbe wieder von den Baumrinden ab? Als der GEA bei Boris Palmer nachfragt, wirkt der Oberbürgermeister hörbar frustriert: »Sachverständige haben sich die Bäume angesehen und sehen keine Chance, die Farbschmierereien zu entfernen, ohne die Bäume zu schädigen. Wir können da erstmal nichts machen.«

Es gelte jetzt abzuwarten, bis die Bäume ihre Rinde auf natürlichem Wege regenerieren. »Das dauert zwei bis drei Jahre. Das heißt, alle sehen die Schmierereien noch eine ganze Weile.« Eine endgültige Entscheidung scheint auch etwa eine Woche nach der Tat noch nicht gefallen zu sein: »Die Fachleute werden sich das ganze Ausmaß des Naturfrevels auf der Neckarinsel noch einmal genauer und in Ruhe ansehen. Möglicherweise wird ja doch noch eine andere Lösung gefunden«, so Palmer.

Gleichzeitig setzt der Oberbürgermeister weiter darauf, dass der Täter oder die Täterin doch noch ermittelt werden. Deshalb setzte er gleich nach der Tat eine Belohnung aus städtischen Mitteln für Hinweise aus und teilte mit: »An alle, die diesen Sprayer kennen, wirklich die herzliche Bitte: bei mir melden, geht auch als persönliche Nachricht (PN) 5.000 Euro Belohnung sind sicher.« Mittlerweile hat sich der Betrag verdoppelt: »Eine Tübinger Privatperson hat noch 5.000 Euro auf den bestehenden Betrag draufgelegt. Jetzt sind es also 10.000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung der gesuchten Person bereitstehen«, so der Rathauschef.

Palmer sieht sich in seinem Kampf gegen Schmierereien bestätigt

Er hoffe gleichzeitig auf die kriminalistische Aufklärung des Falles: »Der Täter oder die Täterin hat das Wort 'Angst' ja unzählige Male in Tübingen hinterlassen. Nicht nur auf den über 200 Jahre alten Bäumen, auch auf Hausfassaden, egal ob verputzt, aus Sandstein oder Fachwerk. Überall steht 'Angst'.« Das müsse ja eine gewisse Weile gedauert haben, so Palmer: »Also besteht auch ein hohes Entdeckungsrisiko. Das heißt, irgendjemand muss das doch gesehen haben«, folgert er. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf Erfolge: »Es laufen mittlerweile mehrere Verfahren gegen Übeltäter. Es sind Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Das zeigt auch, dass es kein Jugendproblem ist.« Ein halbes Dutzend Sprayer dürften in den nächsten Monaten vor Gericht landen. »Wir schaffen Abhilfe«, lautet einer seiner zahlreichen Einträge zu Graffiti auf Facebook.

Boris Palmer hat allen illegalen Schmierereien ohnehin seit Langem den Kampf angesagt und für die Unistadt die Parole ausgegeben: Alle werden schnellstmöglich wieder beseitigt. Der OB hat das zur Chefsache erklärt, lässt in seinem kämpferischen Auftreten keine Toleranz für Graffiti, Tags und ähnlichem erkennen. Erst vor wenigen Tagen hatte er stolz den gereinigten und von Graffitis befreiten Fahrradtunnel von Tübingen präsentiert.

Kritik von Graffiti-Lobby

Der aktuelle Fall habe ihn bestärkt, seine Strategie gegen Schmierereien in Tübingen weiterzuverfolgen und auch zu forcieren, sagte er im GEA-Gespräch. Seit Beginn des Jahres sollen bekanntlich alle Graffitis, Tags und sonstige Schmierereien an Fassaden in der Stadt schnellstmöglich wieder übermalt und gleichzeitig zur Anzeige gebracht werden. »Es steht mittlerweile ein Malermeister in einer 24-Stunden-Bereitschaft, um Fassaden zu überstreichen und das Aufgesprühte oder Aufgekritzelte so schnell wie möglich wieder verschwinden zu lassen. Ich bin bislang mit der Arbeit des Malerbetriebes sehr zufrieden«, zog Palmer eine Zwischenbilanz. Gleichzeitig bekräftigte er seinen Aufruf an die Menschen in der Unistadt, alle Fälle zu melden und zur Anzeige zu bringen.

Gerade diese Strategie Palmers stößt in der Graffiti-Szene weiterhin auf Kritik. So sagte Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby-Berlin dem GEA: »Eine Belohnung auszusetzen, ist der falsche Weg. Das kriminalisiert die Sprayer zusätzlich. Belohnungen werden normalerweise für Verbrecher ausgesetzt.« Vielmehr müsse Tübingen in einen Dialog treten. Es fehle der gesellschaftliche Dialog in Tübingen. Zudem brauche es in der Stadt mehr »legale Wände«, auf denen Graffiti-Sprayer sich betätigen könnten.

So sehen die Sprayer mittlerweile Boris Palmer. Zu sehen am Tübinger Bauhof in der Weststadt.
So sehen die Sprayer mittlerweile Boris Palmer. Zu sehen am Tübinger Bauhof in der Weststadt. Foto: Irmgard Walderich
So sehen die Sprayer mittlerweile Boris Palmer. Zu sehen am Tübinger Bauhof in der Weststadt.
Foto: Irmgard Walderich

Für Palmer stehe unterdessen fest, dass sich die »Angst-Schmierereien« nicht in Verbindung bringen lassen mit der bekannten Graffiti-Szene in Tübingen. Dieser Fall sei ganz anders gelagert. Unzählige Male das Wort Angst in der Stadt zu hinterlassen, lasse bestimmte Schlussfolgerungen zu: »Da braucht jemand professionelle Hilfe. Möglicherweise liegt eine Angststörung vor«, vermutete Palmer. Deshalb habe er auch im Netz einen Link zur Beratungsstelle Youth-Life-Line veröffentlicht, wo Jugendliche in einer schweren Lebenskrise Hilfe finden. (GEA)