GOMARINGEN/BARDOLINO. Lange Zeit war Mallorca für ihn nicht mehr als ein Punkt auf der Landkarte. Für Thilo Weimar, den Fotografen, hatte die Insel nichts, was für sein Lieblingsmotiv Wein interessant gewesen wäre. Mallorca und Wein, das weckt meist die falschen Bilder im Kopf, Bilder vom Ballermann, wo Wein vorkommt in Form von Sangria, der aus Eimern getrunken wird. Ziemlich abschreckend. Umso mehr, wenn man in Bardolino wohnt, dem berühmten italienischen Weinort am Gardasee.
Heute hat Thilo Weimar ein ganz anderes Bild von Mallorca und seinen Weinen. Der Fotograf, die Insel – zwei Fäden einer Geschichte, die auf verschlungenen Wegen zueinander gefunden haben. Das Ergebnis ist ein Buch, das den Wein- und den Mallorca-Liebhaber eintauchen lässt in eine Welt, die vor einigen Jahren so noch nicht zu finden war.
Thilo Weimar hat auch nicht danach gesucht. Der Gomaringer hat am Mössinger Quenstedt-Gymnasium Italienisch gelernt – »mein Lehrer hatte großen Einfluss auf mein Leben« –, danach in Tübingen Biologe studiert und immer mal wieder für den GEA fotografiert. »Weil mein Bruder in Madrid war«, erzählt er, »wollte ich unbedingt auch ein Auslandssemester machen, aber in Italien.« Als alle Bewerbungen erfolglos waren, packte er einfach seinen Rucksack, fuhr nach Rom und hatte Glück: Er fand einen Platz in einem Labor, wo er an einem Projekt arbeiten und gleichzeitig seine Diplomarbeit über Proteine in Pflanzen schreiben konnte.
Sein Lieblingsthema war das nicht. »Eigentlich wollte ich mich mit Gewässerökologie beschäftigen. Dafür war in Deutschland aber kein Geld da«, erinnert er sich. Mittlerweile promoviert, hat ihn auch ein Wechsel an die englische Elite-universität Cambridge diesem Ziel nicht näher gebracht: »Ich war als Molekularbiologe in der Pflanzenphysiologie. In der Theorie war das gut, aber ich bin halt in einem Labor gelandet.«
Wissenschaft oder Wein?
Nebenher hat Thilo Weimar viel fotografiert und konnte auch Bilder in Zeitschriften veröffentlichen. Bei aller Liebe zur Biologie galt sein privates Interesse vor allem einer Pflanze: dem Wein. »Mein Chef«, erzählt er, »hat sich immer über mich lustig gemacht, weil ich mich, als ich nach England kam, zuerst bei der Wine Society angemeldet habe und dann erst im Gesundheitssystem.«
Und wie das Schicksal so spielt, hat der Gomaringer in Cambridge seine Partnerin kennengelernt, eine Italienerin aus Bardolino am Gardasee, wo die Familie in fünfter Generation ein Weingut bewirtschaftet. Woraus sich bald die Fragen ergaben: Cambridge oder Bardolino? Wissenschaft oder Wein? »Ich habe mich dann entschieden, mit dem Ortswechsel einen Themenwechsel zu verbinden und es mit der Fotografie zu versuchen.« Und wieder hatte Thilo Weimar Glück. »Ich habe über meine Freundin eine Journalistin kennengelernt, die eine Zeitschrift für den Gardasee herausgebracht und einen Fotografen gesucht hat.« Kleinere Aufträge der Provinz Verona folgten und des Verbands Weinstraße Bardolino, und bald darauf hatte er auch Erfolg mit Anfragen bei renommierten Zeitschriften wie dem amerikanischen »Wine Spectator«.
Doch damit nicht genug. Bald konnte Weimar Artikel über die Wein-Dynastie Antinori illustrieren und bald darauf ein ganzes Buch über die Familie, die seit fast 650 Jahren den Weinbau in Italien prägt. »Heute«, sagt er, »mache ich allerdings mehr für die direkte Konkurrenz, die Frescobaldis.« Auch keine schlechte Adresse: Das florentinische Adelsgeschlecht kann auf noch zwei Generationen Weinbau mehr zurückblicken als die Antinoris, hat in der Renaissance englische Könige, die Medici und die Fugger beliefert, und Michelangelo soll sogar Kunstwerke gegen Wein der Frescobaldis getauscht haben.
Kurz und gut: Für Thilo Weimar hat es gepasst: der Ortswechsel an den Gardasee und der Themenwechsel. »Ich fühle mich sehr zuhause in der Wein-Fotografie.« Womit der erste Faden der Geschichte gesponnen wäre.
Der zweite beginnt mit einer Männer-Freundschaft. Wolf Wilder, einer seiner besten Freunde, hat 1996 als damals führender Importeur spanischer Weine den Online-Handel Vinos aufgemacht. Später hat er ihn an den größten deutschen Online-Händler Hawesko verkauft und sich von dem Geld ein kleines Hotel auf Mallorca gekauft, wo er seinen Gästen ausschließlich mallorquinische Weine serviert. Und weil er einen guten Fotografen für die Werbung braucht, hat er Thilo Weimar nach Mallorca gelockt und ihm eines Tages vorgeschlagen: »Lass uns ein Buch über Wein aus Mallorca machen.«
Wein aus Mallorca? Eine wechselvolle Geschichte. Die erste Blüte unter den Römern, eine florierende Produktion vor allem von süßen Malvasia-Weinen zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert, ein Boom von 1862 bis 1891, als die Reblaus in Frankreich wütete. Als sie jedoch 1892 auch Mallorca erreichte, war es vorbei mit der Erfolgsgeschichte. Nach einer kurzen Wiederbelebung im 20. Jahrhundert stoppte der spanische Bürgerkrieg die Entwicklung. Später gaben viele Winzer auf und investierten in den Tourismus und die Baubranche.
Immer mehr Weingüter
Der Tiefpunkt war um 1980 erreicht, als es auf der Insel nur noch ein halbes Dutzend Weinproduzenten mit einer Fläche von weniger als 500 Hektar gab. Zwar wurde von den Touristen viel Wein konsumiert, aber der kam vom spanischen Festland. Erst in den 1990er-Jahren setzte eine Wiederbelebung des Weinbaus ein, die sich im neuen Jahrtausend zu einem wahren Boom auswuchs. Die Zahl der Bodegas, der Weingüter, stieg auf über hundert, die Anbaufläche wuchs auf fast 3.000 Hektar.
Stoff genug also für ein Buch über den Weinbau auf der Lieblingsinsel der Deutschen. »Wir haben Kontakt zu Jürgen Mathäß aufgenommen, einem der renommiertesten deutschen Wein-Journalisten«, erzählt Thilo Weimar. »Ihm hat die Idee gefallen, und an einem späten Abend, nach mehreren Gläsern Wein, haben wir beschlossen: Wir machen das.«
Aber wie das so ist: Die Idee ist das eine, die Umsetzung etwas ganz Anderes. Die Angebote der Verlage haben ihnen nicht gefallen, sodass sie sich dafür entschieden haben, das Buch im Eigenverlag herauszubringen. Das heißt: alles vorfinanzieren, auch gleich die englische Übersetzung. Weimars Fazit: »Man kann getrost sagen: Wir alle haben den Aufwand, auch den finanziellen, unterschätzt.« Doch jetzt ist das Buch fertig, erhältlich über Amazon, noch nicht über den Buchhandel. Oder direkt auf Mallorca, in den Bodegas und verschiedenen Geschäften. Und Thilo Weimar ist überglücklich: »Es war ein großartiger Moment, das erste Exemplar in der Hand zu halten.«
Für die Fotos hat er mehr als tausend Kilometer auf Mallorca zurückgelegt, wenig von den Stränden und Buchten gesehen, aber viel vom Landesinneren – und ist einfach nur fasziniert: »Die Insel ist wahnsinnig schön.« Alle der rund hundert Bodegas hat er besucht, 55 von ihnen stellt das Buch vor, ausgewählt vor allem nach der Qualität des Weins. Dazu gibt es für Mallorca-Urlauber eine Fülle von nützlichen Tipps wie Hinweise auf Hotels mit besonderen Angeboten für Wein-Liebhaber, auf Restaurants mit ausgewählten lokalen Weinen und auf Geschäfte mit einem guten Sortiment mallorquinischer Tropfen.
Daneben findet sich ein Kapitel über »Investoren und Liebhaber«, Ausländer, vor allem Deutsche und Schweizer, die sich auf Mallorca ihren Traum vom eigenen Weingut erfüllt und die neue Blüte des Weinbaus zum Teil wesentlich mitgeprägt haben. Bei den Recherchen dafür hatte Thilo Weimar eine Begegnung, bei der er dachte: »Dieser Dialekt kommt mir doch bekannt vor.« Gut gehört: Es war der Reutlinger Hartmut Kittelberger.
700 Flaschen pro Jahr
Er hatte in der Zeitung auf Mallorca von der Firma Wein-Wert gelesen, die, betrieben von dem deutschen Önologen Henri Fink, hauptsächlich für Ausländer Weingüter im Service anlegt und bewirtschaftet. Hartmut Kittelberger hatte Platz, und nach drei Monaten Arbeit mit Bagger und Presslufthammer waren 850 Weinstöcke der Sorten Macabeu und Sauvignon Blanc gepflanzt.
Groß ins Weingeschäft einsteigen will und kann der Reutlinger damit jedoch nicht: »Das ist kein Renditeobjekt. Mini-Winzer wie ich können ihren Wein nicht in Restaurants unterbringen.« Dafür sind die rund 700 Flaschen, die er im Schnitt pro Jahr produziert, viel zu wenig. »Es ist ein Hobby«, sagt er.
»Wenn es gerade passt, sind wir bei der Weinlese dort. Die Bewirtschaftung überlassen wir aber weitgehend Wein-Wert. Ich laufe ab und zu mal durch das Weinfeld und gucke mir die heranreifenden Trauben an.« (GEA)


