GOMARINGEN. Knapp war es. Sehr knapp. Ohne die Geistesgegenwart von Uwe Anetzberger wäre der GEA achtlos im Papiermüll gelandet. Im Normalfall geht das einer Tageszeitung wohl täglich so. Nur den wenigsten Ausgaben wird die Ehre zuteil, einen prächtigen Blumenstrauß zu schützen oder als alternative Verpackung für ein liebevolles Weihnachtsgeschenk zu dienen - nach dem eigentlich Zweck, über das Tagesgeschehen zu informieren. Aber dieser Fall ist besonders: Anetzberger rettete kürzlich eine Ausgabe vom 22. September 1961.
Versteckt war sie in einer Zwischenwand hinter alten Holzschränken, die im Zuge der Renovierung des ehemaligen Physiksaals der Gomaringer Schlossschule abgebrochen wurde. »Als Glücksbringer« müsse sie dort platziert worden sein, so die Interpretation von Schulleiter Magnus Klinzing und Hausmeister Anetzberger. Denn das Datum könnte nur schwerlich ein Zufall sein: Nur einige Wochen später war die Schlossschule ebenfalls im Jahr 1961 fertiggestellt worden.

Zumal decke sich das Handeln der Erbauer mit einem Brauch, der bis heute fortbesteht: Um Glück und Wohlstand zu beschwören, wird eine »Zeitkapsel« im Gemäuer versteckt - also Gegenstände von Zeitzeugen, die als historische Zeugnisse von späteren Generationen gefunden werden sollen. Dazu gehört auch oft eine Zeitung, die Auskunft über den Zeitpunkt der Fertigstellung geben und eine Momentaufnahme der Vergangenheit bieten soll.
»Ich habe davon gar nichts gewusst«, sagt Rektor Klinzing mit Blick auf die versteckte Zeitung. Da die Renovierungsarbeiten in den Sommerferien stattgefunden hätten, sei kaum Personal in der Schule gewesen, um die Zeitkapsel als solche zu bemerken. Doch Anetzberger schätzte den Wert des Zufallsfundes richtig ein und hinderte die Bauarbeiter, die den GEA von 1961 fanden, am Wegwerfen.
Die hätten sich zwar über das Kuriosum amüsiert, aber keine weitere Verwendung mehr für das vergilbte Blatt gesehen. »Ich dachte mir: Das ist doch interessant und die kann man vielleicht noch für den Unterricht gebrauchen«, erklärt der Hausmeister, der selbst einmal Schüler an der Schlossschule war.
»Wäre schön, wenn man's vergessen würde«
Gesagt, getan: In Zusammenarbeit mit der Schulleitung ist die GEA-Ausgabe mittlerweile von einer Gomaringer Druckerei digitalisiert worden und hängt in lebensgroßer und laminierter Ausführung nahe des Fundorts - sodass sich interessierte Schüler anschauen können, wie vor rund 65 Jahren Zeitung gemacht wurde.
Ein Blick in die glücklicherweise nur leicht ramponierte Originalausgabe eröffnet nämlich spannende Einblicke in vergangene Zeiten: Neben heute wohl undenkbaren Produkt-Werbungen für Tabak-Marken (»Es war eine glückliche Hand, die jene Mischung fand, aus der die Kurmark entstand«) und überholter Ratgeber-Literatur (»Die Frau und ihre Welt - Nicht zu lange mit dem Waschen warten«), lässt der Preis für 125 Gramm Kaffeepulver (DM 9,50 - »coffeinfrei« nur 40 Pfennig mehr) und dem tiefgefrorenen »US-Delikateß-Brathähnchen« für DM 4,65 schlucken. »Die gibt's heute noch«, sagt Anetzberger und deutet auf eine Anzeige der - zumindest damals sogenannten - Gomaringer Möbelfabrik Pflumm. Ein seitenhohes Radioprogramm findet man indes in heutigen Zeitungen wohl eher nicht mehr. Immerhin waren aber noch 2.000 Besucher ins Reutlinger Freibad - und das Ende September.
Schulleiter Klinzing sieht in dem Fund auch den Mehrwert für den Unterricht. Man könne »toll mit den neuen Tafeln arbeiten«, die das professionelle Digitalisat des antiken GEA mit allen Details und gut erkennbar im Klassenzimmer zur Geltung brächten. Zudem sei es ein guter Anlass, denn Schülern das Thema »Zeitung« näherzubringen - ganz zu schweigen vom offensichtlichen historischen Interesse.
Für Klinzing und Anetzberger ist auf jeden Fall klar, dass sie die Tradition der Erbauer fortführen wollen und erneut einen GEA zusammen mit der alten Ausgabe im frisch renovierten Unterrichtssaal verstauen möchten. »Für altes und für neues Glück«, sagt der Hausmeister und schmunzelt. Doch weil mittlerweile zu viel Elektronik in den Wänden verbaut ist und es in modernen Gebäuden keine klassischen Zwischenwände mehr gibt, wird der neue Verwahrungsort wohl die Saaldecke - immerhin auf Höhe des ursprünglichen Fundorts.
Für ihre Nachfolger haben die beiden Männer einen verständlichen, für den Schulalltag aber eher ungewöhnlichen Wunsch: »Wäre schön, wenn man's vergessen würde«, sagt der Schulleiter und lacht. Damit die zukünftige Generation hoffentlich genauso viel Freude an dem Zufallsfund haben wird wie Klinzing und Anetzberger heute. (GEA)


