KUSTERDINGEN. Nach ihm ist eine Gräsersorte benannt: das Lampenputzergras Pennisetum »Cassian«, in Pflanzenkatalogen als reichblühend und zuverlässig beschrieben. Auch sonst hat der Name Cassian Schmidt in Gartenkreisen einen hervorragenden Klang. Der 60-Jährige ist international bekannt als Experte für Pflanzenverwendung und Pflanzkonzepte. Als langjähriger Leiter des Hermannshofs in Weinheim hat er den Schau- und Sichtungsgarten dort zur Pilgerstätte für Profi- und Hobbygärtner gemacht. Vor allem seine naturnahen, ästhetisch hoch anspruchsvollen Pflanzungen mit Präriestauden haben viele Gartenplaner inspiriert. Am 13. Oktober kommt Cassian Schmidt zu einem Vortrag über »Attraktive Doldenblütler für den naturnahen Garten« nach Kusterdingen. Vorab erklärt er, wie man mit Pflanzen Städte kühlt, warum Gärtner den Klimawandel nicht fürchten müssen, und weshalb es ohne Mulch nicht geht.
VORTRAG VON CASSIAN SCHMIDT
Attraktive Doldenblütler für naturnahe Gärten
Kennen Sie den Hirsch-Haarstrang? Oder den Bergfenchel? Beides sind Doldenblütler, die jeden Garten zieren. Bekannte und unbekannte Arten dieser Pflanzenfamilie stellt Cassian Schmidt bei seinem Vortrag »Attraktive Doldenblütler für den naturnahen Garten« vor. »Sie werden bisher leider noch vernachlässigt«, sagt der Experte. Dabei gibt es unter den mitteleuropäischen Vertretern eine große Vielfalt für alle Standorte. Die Doldenblütler haben einen hohen ökologischen Wert, weil sie als Futterpflanzen für viele Insektenarten interessant sind. Die meisten sind außerdem klimafeste Gewächse, die trockene Sommer ebenso wegstecken wie nasse Winter. Der Vortrag beginnt am Freitag, 13. Oktober, um 19.30 Uhr, im Gemeindehaus in Kusterdingen (Hindenburgstraße 44). Veranstalter ist die Regionalgruppe Reutlingen-Tübingen der Gesellschaft der Staudenfreunde. (GEA)
GEA: Herr Schmidt, welche Themen werden in Gartenfachkreisen gerade am heißesten diskutiert?
Cassian Schmidt: Es geht viel um das Stadtgrün, an dem die privaten Gärten einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Wir hatten kürzlich eine große internationale Konferenz in Mannheim mit 470 Teilnehmern aus 27 Ländern. Da wurde überlegt, wie die Pflanzungen der Zukunft aussehen müssen. Es gibt drei große Herausforderungen: die Städte kühlen, Wasser speichern und Ressourcen schonen. Es geht unter anderem darum, mit dem vorhandenen Boden zu arbeiten, nicht mehr so viele Substrate zu verwenden, Dünger und Wasser zu sparen. Ansaaten sind zum Beispiel in Zeiten des Klimawandels eine gute Anpassungsstrategie, weil Pflanzen bei direkter Saat besser wurzeln, als wenn man Jungpflanzen setzt. Die tiefe Durchwurzelung ist ein Erfolgsgeheimnis, wenn es um die Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit geht.
Wie kühlt man Städte mit Pflanzen?
Schmidt: Pflanzen verdunsten Wasser, das hat einen kühlenden Effekt. Das erreicht man zu einem kleinen Teil mit Stauden; Gehölze, also Sträucher und Bäume, sind hier noch wichtiger. Da gibt es aber auch einen gewissen Konflikt: Wir müssen trockenheitstolerante Stauden und Gehölze pflanzen, die jedoch im heißen Sommer gerade durch ihre gute Anpassung an die Hitze wenig Wasser abgeben, also wenig zur Kühlung beitragen. Steppensalbei, Katzenminze, Lavendel zum Beispiel: Das sind Pflanzen, die sehr kleine, schmale Blätter haben und dadurch Trockenheit gut aushalten. Kühlung durch Verdunsten erreicht man aber nur über viel Blattmasse und indem man Wasser ins System hineingibt. An Möglichkeiten dazu wird geforscht. Ebenso an Systemen, die Wasser zurückhalten, die dafür sorgen, dass es langsam im Boden versickert. Das sind Muldensysteme oder auch Mulden-Rigolen-Systeme, die bisher meist nur mit Rasen begrünt werden. Ein Ziel der Forschung ist es, durch Bepflanzung mit Stauden und Gehölzen einen größeren Effekt für die Verdunstung zu erzielen. In Zukunft sollte es in jedem neuen Baugebiet Standard sein, dass das Oberflächenwasser und Dachwasser in solchen Systemen versickert und nicht in die Kanalisation abfließt, wo es bei Starkregen gewaltige Probleme macht. Die »Schwammstadt«, die Wasser speichert, ist ein großes Thema, bei dem Pflanzkonzepte eine Rolle spielen. Die Pflanzen, die man dafür braucht, müssen einerseits wochenlange Trockenheit aushalten und dann aber auch tagelange Flutungen.
»Mulchen spart mindestens 20, 30 Prozent Gießwasser«
Auch Hobbygärtnern macht der Klimawandel zu schaffen. Was tun?
Schmidt: Ein Privatgarten hat vielfältige Nutzungen, die sollten erhalten bleiben. Er dient der Produktion der eigenen Nahrungsmittel, er dient der Erholung, und er fördert die Artenvielfalt. Bei diesem Aspekt darf man die Fläche der privaten Gärten nicht unterschätzen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, dass man nur heimische Pflanzen verwenden sollte. Studien zeigen, dass es auf Vielfalt ankommt und es für die Insekten nicht so entscheidend ist, ob alle Pflanzen aus der heimischen Flora stammen. Aus gärtnerischer Sicht brauchen wir uns vor dem Klimawandel nicht zu fürchten. Wir haben unendlich viele Pflanzen und ausgeklügelte Staudenmischungen, die da gut funktionieren. Ich habe zum Beispiel Präriemischungen entwickelt, »Präriemorgen« oder »Präriesommer«, die eher nordamerikanische Pflanzen enthalten, die Mischung »Silbersommer« hat 60 Prozent heimische Pflanzen. Es gibt aber auch rein heimische Pflanzkonzepte. Inzwischen sind über 40 solcher Staudenmischungen für unterschiedliche Standorte entstanden. Die sind nicht nur für Verkehrsinseln brauchbar, sondern auch für den Privatgarten. Man kann sich auch in einer guten Staudengärtnerei beraten lassen, wie eine klimaresistente Pflanzung aussehen kann. Wichtig ist, Bodenbeschaffenheit und Standort zu kennen. Staudenmischungen helfen, das Richtige zusammen zu pflanzen. Das ist das Geheimnis nachhaltiger Pflanzungen: Die Kombination muss stimmen.
Noch mehr Tipps für Hobbygärtner?
Schmidt: Man sollte im Garten mehr Laissez-faire walten lassen, unsere Gärten sind oft zu ordentlich. Sehr wichtig ist richtiges Wässern: einmal in der Woche intensiv, damit das Wasser in die Tiefe geht, nicht jeden Abend ein bisschen herumsprenkeln. Besser morgens gießen als abends. Auch sehr wichtig: mulchen. Damit spart man mindestens 20, 30 Prozent an Gießwasser, weil die Mulchschicht Feuchtigkeit im Boden hält. Im Halbschatten, Schatten oder im Gemüsebereich kann man organisches Material nehmen, zum Beispiel aus dem eigenen Staudenrückschnitt. Ich verwende in meinem Privatgarten alles wieder. Am besten kauft man sich einen Gartenhäcksler und häckselt alles durch, dann kann man es als Mulch gleich wieder verteilen. Auf sonnigen Flächen ist mineralisches Material besser. Pflastersand zum Beispiel in der Körnung null bis fünf Millimeter, der ist günstig und auch für bodenbrütende Insekten sehr gut. Man kann auch Gemische aus Sand und Splitt oder Kies nehmen. Denn die hitzeverträglichen Pflanzen, die aus Magerrasen- und Steppengebieten stammen, vertragen keinen organischen Mulch. Die dritte Mulchart sind die Pflanzen selber, wenn sie mit ihren Blättern die Bodenoberfläche bedecken. Auch das verhindert Verdunstung.
Viele trockenheitsliebende Pflanzen wachsen in schweren, nährstoffreichen Böden aber nicht gut.
Schmidt: Ich halte nichts davon, den Boden auszutauschen. Wenn ich auf Lehm gärtnere, kann ich zwar mit Sand mulchen, aber das magert den Boden nicht ab. Ich muss dann Pflanzen nehmen, die mehr Nährstoffe vertragen. Die Staudenmischung »Präriesommer« zum Beispiel, da sind trockenheitsverträglichere Sonnenhüte drin wie der bleiche Sonnenhut (Echinacea pallida). Als kurzlebiger Lückenfüller hat sich die Kokardenblume (Gaillardia) in vollsonnigen trockenen Bereichen sehr gut bewährt, viele Salbei-Arten, das Brandkraut (Phlomis), die Königskerzen (Verbascum), die niedrigeren Arten der Scheinaster (Vernonia). Diese Pflanzen vertragen nährstoffreichere Böden und auch Regenperioden im Herbst oder Winter. Heimische Stauden von den warmen Gehölzrändern sind ebenso geeignet, etwa Blutstorchschnabel-Sorten. Wenn man einen ganz schweren tonig-lehmigen Boden hat, wie das in Reutlingen oft der Fall ist, dann sollte man mittelhohe Präriestauden nehmen, auch Astern oder niedrige Sonnenbraut-Arten funktionieren auf Lehm besser als die ganz trockenheitsverträglichen Stauden.
Jedem Gärtner blutet das Herz, wenn ein Hagelunwetter den Garten zerstört. Was hilft dann? Radikales Zurückschneiden der Stauden?
Schmidt: Ja. Wenn der Hagel nicht zu spät im Jahr kommt, regenerieren sich die Stauden, die haben Reservestoffe und blühen oft sogar nach. Das zerfetzte Grün kann man als Mulch liegen lassen. Wenn man vom optischen Verlust absieht, kann so ein sommerlicher Schröpfschnitt sogar ganz heilsam sein. Das erhöht die Vielfalt, weil konkurrenzstarke Pflanzen in ihrer Kraft zurückgeworfen werden und andere so wieder Chancen haben. Bei Gehölzen können die Wunden vom Hagel zu Eintrittspforten für Pilzerkrankungen werden. Aber auch das ist etwas Natürliches, das sollte die Flora wegstecken können. Gemüse und Obst regenerieren sich nicht, da ist es wirklich eine Katastrophe. (GEA)
ZUR PERSON
Cassian Schmidt wurde 1963 in Essen geboren; er ist Landschaftsarchitekt und Staudengärtnermeister. Eine Anstellung in den USA weckte sein Interesse an Gräserverwendung und Präriepflanzen. Von 1998 bis 2023 war Schmidt Leiter des Schau- und Sichtungsgartens Hermannshof in Weinheim. Seit 2010 ist er Honorarprofessor für Pflanzenverwendung und Pflanzplanung an der Hochschule Geisenheim University, seit 2004 Vorsitzender des Arbeitskreises Pflanzenverwendung im Bund deutscher Staudengärtner (BdS) und Mitglied im BdS-Arbeitskreis Staudensichtung. Schmidt ist Autor von Büchern und vielen Fachartikeln, hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland. Er lebt in Weinheim. (GEA)


