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Die Tübinger Schlosshof-Reihe ist jetzt doch gerettet

Erst kamen die Fledermäuse in die Quere, dann der Brandschutz, dann wurde die Reihe Opfer des Sparzwangs. Bis anonyme Spender auftauchten.

Mit der Konzertreihe verwandelt die Universitätsstadt Tübingen den Schlosshof im Sommer in einen stimmungsvollen Konzertsaal.
Mit der Konzertreihe verwandelt die Universitätsstadt Tübingen den Schlosshof im Sommer in einen stimmungsvollen Konzertsaal. Foto: De Madddalena
Mit der Konzertreihe verwandelt die Universitätsstadt Tübingen den Schlosshof im Sommer in einen stimmungsvollen Konzertsaal.
Foto: De Madddalena

TÜBINGEN. Eine geradezu legendäre Konzertbühne. Stars wie die Gitarristen John McLaughlin und Paco de Lucia absolvierten im Schlosshof vor 3.000 Besuchern ihre umjubelten Tübinger Auftritte. Der Club Voltaire nutzte ihn in den 1970er- und 1980er-Jahren für seine Festivals als stimmungsvollen Spielort. Doch dann war Schluss.

Der Grund: Die Fledermauskolonie war nach der Sanierung im Dachgeschoss in den Schlosskeller umgezogen. Die Großen Mausohren suchten Unterschlupf, weil die Balken in ihrem angestammten Quartier mit giftigen Holzschutzmitteln behandelt worden waren. Der feuchte Keller ist alles andere als ideal. Die Aufzucht des Nachwuchses gilt als problematisch. Jede Störung kann den Tod vieler Jungtiere bedeuten.

Also keine Konzerte mehr in der stimmungsvollen Schlosshof-Kulisse? Nach jahrelangen Verhandlungen war klar: Mit einigen Auflagen zum Schutz der Tiere könnte es gehen. »Mit Klassik sind die Fledermäuse einverstanden«, verkündete OB Boris Palmer seinerzeit.

Fast wie beim Stuttgarter Fernsehturm

Hoffnungsfroh startete man 2013 einen neuen Anlauf - und musste wenig später eine Vollbremsung hinlegen. Kein zweiter Fluchtweg vorhanden! Der Brandschutz verhinderte nun die sommerliche Reihe im Tübinger Schlosshof. »Fast wie beim Stuttgarter Fernsehturm«, schimpfte Palmer. »Der gesunde Menschenverstand sagt Ja, aber die Vorschriften machen es unmöglich.« Die Stadt Tübingen verzichtete auf die geplante Reihe mit sechs Open-Air-Konzerten. Die Orchester und Chöre zogen in ihre Ausweichquartiere (Stiftskirche und Festsaal der Neuen Aula) oder sagten den Auftritt ganz ab. In der öffentlichen Diskussion hielt sich hartnäckig der Irrtum, die Fledermäuse seien schuld.

Ein Jahrzehnt lang blieben Verhandlungen, Gutachten und Ortstermine erfolglos. Dann wurden Veranstaltungen doch unter Einschränkungen erlaubt. Die Stadt organisierte 2022 fünf Abende mit Klassik und Jazz. Das Publikum blieb zurückhaltend. Nur etwas mehr als 300 Besucher wagten sich pro Abend in den Schlosshof.

Im Rathaus ging man mit der Enttäuschung souverän um. »Das Programm war eigentlich aus dem Hut gezaubert«, erinnert sich Kulturamtsleiterin Dagmar Waizenegger. »Die Genehmigung kam sehr kurzfristig.« Dass es Anlaufschwierigkeiten gibt, ist bei solchen Reihen nichts Ungewöhnliches.

Zahl der Zuschauer verdoppelt

Stück für Stück gab das Publikum seine Reserviertheit auf. In der Saison 2025 war der Zuschauerschnitt auf fast das Doppelte gestiegen. »Die Auslastung lag bei 80 Prozent«, gab das Rathaus bekannt. Auftritte wie der von Ute Lemper ließen die Fans noch lange danach schwärmen.

Doch wieder sorgten die äußeren Umstände für Ratlosigkeit bei den Kulturleuten. Tübingen darf nicht mehr nach Belieben wirtschaften. Das Regierungspräsidium legt fest, was aus dem Haushalt überhaupt umgesetzt werden kann. Das Kulturamt stimmte die Musikhörer auf eine Zwangspause ein. Der Gemeinderat setzte die Konzert-Reihe sogar ganz generell auf die Streichliste. Die Zeitungen meldeten das Aus für die Schlosshof-Konzerte.

Die Rettung kam jetzt von privater Seite. Ein Ehepaar, das anonym bleiben will, spendete 50.000 Euro. Die Sponsoren (Erbe-Elektromedizin und Kreissparkasse) erhöhen ihren Zuschuss. Das allein reicht noch nicht. Aber es bildet den Sockel, damit es 2026 doch eine Neuauflage geben kann - »mit minimalen Mitteln aus der Stadtkasse«.

Logistisch eine Meisterleistung

»Wir sind sehr glücklich«, sagt Dagmar Waizenegger im Kulturamt. »Aber zeitlich ist es schon wieder knapp.« Viele Künstler und Agenturen haben den Jahresverlauf schon ziemlich fest geplant. Die Tübinger müssen sich sputen.

Und sie stehen vor dem Problem, dass sie einen Spielort haben, bei dem viele Fachleute dankend ablehnen würden. Logistisch ist die Reihe in dem mehr als 500 Jahre alten Gemäuer nämlich eine schwierige Sache. »Es ist ein toller Ort. Aber für den Transport bringt er ein paar erhebliche Nachteile.«

Das Schloss ist eine alte Festungsanlage, die Tore sind schmal - der Durchgang oben ist nur 2,32 Meter breit. Wie baut man dort eine Bühne auf? In den meisten Fällen fährt einfach ein Sattelschlepper vor. Aber der würde in Tübingen nicht durchs Portal passen. Deswegen wird am Festplatz unten im Tal umgepackt und alles in Paketen hoch geliefert.

Ein Flügel? Passt durch. Aber nur quer.

Was ist mit dem Flügel? Der passt durch. Aber nur quer. Und da darf nichts schiefgehen. Dixi-Klos können aufgestellt werden, aber der Wagen, der sie leeren soll, ist zu breit. Dafür musste man eine eigene Lösung finden.

Und auch die Künstler müssen Kompromisse eingehen. Eine Garderobe wie sonst überall üblich, steht dort oben nicht zur Verfügung. Waizenegger lobt das Entgegenkommen der anderen Schlossnutzer. Die Theologen haben den Veranstaltern die kleine Schlossküche geöffnet. Inzwischen weiß man auch, dass man den Seminarraum der Archäologen nutzen kann.

Somit müsste der Schlosshof im Sommer wieder mit Musik erfüllt werden können. Das Programm soll in wenigen Wochen bekanntgegeben werden. Und um alle Vorgaben des Brandschutzes zu erfüllen, wird Security angeheuert, die nicht etwa Eingangskontrollen macht oder angeheiterte Konzertbesucher zur Mäßigung auffordert. Sie zeigen den Besuchern im Fall des Falles stattdessen, wo sie sich in Sicherheit bringen können. (GEA)