TÜBINGEN. Defossilisierung: Die geht noch einen Schritt weiter als die Dekarbonisierung. Es ist die Abkehr von jeglichen fossilen Brennstoffen - also weg von Gas, Öl und Kohle. Bei der Kreisbau Tübingen heißt das: Die Wohnungsbaugesellschaft will bei den anstehenden Sanierungen ihres Wohnungsbestands auf erneuerbare Energien setzen. Bis 2045 soll so die Klimaneutralität erreicht werden. »Das ist nur mit Defossilisierung möglich«, erklärt Geschäftsführer Matthias Sacher. Ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel, denn Wohngebäude verursachen laut Kreisbau rund ein Drittel der CO2-Emissionen. Dabei setzt die Kreisbau auf Fernwärme und Wärmepumpen, die durch regenerative Energie betrieben werden.
Erklärtes Ziel ist es, die Energieeffizienzklasse - wie man sie beispielsweise von Kühlschränken kennt - auf A zu bringen. Einige wenige Objekte sind noch absolutes Schlusslicht und ließen sich bei Energieklasse H bis F einordnen. »Wir sind aber jetzt schon auf einem sehr guten Weg«, so der Geschäftsführer. Der Emissionsausstoß liegt bei 17,1 Kilogramm CO2-Ausstoß pro Quadratmeter im Jahr - also deutlich unter dem deutschlandweiten Median von 41,06 bei vergleichbaren Wohnungsbaugesellschaften.
Schwieriger Spagat
Um ihr Ziel zu erreichen, ist die Kreisbau aber auf die Mithilfe der Mieter angewiesen. »A ist kaum zu erreichen, wenn eine Mieteinheit im Winter bei offenen Fenstern heizt.« Weshalb die Kreisbau Energieberater ausbildet, die Bewohnern mit Tipps und Ratschlägen zur Seite stünden.
Die Maßnahmen haben aber nicht nur Vorteile fürs Klima. »Es geht dabei auch um Energiesouveränität«, sagt Sacher. Die weltpolitische Abhängigkeit Deutschlands bei der fossilen Energieversorgung habe sich in den vergangenen Jahren für alle sichtbar gezeigt. Ein gutes Sanierungsprogramm, mit dem Fokus auf den Erneuerbaren, kann dagegenwirken - und gleichzeitig die zukünftigen Kosten für die Mieter gering halten.
Für die Kreisbau ist der Spagat zwischen Investition und Gewinn erwirtschaften gar nicht so leicht, denn das Unternehmen hat einen sozialen Auftrag: Wohnraum für jedermann zu schaffen - häufig für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Dafür müssen die Mieten und Nebenkosten zum einen trotz Sanierung bezahlbar bleiben, zum anderen sollen Bewohner während der notwendigen Arbeiten nicht aus ihren Heimen verdrängt werden. In Bodelshausen, »was deutschlandweit für mediale Aufmerksamkeit gesorgt hat«, wie Sache zugibt, habe man erstmals die Sanierung mit parallel weiterlaufenden Mietverhältnissen gewagt. Das lief nicht immer konfliktfrei.
Erhöhung von zwei Euro pro Quadratmeter
Nachdem sich die Wogen jedoch geglättet hatten, hat sich bei einer Mieterversammlung die Mehrheit positiv bezüglich der Maßnahme ausgesprochen, wie der Geschäftsführer betont. Unannehmlichkeiten, wie vorübergehende Toiletten- und Sanitärcontainer während der Bad-Renovierungen, wurden mit erlassenen Mietzahlungen kompensiert. Um die Menschen nicht in andere - oft deutlich teurere - Mietverhältnisse zu treiben, müsse diese Methode bei den Sanierungen weiterhin in Betracht gezogen werden, sagt Sacher.
Denn verließen Mieter für die kurze Zeit der Sanierung ihre Wohnung, kämen sie wohl nicht mehr zurück und müssten viel teurer wohnen. Durchschnittlich vermietet die Kreisbau für 8,17 Euro pro Quadratmeter kalt. Zum Vergleich: In Tübingen muss man auf dem regulären Markt laut Mietspiegel das Doppelte berappen. Und Mieter kurzfristig in anderen Objekten der Kreisbau unterzubringen, ist auch kaum möglich. Dafür gebe es schlicht keinen Platz.
Das wirtschaftliche Modell der Kreisbau scheint zu funktionieren. Finanziell ist das kommunale Wohnungsunternehmen »kerngesund«, erklärt der Geschäftsführer. Bei einer Bilanzsumme von rund 209 Millionen Euro verfügt die Kreisbau momentan über ein Investitionsvolumen von knapp 11 Millionen Euro. Die 18 Gesellschafter besitzen über insgesamt 2.371 Mietwohnungen, die den mit Abstand größten Teil der Immobilien ausmachen. Dazu kommen 90 Einheiten gewerblicher und pflegerischer Nutzung und knapp 900 Garagen.
Großteil der Immobilien bereits saniert
Die gute Nachricht: Der Großteil des Bestands ist bereits saniert. Knapp 20 Prozent der Immobilien fehlen noch. Die entpuppen sich indes aber als Wundertüte. »Bei den Gebäuden aus den 50ern und 60ern war die Sanierung aufgrund der Baustoffe recht leicht«, erläutert Sacher. Ab Baujahr 1970 seien aber vermehrt Asbest und andere Baustoffgemische verwendet worden, die viel Arbeit erfordern. »Da weiß man teilweise auch nicht genau, was auf einen zukommt«. Das mache intensive und teure Voruntersuchungen notwendig.
Die Sanierungen haben auch finanzielle Vorteile. »Bei einem Neubau müssten wir mit 12 bis 14 Euro pro Quadratmeter Mietkosten rechnen«, so Sacher. Nach der Sanierung in Bodelshausen wachse beispielsweise der Quadratmeterpreis um 2 Euro auf 8,42 Euro. Verkäufe, um die Kassen aufzubessern, sei aber keine Option: »Wir sind Bestandshalter.« Abreißen und Neubauen ebenso wenig - es sei denn, es ergebe Sinn und könne die Mieten unten halten. Die Liegenschaften verteilen sich über das gesamte Steinlachtal bis nach Kirchentellinsfurt - mit einigen lokalen Schwerpunkten. Die Hälfte der Immobilien besitzt die Kreisbau in Tübingen und Mössingen. (GEA)

