KUSTERDINGEN. Manuel Hailfinger, der eigentlich den Wahlkreis Hechingen-Münsingen im Stuttgarter Landtag vertritt, begleitete dabei Dr. Max Menton, der für die CDU im Wahlkreis Reutlingen antritt, zu welchem aber auch die Gemeinden Dußlingen, Gomaringen, Kirchentellinsfurt, Kusterdingen und Nehren aus dem Landkreis Tübingen gehören. Thomas Poreski (Grüne) erhielt hier bei den beiden vergangenen Landtagswahlen das Direktmandat, das Menton nun für die Christdemokraten zurückerobern will. Dafür touren die Unionsvertreter nun durch die Region - in Kusterdingen nahmen sich die Wahlkämpfer rund zwölf Stunden Zeit. Zum CDU-Tross gehörte dabei auch die Zweitkandidatin Martina Seif aus Dusslingen und Christoph Naser, der für die Union bei der Bundestagswahl in Tübingen siegte, den Einzug in den Bundestag aber verpasste.
»Wir haben heute viele Menschen kennengelernt, die etwas bewegen und sich für unsere Gesellschaft engagieren«, bilanzierte Jens Deichmann, Vorsitzender des 18-köpfigen CDU-Gemeindeverbandes, am Ende des Tages. Zuvor hatten die Unionsvertreter den Geflügelhof Kasch in Mähringen, die Wankheimer Schreinerei Binanzer, die Firma Allstar in Kusterdingen und den DRK-Ortsverein Kusterdingen-Kirchentellinsfurt besucht. »Diesen Menschen müssen wir zuhören und sie vertreten«, machte Deichmann deutlich, der selbst im Kusterdinger Gemeinderat engagiert ist. Dr. Max Menton nahm den Ball auf - und spielte ihn zurück: Der Wahlkreiskandidat dankte Deichmann für dessen ehrenamtliches Engagement an der Basis und die Organisation der Tour durch die Härtengemeinde.
90 Seiten Risikoanalyse
Den Politikern wurde viel auf den Weg mitgegeben. Etwa von Allstar-Geschäftsführer Frank Messemer. Dessen Unternehmen ist Weltmarktführer im Fechtsport und stellt von den Fechtwaffen über die Wettbewerbscomputer bis hin zur Schutzkleidung alles her, was für die Sportart benötigt wird. 55 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in Kusterdingen, einige weitere sind in Heimarbeit tätig, dazu beauftragt Allstar Lohnnähereien in Betzingen, auf der Alb sowie in Bulgarien und Rumänien. Die großen Computer für Fechtturniere werden in Reutlingen hergestellt. »Wir würden gerne mehr in Deutschland produzieren, aber wir finden nicht genügend Personal«, berichtete Janina Messemer, die als Co-Geschäftsführerin den Generationenwechsel in dem Familienunternehmen vorantreibt. Ausgebildete Näher seien in Deutschland kaum zu finden, neue Mitarbeiter seien häufig im arabischen Raum ausgebildet worden. Für Allstar sind dies dringend benötigte Fachleute - dennoch droht einem Mitarbeiter nun die Abschiebung, sagte Frank Messemer und erntete Kopfschütteln bei den Anwesenden.
Sämtliche Produkte werden von Allstar in Kusterdingen auf ihre Qualität hin geprüft, ehe von der Härtengemeinde der Versand in alle Welt folgt, berichten die Allstar-Vertreter. Wenn die Kunden nicht extra nach Kusterdingen kommen, um ihre maßgeschneiderten Fechtanzüge direkt vor Ort abzuholen. Wie es ein französischer Sportler tat, dessen Bekleidung vor den Augen der CDU-Vertreter fertiggestellt wurde. Die Produktion in Deutschland sei aber mit einer überbordenden Bürokratie verbunden, kritisierte Frank Messemer Vorgaben, die aus Berlin und Brüssel gestellt werden. »Wir gelten für 3.000 Produkte als Hersteller - und von der kleinsten Schraube bis zum fertigen Fechtanzug müssen wir für alle Produkte Gefährdungsanalysen erstellen lassen.« 90 Seiten Risikoanalysen wurden so erstellt. »Vier Leute waren wochenlang damit beschäftigt«, sagt Janina Messemer und ergänzt: »Das ist für die Katz. Das liest kein Mensch.« Frank Messmer nennt ein weiteres Beispiel: »Auch acht Seiten Datenschutzerklärungen liest sich keiner durch - außer der Abmahnanwalt.« Kleinteile könnten nun nicht mehr einzeln verkauft werden, da die Warnhinweise so viel Platz einnehmen würden, dass sich das Verpacken nicht lohnen würde. »Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit«, bilanzierte Frank Messemer.
Lieferkettengesetz soll abgeschafft werden
Besondere Sorgen bereitet dem Familienunternehmen das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mit seinen ausführlichen Dokumentationspflichten. »Wenn ich meine Lieferketten überprüfen muss, kann ich den Laden dicht machen«, wurde Frank Messemer deutlich. Bei den Christdemokraten stieß der Geschäftsführer auf offene Ohren. Manuel Hailfinger erklärte, im Bundestag habe sich die Koalition zur Aussetzung des Gesetzes geeinigt. Bis dieses Vorhaben umgesetzt würde, wolle man die Dokumentationspflichten aussetzen. Während die große Politik also noch tätig werden muss, zeigten sich die örtlichen CDU-Vertreter zufrieden damit, dass Allstar seine Produktion nach Kusterdingen verlagert hat. Ursprünglich war das Unternehmen in Reutlingen beheimatet, fand in der Großstadt aber keine Gewerbeflächen für den dringend nötigen Neubau. 2021 wurde dann der neue Standort in der Härtengemeinde bezogen.
Nach einem Abendessen im TSV-Sportheim ging es für die Wahlkämpfer beim benachbarten DRK-Ortsverein in Kusterdingen weiter. Bereitschaftsleiter Matthias Raster berichtete von den vielfältigen Aktionen des DRK, das mit seinen 70 aktiven Einsatzkräften in Kusterdingen und Kirchentellinsfurt über 650 Einsätze im Jahr abdeckt, ob als Helfer vor Ort oder bei Brandeinsätzen, zu welchen die Kusterdinger auch zur Verstärkung nach Tübingen alarmiert werden. Mehr als 200 Sanitätsdienste, die die Helfer bis nach Frankfurt führen, dienen dazu, die ehrenamtliche Arbeit der Helfer zu finanzieren. »Unser Anspruch ist, der Bevölkerung zeitnah helfen zu können«, betonte Raster. Als Teil der Einsatzeinheit 2 des Landkreises und mit ihrer Drohnengruppe sind die DRKler auch überregional und im Katastrophenschutz gefragt.
Insbesondere der Katastrophenschutz ist für die Ehrenamtlichen aber schwierig, denn die Landesmittel reichen bei weitem nicht aus, um den landeseigenen Gerätewagen-Sanität einsatzbereit zu halten. »Wir müssen jährlich 5- bis 6.000 Euro hinzufinanzieren«, erklärte Raster. Zudem gibt es bürokratische Hürden: Versicherungen etwa akzeptieren es nicht, wenn Helfer die Einsatzfahrzeuge mit dem günstigeren »Feuerwehrführerschein« fahren wollen. Und auch die Helfergleichstellung gab Raster den Landespolitikern mit auf den Weg: Noch immer sind die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen im Einsatzfall schlechter gestellt, als dies etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk der Fall ist. (GEA)



