TÜBINGEN. Wird in Ammerbuch bei einem medizinischen Notfall der Rettungsdienst alarmiert, dann ist es gut möglich, dass schon wenige Minuten später ein hoch qualifizierter »Helfer vor Ort« (HVO) am Notfallort eintrifft. Der Mediziner Dr. Robert Wunderlich engagiert sich in seinem Wohnort nämlich beim DRK-Ortsverein, der den HVO-Dienst in der Gemeinde sicherstellt, damit schon vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes geholfen werden kann. Der ehrenamtliche Dienst als HVO ist für den erfahrenen Notarzt eine Selbstverständlichkeit - und ist nur ein winziger Teil seines außerordentlichen Engagements für die Gesundheit seiner Mitmenschen. Für diesen Einsatz wurde der 39-Jährige jüngst mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet - diese Auszeichnung ist die Variante des Bundesverdienstkreuzes, die Menschen im Alter von unter 40 Jahren erhalten können.
Ausgezeichnet wurde Wunderlich, der als Anästhesist an der Universitätsklinik Tübingen arbeitet, in seiner Heimatstadt Heilbronn. Deren Oberbürgermeister Harry Mergel hatte den 39-Jährigen für die Auszeichnung vorgeschlagen, denn die Stadt ist eng mit dem Verein »Schenke eine Ziege« verbunden, den Wunderlich nach seinem Abitur aus der Taufe gehoben hat, um Kleinbauern in Uganda zu unterstützen. Verwurzelt in der katholischen Jugend, wollte Wunderlich nach dem Abi 2005 »die Welt verändern«, wie der 39-Jährige schmunzelnd erzählt. Durch »glückliche Umstände und tolle Menschen« kam er in Kontakt mit einem Förderverein aus Bielefeld, der Wunderlich nach Uganda schickte. Ein halbes Jahr kam der Abiturient dort mit krasser Armut in Kontakt. »Es ist unglaublich, wie schlimm es Menschen gehen kann«, sagt Wunderlich. »Sie sind aber auch unglaublich stolz und voller Lebensfreude.«
Auf dem Heimflug kam dem Deutschen der Gedanke, die neu gewonnenen Freunde wohl nie wiederzusehen. Ein Gedanke, der Wunderlich gar nicht gefiel. Und so ging das Engagement für Uganda in Deutschland weiter. Gemeinsam mit sechs Freunden gründete Wunderlich einen Förderverein. »Wir wurden damals nur belächelt«, erinnert sich der Ammerbucher. Keiner konnte sich vorstellen, dass die jungen Leute ihr Projekt mit solcher Vehemenz weiterverfolgen würden. Auch die Medien nicht. »Wir haben damals Zeitungen und Radiosender angeschrieben - und nur Absagen erhalten. Oder gar keine Antwort«, erinnert sich Wunderlich. Und ergänzt stolz: »20 Jahre später sind wir 500 Vereinsmitglieder.«
Schule und Krankenstation aufgebaut
In dem ostafrikanischen Land arbeiten inzwischen 60 Mitarbeiter für den örtlichen Partnerverein, die Landwirte ausbilden, Gesundheitsschulungen anbieten und auch eine Sekundarschule betreiben, die den Jugendlichen auch eine Handwerkerschule bietet. Zum Projekt gehört auch eine Krankenstation mit 15 Betten. 750 Projektfamilien werden gefördert - eben auch durch eine Ziege, die den Auftakt einer Ziegenherde und eines bescheidenen Wohlstands bieten soll. Daher resultiert auch der Name des Vereins: »Schenke eine Ziege«. Ein Stück weit ist der Name auch Programm, wie Wunderlich, erster Vorsitzender des Vereins, betont: »Die Spendengelder fließen alle direkt nach Uganda.« Seine Verwaltungsausgaben trägt der Verein durch Mitgliedsbeiträge.
Berichtet Wunderlich von Uganda, schwärmt er nicht nur von der Lebensfreude der Menschen, sondern nennt auch die landschaftliche Schönheit des Landes, die Naturwunder. »Churchill hat Uganda einmal als Pearl of Africa bezeichnet«, weiß Wunderlich. Während der Vereinsgründung studierte der Schwabe in Berlin und Tübingen Medizin. »Die allermeiste Freizeit ging damals in das Uganda-Projekt«, sagt Wunderlich. In seiner Stimme ist kein Bedauern zu hören. »Der Großteil meines Freundeskreises hat sich mitengagiert, sonst wäre das alles nicht möglich gewesen.«
Wunderlichs zweite Leidenschaft ist die Katastrophenmedizin. Schon als Medizinstudent half der frisch gebackene Bundesverdienstkreuzträger bei Überschwemmungen in Benin und bei einer Hungersnot in Äthiopien. An der Uniklinik koordiniert der junge Oberarzt den Bereich Katastrophenmedizin, stellt das Tübinger Krankenhaus damit für Fälle auf, die sich viele Menschen lieber nicht vorstellen wollen. Auch seine Doktorarbeit handelte von Katastrophenmedizin. In Tübingen entwickelte Wunderlich, der auch für die Weltgesundheitsorganisation WHO tätig ist und sich in der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) im Vorstand engagiert, ein Zeltsystem, in dem Ebolapatienten isoliert behandelt werden können, ohne dass das medizinische Personal ständig Schutzkleidung an- und ausziehen muss - was Kosten spart und bei afrikanischen Temperaturen eine wesentliche Erleichterung darstellt. »Wir haben im Klinikparkhaus mit Kreidestrichen auf dem Boden angefangen«, erinnert sich Wunderlich und schmunzelt. Nach dreijähriger Entwicklungszeit koordiniert Wunderlich heute die weltweite Schulung auf das System und sagt: »Das wird die Behandlung von Ebola-Patienten weltweit revolutionieren.«
Auch beim Erdbeben in der Türkei gehörte Wunderlich zu den Helfern aus Deutschland, beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) ist er für Auslandseinsätze gelistet. Zugleich beim DRK Ammerbuch aktiv, hat Wunderlich zusammen mit weiteren Unterstützern im Landkreis Tübingen auch die App »Region der Lebensretter« an den Start gebracht, die Ersthelfer zu Reanimationen in ihrer Nähe alarmiert.

Dieses vielfältige Engagement brachte Wunderlich nun die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ein. »Eine große Ehre«, wie Wunderlich sagt. Geplant war die Verleihung im feierlichen Rahmen mit zehn Personen. »Ich habe dann ganz naiv gefragt, ob es nicht auch 40 sein könnten«, erzählt Wunderlich - denn sein Engagement in vielen Bereichen hat auch viel mit seinen Mitmenschen, Freunden und Kollegen zu tun. Heilbronn machte die Ehrung auch im größeren Rahmen möglich. Wunderlich war es wichtig, als Dank an diejenigen, die sein Engagement erst möglich machen. »Man kann kaum mit mir befreundet sein, ohne sich auch irgendwo mitzuengagieren«, weiß Wunderlich, der auch schon Luftrettungseinsätze in Ostafrika geflogen hat. Ein Dank hat er auch für die Uniklinik übrig, die ihn in seinem Engagement stets unterstützen würde. (GEA)



