Logo
Aktuell Brandopfer

Brand in Nehren: Überwältigt von Hilfsangeboten

Fast vier Jahrzehnte wohnte Ingrid Löbner in dem Haus in Nehren, welches am 19. Dezember durch einen Brand verwüstet wurde. Nun dankt die 68-Jährige den Einsatzkräften - und zeigt sich überwältigt von den vielen Hilfsangeboten.

Das Haus in Nehren ist vorerst unbewohnbar.
Das Haus in Nehren ist vorerst unbewohnbar. Foto: Jürgen Meyer
Das Haus in Nehren ist vorerst unbewohnbar.
Foto: Jürgen Meyer

NEHREN. Ingrid Löbner war gerade im Zug unterwegs, um ihren Sohn am vierten Adventswochenende zu besuchen, als sie plötzlich einen Anruf der Polizei erhält: In ihrem Wohnhaus in Nehren würde es brennen. Die Einsatzkräfte befürchteten zunächst noch, dass die 68-Jährige eventuell noch in ihrer Wohnung sei. »Zum Glück war ich an diesem Tag schon frühmorgens mit dem Zug unterwegs«, sagt sie rückblickend. »Genau unter meinem Schlafzimmer tobte der Brand im Erdgeschoss am heftigsten.« Löbner steigt an der nächsten Station aus, fährt zurück nach Nehren. »Als ich am Haus ankam, war noch alles voller Einsatzkräfte.« Feuerwehrleute aus Nehren, Mössingen, Dußlingen und Tübingen waren vor Ort, dazu die DRK-Bereitschaften aus Mössingen-Ofterdingen und Nehren/Gomaringen.

Ingrid Löbner war zum Zeitpunkt des Brandes mit dem Zug unterwegs.
Ingrid Löbner war zum Zeitpunkt des Brandes mit dem Zug unterwegs. Foto: Alexander Thomys
Ingrid Löbner war zum Zeitpunkt des Brandes mit dem Zug unterwegs.
Foto: Alexander Thomys

Ein Polizeibeamter nimmt sich der 68-Jährigen an und fordert sie auf, den Brandort zu verlassen. »Er hat gesagt, das muss ich mir nicht anschauen«, erzählt Löbner. Zudem wird ihr angeboten, ihr einen Notfallseelsorger zur Seite zu stellen. Die Diplom-Pädagogin nimmt an. »Ich stand ja auch unter Schock und wusste, dass man in dieser Situation nicht allein sein sollte.« Sie spricht vom »absoluten Horror« - und betont gleichzeitig, dass das Schicksal andere Menschen viel schlimmer treffen würde. Auch dem Notfallseelsorger gilt ihr Dank. »Er hat die Situation einfach mit mir ausgehalten. Das hat schon geholfen.«

»Genau unter meinem Schlafzimmer tobte der Brand am heftigsten«

Löbner hatte Glück im Unglück. Ein Koffer mit Winterkleidung, ihre Geldbörse mit Ausweisen und Bankkarten - das immerhin hatte die 68-Jährige bei sich. Seit 38 Jahren lebt sie in dem Haus in der Steinlachgemeinde zur Miete. »Das war meine Heimat.« Ein solides Gebäude aus den 1950ern, mit einem »traumhaften Vertrauensverhältnis« zu ihren Vermietern. Wenn die Diplompädagogin von ihrem Einzug erzählt, spürt man, wie positiv das Verhältnis gewesen sein muss. Ihr damaliger Ehemann, der in diesem Jahr verstorben ist, war Geigenbauer. Die Vermieter selbst musikalisch - man begegnete sich auf Augenhöhe. »Und wir waren die einzigen Interessenten, die damals nichts zu beanstanden hatten«, sagt Löbner schmunzelnd. Bei der Unterzeichnung des Mietvertrags wurde gemeinsam musiziert. Auch eine Insolvenz überlebte das Mietverhältnis unbeschadet.

Knapp vier Jahrzehnte später steht Löbners Wohnung in Schutt und Asche. »Ich konnte noch nicht zurück in meine Wohnung, es ist unklar, ob das Gebäude einsturzgefährdet ist«, berichtet die 68-Jährige, die noch voll im Berufsleben steht und am Reutlinger Klinikum am Steinenberg arbeitet. Die Ungewissheit nagt an der Nehrenerin. »Höchstens einige Kleinode und vielleicht Geschirr wird sich retten lassen«, denkt Löbner, die um viele Erinnerungsstücke und ihre Bücher, die den Löschwassereinsatz wohl nicht überlebt haben, trauert. Dennoch ist Löbner voll des Lobes für die Einsatzkräfte der Feuerwehr, die unter Atemschutz in ihre Wohnung eindrangen und drei Musikinstrumente retteten. »Eine Geige stammt von meinem Exmann, die andere habe ich selbst gefertigt«, erzählt Löbner. Unbezahlbare Erinnerungsstücke. Insgesamt hat sie für die Einsatzkräfte nur Lob übrig: »Da merkt man erst, wie toll unser Staat funktioniert.«

»Der Zuspruch zu meinem Spendenaufruf war überwältigend«

Ihr Dank gilt aber auch ihrer Chefin am Kreiskrankenhaus Reutlingen, der Kinderärztin Dr. Bianca Haase. Sie hat auf der Go-fund-me-Plattform einen Spendenaufruf gestartet, um Löbner beim Neubeginn zu helfen. Mehr als 36.000 Euro sind inzwischen zusammengekommen. »Das ist unglaublich«, sagt Löbner und gesteht, dass sie selbst noch nicht die Kraft hatte, sich die Spenderliste anzuschauen. Doch dass Nehren in dieser Hinsicht ein besonderes Dorf sei, das spürt die 68-Jährige, die von einer tollen Nachbarschaft spricht. Bei einer Freundin ist sie nur wenige Straßen weiter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung vorläufig untergekommen. »Ich würde gerne in Nehren bleiben«, betont sie.

Ärztin Haase beobachtet die Spendenplattform und berichtet von vielen Nachrichten, die sie auf ihren Spendenaufruf erhalten habe. Viele Klienten, denen Löbner in ihrer Laufbahn geholfen habe, seien darunter, aber auch Nehrener und Menschen, die selbst einmal nach einem Brand vor dem Nichts standen. Haase spricht von einem »überwältigenden Zuspruch«. Und auch Löbner ist es wichtig, sich bei allen Unterstützern zu bedanken. Doch noch ist die Nehrenerin in der Realisierungsphase. Sie erzählt von einem Rembrandt-Nachdruck, der so gut zum rosa Sofa gepasst hatte. Beides ist nun wohl verloren. »Ich werde die Atmosphäre vermissen«, sagt die 68-Jährige. Vor allem aber würde ihr Sohn darunter leiden, im selben Jahr seinen Vater und sein Elternhaus verloren zu haben. »Und die Enkelkinder, die immer genau wussten, wo bei Oma die Blätter und Stifte zu finden sind.« (GEA)