KIRCHENTELLINSFURT. Bis auf den letzten Platz war der Rittersaal im Schloss besetzt, denn die Neugier auf das neueste Werk der Kirchentellinsfurter Schriftstellerin Birgit Juresa war groß. Auch einige Kollegen aus ihrem »normalen« Job in der Uni-Verwaltung waren gekommen. Ist es hanebüchene Fiktion, was sich unter dem Titel »Bürotope« verbirgt? Oder erkennt man vielleicht sogar den ein oder anderen Charakterzug eines Kollegen, der sich in der »Sonderbehörde des Landes Neusachsenburg für Umweltschutz« (SobUsch) beim Dezernat »Artenschutz und Biotope« befinden?
Wie eine spontane Umfrage von Ruth Setzler vom Vorstand des Vereins »Kultur im Schloss« ergab, waren einige Verwaltungsangestellte gekommen, um sich vom Wahrheitsgehalt des Romans zu überzeugen; bei der anschließenden Signierstunde gingen die Bücher jedenfalls weg wie warme Semmeln, aber nicht ohne den eigens angefertigten Behördenstempel »zur weiteren Verarbeitung« nebst Unterschrift und persönlichen Worten der Autorin.
Plastische Charaktere
Sehr plastisch schilderte Juresa vor der Pause die einzelnen Charaktere: Da ist der zwangsversetzte Miesepeter aus der Abteilung »Kommunale Kreislaufwirtschaft im Ministerium« Hans-Udo Wolz, der in der »SobUsch« die 61. Montage bis zur Rente zählt und sich so rein gar nicht für sein Arbeitsgebiet interessiert, diese »aufgeplusterten Wesen auf zwei dürren Beinen, diese Federnichtse«, die ihm den Wagen vollscheißen.
Und auch der kleinkarierte Unsympath Karlheinz Menzel aus der Katasterpflege, der Eingabeformulare - sogenannte EGFs - unnötigerweise kopiert, avanciert nicht sofort zum Publikumsliebling. Außerdem ist da die dickliche graue Maus Anneliese Schubert, Sekretärin vom großspurigen Regierungsdirektor Wigo von Drawitz nebst der weinerlichen Esther Arnold, die täglich ihren dreibeinigen Hund mit ins Büro bringt und die niemals gelingende Wege findet, sondern nur Gründe, warum etwas nicht funktioniert.
Nicht zu vergessen: Die einst engagierte Umweltschützerin Heike Groß, mit der das Frauchen von »Blümchen« das Büro teilt und die still unter dem Hundegeruch leidet. Dr. Tobias Dannenberg ist wiederum ein seltsamer Typ, bei dem sich sogar die Putzfrauen weigern, sein zum Biotop umgebautes Büro mit Tigerschnegeln und allerlei anderen dubiosen Terrarienbewohnern zu reinigen.
Feier nach Zusammenbruch
Zwischen den vielen Beschreibungen unterschiedlicher menschlicher Artgenossen improvisierte der Pianist Richard Fux unterhaltsam und schaffte so einen schönen Klangteppich, auf dem sich die blumigen Protagonisten vor dem geistigen Auge des Publikums niederlassen konnten.
Nach der Pause kam es dann zu einer skurrilen Zusammenkunft im Hause der Kollegin Siggi Sommer, die sich im Büro eigentlich zu nichts aufraffen kann und bereits am Morgen überlegt, wie sie die zweieinviertel Stunden bis zur Mittagspause mit Internetrecherchen zu neuen Dekoartikeln vertreiben kann. Hintergrund: Der hysterische Zusammenbruch der allseits ungeliebten stellvertretenden Referatsleitung Dr. Ophelia Tacs wollte spontan von der Belegschaft gefeiert werden. Zu allem Übel kommt dann noch die beste Freundin von Siggi, die Dessousvertreterin Eva vorbei und das Unheil nimmt seinen überraschend schönen Lauf.
Die tatsächliche Bedrohung in diesem Mikrokosmos Büroalltag ist jedoch eine ganz besondere, eingeschleppte Art, die eigentlich kein großes Ding sein sollte, denn: »Einer der gelangweilten Bediensteten gibt sie in die Datenbank ein. Das war's.« Die Bedrohung ist im konkreten Fall jedoch Menzels Mutter. Und die ist nun wirklich ein behördenfremdes Exemplar, das sich auf gar keinen Fall einnisten darf. (GEA)

