TÜBINGEN. Die Ammertalbahn zwischen Tübingen und Herrenberg ist derzeit so pünktlich, wie wohl selten in ihrer Geschichte zuvor. Wenn überhaupt. »Wir erreichen über 90 Prozent Pünktlichkeit an allen Netzstellen«, berichtete Sarah Wüstenhöfer, Geschäftsführerin des Zweckverbands Ammertalbahn, bei der jüngsten Verbandsversammlung in Tübingen. Und Wüstenhöfer weiß auch, weshalb dies so ist: »Wir erreichen diese Pünktlichkeit seit der Etablierung des Inselbetriebs im Dezember.«
Gemeint ist der Dezember 2023. Zur Erinnerung: Die Ammertalbahn hat in ihrer Geschichte schon so manche Höhen und Tiefen erlebt. Gebaut durch die Württembergischen Staatseisenbahnen in den Jahren 1909 und 1910, wurde die rund 21 Kilometer lange Strecke bis in die 1960er Jahre genutzt. 1966 wurde dann der Personenverkehr von Herrenberg nach Entringen eingestellt, in den Folgejahren ein Teil der Strecke bei Gültstein sogar abgebaut. Der Güterverkehr eingestellt. Zwischen 1996 und 1999 wurde die Strecke dann umfangreich modernisiert und vom Zweckverband Ammertalbahn für eine symbolische DM von der Bahn übernommen. Die 18 Millionen Euro teuren Arbeiten machten sich bezahlt: In den ersten zehn Jahren nach dem Neustart wuchs das Fahrgastaufkommen um mehr als 50 Prozent.
Eigentlich sollte dann alles noch besser werden: Im Zuge des Moduls 1 der Regionalstadtbahn Neckar-Alb wurde die Ammertalbahn in mehreren Abschnitten zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert. Die Vision: Ein umsteigefreier Viertelstundentakt zwischen Herrenberg über Tübingen und Reutlingen bis nach Bad Urach. Doch die Realität sah anders aus: Es fehlte wahlweise an Fahrdienstleitern, Zügen oder Lokführern. Und: die stark belastete Neckar-Alb-Bahn zwischen Tübingen und Metzingen sorgte immer wieder für Verspätungen. Allein 2023 kamen mehr als 850 Zugausfälle auf der Ammertalbahn zusammen, noch häufiger wurden Anschlusszüge verpasst.
Die Reißleine gezogen
Der Zweckverband zog die Reißleine. Erst wurde der Bedarfshaltepunkt Zwerchweg bei Herrenberg abgeschafft, dann startete im Dezember 2023 der »Inselbetrieb«: Die allermeisten Züge der Ammertalbahn verkehren seither nur auf ihrer angestammten Strecke zwischen Herrenberg und Tübingen. Wer nach Reutlingen oder gar nach Bad Urach möchte, muss ein bis zweimal umsteigen.
Der Erfolg gibt der Entscheidung des Zweckverbands Recht: Waren 2024 noch 6,03 Prozent der Züge ausgefallen, ist dieser Wert im ersten Halbjahr 2025 auf 1,39 Prozent gefallen. Auch die Pünktlichkeit stimmt - und das bei einem strengen Zielwert: Wenn die Ammertalbahn mehr als zwei Minuten Verspätung hat, gelten die Züge als unpünktlich. »Heute erreichen wir alle Zielwerte«, freute sich Wüstenhöfer. Probleme gäbe es nur noch mit den Zügen aus Herrenberg: Weil diese auf die - häufig verspätet eintreffende - S-Bahn aus Stuttgart wartet, gibt es mitunter Verspätungen auf dem Weg nach Tübingen. »Die Gegenzüge werden dadurch aber kaum beeinträchtigt«, so die Zweckverbands-Geschäftsführerin weiter. Wüstenhöfer stellte zudem in Aussicht, dass man sich in naher Zukunft an den Viertelstundentakt heranarbeiten würde.
Hierbei helfen auch neue Signale am Tübinger Hauptbahnhof. Zudem wurden im vergangenen Jahr Weichen- und Brückenschwellen erneuert. »Die Infrastruktur ist wieder in wunderbarem Zustand«, bilanzierte Wüstenhöfer. Und: weil inzwischen auch die Züge der DB Regio, die auch die Fahrzeuge für die Ammertalbahn stellt, mit GPS-Geräten ausgestattet sind, funktioniert nun auch die Echtzeit-Anzeige an den Bahnhöfen und Haltepunkten. Auch der Bedarfshalt am Zwerchweg ist inzwischen wieder an die Ammertalbahn angeschlossen.
Landrat Joachim Walter berichtete, dass inzwischen wieder mehr als 10.000 Menschen täglich mit der Ammertalbahn reisen würden. »Die saubere Betriebsqualität spricht sich herum wie ein Lauffeuer«, so der Landrat weiter. »Die Leute vertrauen wieder auf die Ammertalbahn.« Einen Wermutstropfen sah Walter dennoch: »Der Inselbetrieb sollte keine Dauerlösung sein.« Aus den Reihen der Verbandsversammlung gab es dementsprechend viel Lob. So sei die Ammertalbahn derzeit die »zuverlässigste Verbindung nach Stuttgart« und habe ihr Jammertal durchschritten. Die Alternative mit dem Auto auf der Bundesstraße 296 sei nun »deutlich schlechter« als das Angebot der Ammertalbahn. So positive Nachrichten gab es von der Ammertalbahn seit Jahren nicht mehr. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass die Homepage des Zweckverbandes aktuell nicht erreichbar ist. (GEA)
Verringertes Angebot in den Sommerferien
Vom 4. bis zum 26. August sind auf der Neckar-Alb-Bahn Bauarbeiten eingeplant. Diese betreffen indirekt auch die Ammertalbahn: die direkte Werkstattanbindung zum Bahnwerk in Ulm fällt damit weg, die Elektrozüge der Ammertalbahn müssten dann umständlich mit Dieselloks auf einer Ausweichstrecke über Horb zur Reparatur gezogen werden. Um dies zu vermeiden, soll die Taktung auf der Ammertalbahn in diesem Zeitraum verringert werden, um die Belastung für die Züge zu reduzieren. (ath)



