TÜBINGEN-BEBENHAUSEN. Die elf Wochen alte Bine tollt fröhlich zwischen den Klostermauern und dem Haus herum und sucht anschließend mit heraushängender Zunge ein schattiges Plätzchen auf der Terrasse. Ihr ist einfach zu warm. Birgit und Ulrich Maurer leben in Bebenhausen direkt am alten Kloster und nicht weit vom Naturpark Schönbuch entfernt. Sie sind nebenbei so etwas wie Wildschwein-Eltern geworden - mal wieder. Denn vor fünf Jahren waren es Max und Moritz, die als borstige Findelkinder bei den beiden in Bebenhausen ein Zuhause fanden, jetzt ist es eben Bine. »Die heißt so, weil sie meine Kollegin Sabine aus hilfloser Lage in den Wäldern des Schönbuchs gerettet hat«, erzählt Förster Ulrich Maurer, während er das elf Wochen junge Tier auf dem Arm hält und der weibliche Frischling sich regelrecht bei ihm einkuschelt. Das Tier genießt sichtlich ihr junges Leben in der Nähe seiner beiden Ersatzeltern.
Der Beginn ihres Lebens war weniger idyllisch. »Wir gehen davon aus, dass das Muttertier während des Geburtsvorgangs von einem freilaufenden Hund, dessen Besitzer ihn nicht angeleint hatten, gestört wurde«, berichtet Ulrich Maurer, der sich im Schönbuch auskennt, wie in seiner Westentasche. Seine Försterkollegin Sabine sei wohl unmittelbar nach dieser unschönen Begegnung zwischen gebärendem Muttertier und Hund in diese Ecke des Waldes gekommen und habe ein neugeborenes Tier tot aufgefunden. Da hatte die Muttersau schon das Weite gesucht. Ein hilfloses Bündel lag im Unterholz. »Das war Bine und meine Kollegin brachte sie direkt zu uns. Da hatte dieses neugeborene Tier noch die Nabelschnur am Bauch hängen«, so Ulrich Maurer weiter.
»Das neugeborene Tier hatte noch die Nabelschnur am Bauch hängen«
»Für uns war sofort klar, dass wir den kleinen Frischling bei uns aufnehmen und uns um das kleine Lebewesen kümmern und es aufziehen«, sagt Birgit Maurer, die schon jede Menge Erfahrung mit der Aufzucht von jungen Wildschweinen gesammelt hat. Zuletzt vor fünf Jahren mit Max und Moritz. »Am Anfang haben wir Bine mit Ziegenmilch versorgt, denn Kuhmilch vertragen so junge Wildschweine nicht«, berichten die beiden von den ersten Tagen mit Bine. Das war offensichtlich die richtige Vorgehensweise der Ersatzeltern, denn Bine hat sich prächtig entwickelt.
Mittlerweile bekommt sie Birgit Maurers bewährte Kraftmischung aus der großen XXL-Nuckelflasche. Ein Mix aus Milch und Getreide. »Aber bald wird Bine lernen, aus dem Napf zu fressen. Wildschweine sind Allesfresser. Die mögen Eicheln, Bucheckern, Wurzeln, Pilze, Früchte, Kräuter, Gräser, Würmer, Engerlinge, Schnecken oder Aas«, weiß Birgit Maurer. Damit kennen sich beide gut aus. Vor vielen Jahren zogen sie Romeo und Julia auf, dann waren es Max und Moritz und jetzt ist es eben die kleine Bine.
»Freilaufende, unangeleinte Hunde sind für Mutter- und Jungtiere eine lebensgefährliche Bedrohung«
Dennoch ist ein Ende der Kindestube vor und im Haus des Ehepaares absehbar. »In etwa sechs Wochen geht's für die Kleine, die dann nicht mehr so klein sein wird, ab in den Wald«, blickt Birgit Maurer in die Zukunft. Dann wird Bine größer und wilder sein und schließlich den Weg gehen, den schon die anderen Wildschwein-Findelkinder gegangen sind: ins große Wildschweingehege direkt hinter der Grenze des Naturparks Schönbuch. Dort fühlen sich neben Max und Moritz, die mittlerweile zu stattlichen Keilern herangewachsen sind, dutzende ihrer Artgenossen sauwohl. »Ob Bine sich in diese Rotte einfügt, wird sich zeigen und ist deshalb eine spannende Frage für uns«, sagt Ulrich Maurer.

Der berufserfahrene Förster appelliert mit Blick auch auf den Nachwuchs bei anderen Wildtieren im Schönbuch: »Gerade jetzt brauchen die Tiere Ruhe und Schutz. Freilaufende, unangeleinte Hunde können für Mutter- und Jungtiere eine lebensgefährliche Bedrohung werden. Das hat der Fall unserer Bine eindrücklich gezeigt.« (GEA)

