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Aktuell Verzicht

Bürgermeister Soltau tritt bei nächster Wahl in Kusterdingen nicht mehr an

Schon seit einigen Monaten kämpft Kusterdingens Bürgermeister Dr. Jürgen Soltau mit einer schweren Erkrankung. Nun verkündete der 62-Jährige seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur.

Bei der Verabschiedung von Kämmerin Heidi Hahn im Juni dieses Jahres war Bürgermeister Dr. Jürgen Soltau noch persönlich anwesen
Bei der Verabschiedung von Kämmerin Heidi Hahn im Juni dieses Jahres war Bürgermeister Dr. Jürgen Soltau noch persönlich anwesend. Foto: Alexander Thomys
Bei der Verabschiedung von Kämmerin Heidi Hahn im Juni dieses Jahres war Bürgermeister Dr. Jürgen Soltau noch persönlich anwesend.
Foto: Alexander Thomys

KUSTERDINGEN. Es war abzusehen: Spätestens nachdem Kusterdingens Bürgermeister Dr. Jürgen Soltau Anfang Juni im Amtsblatt seine schwere Erkrankung öffentlich gemacht hatte, lag das Ende seiner Amtszeit zumindest im Bereich des Denkbaren. Zur Erinnerung: Am 19. April 2026 findet die nächste Bürgermeisterwahl in Kusterdingen statt, Soltaus dritte Amtszeit endet offiziell am 30. Juni 2026. 24 Jahre wird der 62-Jährige dann in Amt und Würden gewesen sein. Als der Gemeinderat über den Wahltermin verhandelte, leitete die stellvertretende Bürgermeisterin Elvira Hornung (FWV) die Sitzung, wie in der jüngsten Vergangenheit häufiger. Ob Soltau nochmals antreten wurde, darüber sprach das Gremium in der Sitzung nicht - niemand wollte dem erkrankten Schultes vorgreifen.

»Ich wusste nicht, ob ich Weihnachten noch erleben darf«

Ende Mai ging es Soltau so schlecht, dass er mit Verdacht auf eine akute myeloische Leukämie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dieser Verdacht erhärtete sich nicht, dennoch wurde beim Kusterdinger Bürgermeister eine Störung der Blutzellbildung diagnostiziert. »Zwischenzeitlich wusste ich nicht, ob ich Weihnachten noch erleben darf«, schildert Soltau gegenüber dem GEA. »Das macht etwas mit einem.« In einer Chemotherapie wurde sein Immunsystem zerstört, um eine Stammzellspende zu ermöglichen. Ende September wurde diese Transplantation an der Uniklinik Tübingen durchgeführt. »Es ist ein großes Glück, dass wir die Uniklinik mit ihrer Breite und Qualität direkt vor unserer Haustür haben«, berichtet Soltau. »Noch vor 20 Jahren hätte ich wohl kaum solche Chancen gehabt«, ergänzt der 62-Jährige, der von einem »einschneidenden Erlebnis« spricht.

Inzwischen gehe es ihm wesentlich besser, wie in der Phase vor der Feststellung der Erkrankung. Aufgrund der Immuntherapie muss Soltau aber Menschenansammlungen meiden, um Infektionen aus dem Weg zu gehen. Denn derzeit wird sein Immunsystem durch Supressiva unterdrückt, um zu vermeiden, dass seine neue Immunabwehr die vermeintlich »fremden« Organe seines Körpers angreift. »Ich hatte aber auch im Krankenhaus meinen Dienstlaptop dabei«, betont Soltau, der vom »wunderbaren Amt des Bürgermeisters« spricht. Vom Klinik-Homeoffice aus sei er »immer auf Ballhöhe gewesen«.

»Zum Ende einer vierten Amtszeit wäre ich fast 71 Jahre alt«

Vor der Erkrankung habe er sich noch keine Gedanken über eine weitere Amtszeit gemacht, schildert Soltau. Mit der Diagnose seien dann die Zweifel gekommen - auch wenn er inzwischen auf dem Wege der Besserung sei. »Zum Ende einer vierten Amtszeit wäre ich fast 71 Jahre alt«, sagt der Kusterdinger Bürgermeister, der 2002 erstmals ins Amt gewählt worden war. Damals hatte es in der Härtengemeinde einen wahren Wahlkrimi gegeben: Im ersten Durchgang lag der Kusterdinger Harald Bauer noch mit sechs Stimmen vor Soltau. Insgesamt waren sechs Kandidaten angetreten. Erst in der Stichwahl setzte sich der gebürtige Ulmer dann mit 44,68 Prozent der Stimmen durch - und gewann anschließend zwei weitere Wahlen in Kusterdingen.

Nun sagt der dreifache Vater Soltau: »Ich will noch etwas anderes erleben, als Bürgermeister zu sein. Und wenn ich angetreten wäre, dann für die vollen acht Jahre.« Im Amtsblatt schrieb der 62-Jährige dazu, dass er »an meinem Lebensabend mehr Zeit für mich selbst haben« möchte. Es sei ihm eine »große Ehre und Freude« gewesen, Bürgermeister »in einer so wunderbaren Gemeinde mit so vielen engagierten Menschen« zu sein. Bis zum Ende seiner Amtszeit, dass betont Soltau, will er seinen Amt weiterhin ausführen, soweit es ihm die Ärzte erlauben. Das große Ziel dabei: das Neujahrskonzert am 6. Januar im Klosterhof. »Die Ärzte haben mir versichert, dass ich da dabei sein darf«, sagt Soltau schmunzelnd.

Bei Präsenzaufgaben im Rathaus wurde und wird Soltau in der Zwischenzeit von seinen stellvertreterinnen Elvira Hornung (FWV) und Vera Ambros (Härtenliste) vertreten. »Wir sind regelmäßig im Rathaus«, berichtet Ambros, die sich in dieser Funktion alle zwei Wochen mit ihrer Gemeinderatskollegin abwechselt. »Die Gesundheit ist das höchste Gut«, zeigt Ambros Verständnis für Soltaus Entscheidung. »Und es ist für alle gut, dass es frühzeitig vor der Bürgermeisterwahl Klarheit gibt.«

Stimmen aus der Nachbarschaft

»Jürgen Soltau war ein sehr ruhiger Kollege. Aber wenn er sich zu Wort gemeldet hat, war es fundiert«, sagt Thomas Hölsch. Der Sprecher der Bürgermeister im Kreis Tübingen und Vorsitzende der FWV-Fraktion im Kreistag findet: »Schade, dass er aufhört. Er hat in Kusterdingen einen guten Job gemacht.« Bei Themen, die andere Gemeinde betroffen haben, habe Soltau die Kollegen stets im Vorfeld informiert und das Vorgehen mit den Nachbarn abgestimmt. Auch Eugen Höschele schätzt Soltau als zuverlässigen Vertreter seiner Gemeinde. »Er war Immer ruhig, immer überlegt.« Die Nachfolge von Bürgermeister Günter Müller sei dort bestimmt nicht leicht gewesen, vermutet der Vorsitzende des Regionalverbands, der selbst noch länger Mitglied im Tübinger Kreistag ist als Soltau. Aber der Neubürgermeister habe die Aufgabe souverän gemeistert. »Er hat Kusterdingen eine neue Identität gegeben.« (-jk)

Als »logisch und nachvollziehbar« bezeichnet Adam Dürr (FWV) die Entscheidung des Rathauschefs, über die er den Gemeinderat kurz vor der Veröffentlichung im Amtsblatt per E-Mail informiert hatte. Jens Deichmann (CDU) betont, dass trotz der Erkrankung eine weitere Amtszeit Soltaus durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre. »Trotz seiner Erkrankung ist der Bürgermeister immer rührig und aktiv.« Viele Projekte seien in Soltaus Amtszeit realisiert worden, wie jüngst etwa das neue Feuerwehrhaus in Kusterdingen. »Nun hoffen wir alle, dass Herr Soltau nach seiner Amtszeit seinen Lebensabend in Ruhe wird genießen können«, gibt Deichmann dem langjährigen Schultes schon heute die besten Wünsche mit auf den Weg. (GEA)