Doch dem widerspricht ein bis auf den letzten Platz besetzter Veranstaltungsraum der Pausa, zusätzliche Bänke müssen vor die geöffneten Türen gestellt werden, um dem Andrang gerecht zu werden. Denn was hinter den zunächst kompliziert wirkenden Begriffen steht, betrifft so manchen Mössinger und ist an sich auch kein sonderlich schwieriger Sachverhalt: Das Modellprojekt des Netzwerks Streuobst soll es den »Gütlesbesitzern« im Umkreis erleichtern, ihre Streuobstwiesen zu bewirtschaften und hat außerdem zum Ziel, die Biomasse, die durch Schnittgut entsteht, ökologisch und ökonomisch sinnvoll zu nutzen.
40 000 Liter Heizöl gespart
Das im Mai 2013 gestartete Projekt läuft nun im Dezember 2015 mit dem Ende der Förderung durch den Naturschutzfonds aus. Dennoch betrachtet Sabine Mall-Eber das Vorhaben nicht als beendet: In der »Abschluss- und Aufbruchveranstaltung« greift die Projektleiterin Ergebnisse und Erfolge des Projekts auf und spricht auch eine mögliche Weiterführung an. Denn die Bilanz kann sich sehen lassen. Allein 2015 wurde durch die Sammelaktion rund um Mössingen ein Ertrag erzielt, der über 40 000 Litern Heizöl entspricht, die Öffnungszeiten des Häckselplatzes in Nehren wurden erweitert und auch andere Gemeinden werden das Konzept in Zukunft übernehmen.Außerdem soll es die Schnittgutabfuhr auch weiterhin geben, verspricht Oberbürgermeister Michael Bulander. Als Herr über etwa 10 000 Obstbäume setzt er sich für die verstärkte Bewirtschaftung von Streuobstwiesen und den Erhalt der Kulturlandschaft ein.
Die Möglichkeit der Karbonisierung von Biomasse, also der Erzeugung von Biokohle, stellt der Tübinger Biologe Professor Michael Weiß in einem veranschaulichenden Experiment vor dem Pausa-Gebäude vor: In einem Holzgasbrenner, bestehend aus zwei Zylindern mit Luftlöchern, wird holzartiges Material wie Nussschalen oder kleine Holzscheite auf einer Schale liegend verbrannt. »Das ist sozusagen der Rolls-Royce unter den Karbonisierungsapparaten«, scherzt Weiß. Das Holzgas, das bei der Verbrennung entsteht, wird von der Kohle getrennt – es entsteht also keine Rauchbildung. Die bei dem Experiment übrig bleibende Kohle kann als eine Art Dünger verwendet werden, da sie sich im Vergleich zu Kompost weniger schnell abbaut, Nährstoffe aufsaugen und diese später wieder freigeben kann. Laut der Tübinger Firma Vital Carbon können Pflanzen mit höherem Biokohleanteil besser wachsen.
Regenerative Energien nutzen
Eine weitere Form der Energieverwertung, die bei der Podiumsdiskussion angesprochen wurde, wäre die Wärmeversorgung des Kastanienhofs in Bodelshausen durch das gesammelte Schnittgut – im Moment ist die Logistik allerdings noch nicht genügend ausgereift, um sich rentabel auf den Betrieb auszuwirken.Die Stadt Mössingen sieht vor, den Bereich der regenerativen Energien zu vergrößern: »Ich bin überzeugt, dass das Projekt weiterhin sowohl im ökonomischen Bereich als auch für uns als Stadt ein großer Gewinn sein wird«, meint OB Michael Bulander und zieht in Erwägung, Biokohle in der Blumenstadt einzusetzen: »Hoffentlich müssen wir unsere Bäume dann nicht vier Mal im Jahr schneiden«, sagt er lachend. (alj)
