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Abschied von einer Mössinger Mode-Institution

Zum Jahresende schließt Barbara Muschler ihr Modegeschäft in der Mössinger Bahnhofstraße. Aber es geht weiter.

»Forever and always«? Nein. Zum Jahresende schließt Barbara Muschler ihr Modegeschäft in der Mössinger Bahnhofstraße.
»Forever and always«? Nein. Zum Jahresende schließt Barbara Muschler ihr Modegeschäft in der Mössinger Bahnhofstraße. Foto: Philipp Förder
»Forever and always«? Nein. Zum Jahresende schließt Barbara Muschler ihr Modegeschäft in der Mössinger Bahnhofstraße.
Foto: Philipp Förder

MÖSSINGEN. Es ist mehr als eine Floskel. Wenn sie zwischen Kleiderständern und Umkleidekabinen die Frage »Wie geht’s?« stellt, ist das auch nicht nur der Einstieg in ein Verkaufsgespräch. Zu wissen, wie es ihren Kundinnen geht, ist Barbara Muschler ein Anliegen. Und so wird geplaudert und geschwätzt, nicht nur über Größen, Schnitte und Farben, sondern auch über Privates, über schöne Momente genauso wie über Sorgen und Nöte, über den Hund, der krank und über den Kanarienvogel, der gestorben ist. »Man muss Menschen mögen«: Diese Anteilnahme ist einer der Garanten für ihren Erfolg, ein Modegeschäft zu führen in einer Kleinstadt neben Tübingen und Reutlingen, in der Konkurrenz zum Onlinehandel und der Outletcity in Metzingen.

Sie macht das seit Jahrzehnten mit Herzblut, aber bald ist es vorbei. Am 29. Dezember ist »muschler mode & more« in der Mössinger Bahnhofstraße zum letzten Mal geöffnet, am 31. noch Inventur, dann ist Schluss. Ihr Mann ist jetzt 80, sie selbst ist kürzlich 72 geworden. Ihre Kinder - der Sohn Ingenieur, die Tochter Bankerin - wollten nicht in den Einzelhandel. »Alles muss einmal ein Ende haben«, sagt sie ohne Bitterkeit in der Stimme. Und fügt hinzu: »Es ist leichter, wenn man weiß, dass es weitergeht.«

Langjährige Mitarbeiterin übernimmt

Und es geht weiter, was in diesen Zeiten ja nicht selbstverständlich ist. Silke Beck, seit fünf Jahren Mitarbeiterin von Barbara Muschler, übernimmt das Geschäft, sodass es einen fast nahtlosen Übergang gibt. »Im Januar wird erst mal zu sein, weil ich kleinere Veränderungen vornehme«, erzählt sie. Im Februar wird sie öffnen, und im März wird es eine große Party geben.

Ein Anfang also, der aber eben auch das Ende einer Zeitspanne markiert, die sich durchaus als Ära bezeichnen lässt. 1949 hat ihr Schwiegervater nebenan, wo heute Lilly Käfer ist, eine Drogerie eröffnet, die ihr Mann weiterführte. Eine Parfümerie kam dazu, auch ein Fotostudio. Nichts, was der Sportlehrerin Barbara Muschler besonders am Herzen gelegen wäre. Dennoch war der Lörracherin klar, als sie 1981 nach Mössingen kam: »Es war keine Frage, dass ich mit meinem Mann zusammen im Geschäft arbeite.« Raus aus dem sicheren Beamten-Dasein, rein in das kalte Wasser des Einzelhandels mit einer Sechs-Tage-Woche und wenig Urlaub.

Aber mit Engagement und unternehmerischem Mut. »1991 sind wir in den heutigen Räumen dann mit Mode gestartet«, erzählt sie. »Es war die Zeit, als die Designerdüfte aufkamen, und wir haben uns gesagt: Die Parfums sind da. Dann verkaufen wir auch die Mode.« Zuerst für Männer, Frauen und Kinder, aber das hat sich nicht bewährt. »Kindermode ist schwierig, und Männer ticken einfach anders. Die sind ein Thema für sich.«

Männer kaufen nur mit dem Verstand

Männer, ist ihre Erfahrung aus vielen Jahren, wollen weniger shoppen, kaufen nur mit dem Verstand. Bei Frauen spielen Emotionen eine große Rolle: »Wir wollen uns einfach mal mit etwas Schönem belohnen.« Und das hängt auch mit der Stadt zusammen. »Ich bin eine große Verfechterin des Gesundheitszentrums«, gesteht sie. »Es bringt Menschen in die Stadt. Während der Mann beim Kardiologen ist, trinkt die Frau einen Kaffee und schaut noch in den Geschäften vorbei.«

Womit Barbara Muschler, seit vielen Jahren auch Vorsitzende des Handels- und Gewerbevereins (HGV), beim Thema Stadtentwicklung angekommen ist. »Als ich vor 45 Jahren nach Mössingen kam, habe ich mich gefragt: Wo ist hier eigentlich das Zentrum?« Es gab kein Zentrum, nur den alten Kern um die Peter- und Paulskirche, aber keinen Marktplatz, um den sich Geschäfte gruppiert hätten. Das hat sich geändert. »Jetzt ist ein Zentrum da. Das mag nicht jedem gefallen, aber es ist wie ein Garten: Es muss wachsen.«

Und für eine lebenswerte Stadt müsse jeder Verantwortung übernehmen. »Online ist ein Feind des Handels. Was wäre eine Stadt ohne Einzelhandel, ohne Gastronomie? Wir brauchen ein Bündel an Geschäften und auch den Bäcker um die Ecke. Das wird so oft unterschätzt.« Hier, hofft sie, dass es kleinere Städte vielleicht sogar einfacher haben als große, weil die Händler eher eine persönliche Bindung zu ihren Kunden aufbauen können. Die meisten ihrer Kundinnen kennt sie mit Namen und auch deren Wünsche: »Auf der Messe war mir klar: Das brauche ich in Größe 40 für Frau Maier und das in 42 für Frau Müller.« Diese vertraute Beziehung hat ihr in den Coronajahren geholfen und hilft ihr seit acht Jahren, die Beeinträchtigungen durch diverse Baustellen in der Bahnhofstraße durchzustehen.

Schwieriger Spagat

Aber es ist eben auch ihre Freude am Verkaufen. »Ich war schon immer ein kommunikativer Typ«, sagt sie von sich. Als Schülerin hat sie bei Hertie in Lörrach gejobbt für 2,50 Mark die Stunde. Lernen könne man Verkaufstechniken, aber das reiche nicht: »Im Wort Begeisterung steckt Geist. Wer keinen Geist hat, kann auch nicht verkaufen.«

Das hat sie viele Jahre mit Erfolg gemacht, mit allen Wandeln in der Branche. Ihr Fazit: »Das Modediktat ist weg. Heute gibt es eine viel größere Vielfalt, was uns aber den Einkauf nicht leichter macht.« Den Spagat zwischen modisch und tragbar zu finden, das ist die Herausforderung: »Mode ist das eine, aber der Mensch muss sich auch wohlfühlen.«

Rente ohne Ruhestand

Dieser Aufgabe stellt sich nun Silke Beck, die bereits die Sommerkollektion eingekauft hat. Die gelernte Friseurin hat über ihre Eltern Einblick in den Einzelhandel erhalten. Die Mutter war Verkäuferin, der Vater Dekorateur in einem großen Modehaus in Düsseldorf. Als sie nach Mössingen kam, hat sie in der Parfümerie ihre Kosmetik gefunden. Eines Tages hat Barbara Muschler sie gefragt, ob sie bei einer Modeschau mitmachen will - der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit.

Wenn Barbara Muschler am 31. Dezember Inventur gemacht hat, freut sie sich darauf, endlich Zeit zu haben für Touren mit dem neuen E-Bike. Ganz draußen ist sie dann allerdings noch nicht. Noch ein Jahr dauert ihre Amtszeit als Vorsitzende des HGV, und im Handelsausschuss der IHK Reutlingen ist sie auch noch aktiv. Ihre Zukunftsperspektive: »Ich gehe in Rente, aber nicht in den Ruhestand.« (GEA)