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1980: Tübinger Student begeht Oktoberfest-Anschlag

Vor 45 Jahren beging der Tübinger Gundolf Köhler den größten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Was er zuvor in Tübingen getan hat und warum seine Alleintäterschaft bis heute umstritten ist.

Der Anschlag eines Tübinger Studenten beim Oktoberfest 1980 tötete 13 Menschen.
Der Anschlag eines Tübinger Studenten beim Oktoberfest 1980 tötete 13 Menschen. Foto: Frank Leonhardt/dpa
Der Anschlag eines Tübinger Studenten beim Oktoberfest 1980 tötete 13 Menschen.
Foto: Frank Leonhardt/dpa

TÜBINGEN/MÜNCHEN. Die vorübergehende Schließung des Münchner Oktoberfests am Mittwoch weckt Erinnerungen an den folgenschwersten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Vor 45 Jahren, am 26. September 1980 tötete eine Bombe am Eingang des Oktoberfests 13 Menschen und verletzte weitere 221, davon 68 schwer. Der Täter war der Tübinger Student Gundolf Köhler. Der 21-Jährige starb selbst bei dem Anschlag. Die Frage, ob Köhler ein Einzeltäter war – als der er bis heute offiziell gilt – wird wohl ungeklärt bleiben. Immer wieder wurden neue Ermittlungen dazu aufgenommen und – zuletzt 2020 – wieder eingestellt. Zu den Hintergründen des Attentats gibt es zahlreiche Spekulation, die in Sachbüchern und Romanen publiziert wurden. Wolfgang Schorlaus fiktiver Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler geht beispielsweise in »Das München-Komplott« Verbindungen des Attentäters ins Bundeskriminalamt nach.

Mehr als über diese Verbindungen ist über Gundolf Köhler und sein Tübinger Umfeld bekannt. Köhler ist in Villingen-Schwenningen geboren und wuchs in Donaueschingen auf. Seine Familie stammte ursprünglich aus der DDR und hatte dort einen Bauernhof besessen. Er hatte vier deutlich ältere Brüder, von denen der jüngste noch vor der Geburt Gundolfs ertrank. Während diese älteren Brüder, die während der Teenagerzeit Gundolfs bereits erwachsen und Anhänger der damaligen sozial-liberalen Regierung waren, wandte sich Gundolf dem Rechtsradikalismus zu. Über seinem Bett hing zeitweise ein Bild Adolf Hitlers, zum Geburtstag schenkte er sich selbst einen Stahlhelm. Mit 14 besuchte er einen Landesparteitag der NPD, mit 16 nahm er an Übungen der Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann des Neonazis Karl-Heinz Hoffmann teil. Weil Köhler gut in Chemie war und damit angab, Bomben basteln zu können, bekam der in der WSG den Spitznamen Daniel Düsentrieb.

Köhler war an Tübinger Prügelei beteiligt

Hoffmann stellt für Köhler den Kontakt zu Axel Heinzmann her. Heinzmann, der später in Wannweil wohnte, kandidierte später viele Jahre bei etlichen Kommunalwahlen für die NPD und trat auch in Reutlingen bei OB-Wahlen an. Mitte der 1970er Jahre war Heinzmann zunächst CDU-Mitglied und gründete den Hochschulring Tübinger Studenten (HTS), der sich unter seiner Führung das Apartheid-Regime in Südafrika unterstützte und sich immer weiter ins Rechtsextreme radikalisierte. Am 4. Dezember 1976 kam es in Tübingen zu der -laut Zeitungsberichten - »brutalsten Auseinandersetzung in der Stadt seit 1945« als 200 linke Demonstranten versuchten, einen Vortrag Hoffmanns zu verhindern. Mittendrin Gundolf Köhler, Axel Heinzmann und Karl-Heinz Hoffmann. Hoffmann prahlte später in einem Flugblatt damit, dass er und seine Anhänger in nur drei Minuten sieben Linke »krankenhausreif geschlagen« und viele andere verletzt hätten. Der damals 17-jährige Köhler gab vor Freunden in Donaueschingen damit an »bei Aktionen der rechtsradikalen Truppe in Tübingen« mitgemacht und »ordentlich auf den Putz gehauen« zu haben.

Aus der Tübinger HTS-Szene stammt neben Köhler noch ein weiterer Attentäter, nämlich Uwe Behrendt. Behrendt, der in Tübingen Evangelische Theologie und Germanistik studierte, war ebenfalls an der Tübinger Schlägerei 1976 beteiligt und wurde sogar deswegen angeklagt- allerdings freigesprochen. Behrendt erschoss im Dezember 1980 - also keine drei Monate nach Köhlers Oktoberfest-Attentat - in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Levin und dessen Ehefrau. Behrend flüchtete anschließend über den bayrischen Wohnsitz Hoffmanns die DDR in den Libanon, wo er später erschossen aufgefunden wurde.

Attentäter wohnte in Weilheim

Gundolf Köhler verpflichtete sich nach seinem Abitur 1978 in Donaueschingen für zwei Jahre bei der Bundeswehr wurde jedoch bereits nach wenigen Monaten wegen einer simulierten Taubheit entlassen. Einer früheren Mitschülerin, die er beeindrucken wollte, zeigte er eine in seinem Zimmer versteckte Maschinenpistole. Köhler reiste mit einem Interrailticket durch Europa und studierte ab April 1979 in Tübingen Geografie. Er wohnte im Ortsteil Weilheim und nahm weiterhin gelegentlich an Veranstaltungen von Heinzmanns HTS teil. Auf eine Kandidatur bei der Tübinger Kommunalwahl 1980, die Heinzmann ihm anbot, verzichtete Köhler.

Die letzten Tage Gundolf Köhlers vor dem Attentat sind durch die Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy relativ gut rekonstruiert. Im Mai scheiterte er bei einer Vordiplomsprüfung und legte Widerspruch dagegen ein. Dies wurde als zunächst als Ursache des Attentats als erweiterter Selbstmord präsentiert. Doch die Prüfung hätte wiederholt werden können. Köhler bezahlte die Miete in Weilheim für zwei Monate im vorraus und erklärte seiner Vermieterin, er würde am 15. Oktober aus dem Urlaub zurückkehren. Anschließend fuhr er drei Wochen mit einem Interrailticket durch Griechenland, Jugoslawien und Spanien und arbeitete anschließend in einem Ferienjob bei einer Firma in Freiburg. In Villingen-Schwenningen besucht er einen Wahlkampfauftritt von Franz-Josef Strauß. In Donaueschingen probte er als Schlagzeuger in einer Band bis zwei Tage vor dem Anschlag. Einen Tag vor dem Anschlag brachte Köhler ein Manuskript mit von ihm gesammelten Heimatsagen zu einer Druckerei in Donaueschingen. Am Tag darauf fährt Köhler nachmittags mit dem Auto seines Vaters nach München zum Oktoberfest nach München, wo er bei der Explosion der Bombe getötet wird.

Täterwissen im Kolportageroman

Karl-Heinz Hoffmann erklärte nach dem Oktoberfest-Attentat, er habe zum Zeitpunkt der Tübinger Schlägerei zuletzt Kontakt mit Gundolf Köhler gehabt. Allerdings schrieb Hoffmann später den 800-seitigen Kolportageroman »Verrat und Treue«. Darin bezeichnete er Köhler als einen »nützlichen Idioten«, der die Bombe platzieren musste, damit die Sache der aufrechten Nationalpatrioten um Hoffmann Schaden nahm. In diesem Roman traf Köhler - als Hunold Koller nur notdürftig getarnt - seine Auftraggeber in einem Tübinger Neckarcafé. »Hüschmann vom HTS« - also Axel Hoffmann - soll den Sprengstoff an einem Parkplatz in Bebenhausen an den Attentäter weitergereicht haben. Die Veröffentlichung dieser Details aus Hoffmanns Roman führte 2009 zu einer Anfrage der Grünen, wieviel Täterwissen Hoffmann darin preisgegeben habe und zur erneuten Aufnahme von Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat. Diese wurden 2020 mit dem Ergebnis eingestellt, dass es sich bei dem Attentat eindeutig um einen rechtsextremen Anschlag gehandelt habe, mit dem die Bundestagswahl, die zwei Wochen später stattfand, zugunsten des Unionskandidaten Franz-Josef Strauß beeinflusst werden sollte. Eine Beteiligung von weiteren Tatverdächtigen könne jedoch weder belegt noch ausgeschlossen werden, so die Ermittler im Jahr 2020.

Eine politische Debatte hatte der Anschlag 1980 vor allem deshalb ausgelöst, weil Strauß das Verbot von Hoffmanns WSG durch den damaligen FDP-Innenminister Gerhard Baum im Januar als übertrieben kritisiert hatte. Man solle Hoffmann »in Ruhe lassen«, wenn er »sich vergnügen will, in dem er am Sonntag in einem mit einer Koppel geschlossenen Battledress spazieren gehe«, hatte Strauß gespottet. Nach dem Anschlag betonte Strauß sinngemäß, dass die Linken mit Anschlägen begonnen hätten und man sich über die Reaktion von »rechten Spinnern« darauf nicht wundern müsse. Diese Äußerungen und einige Ermittlungspannen sowie das Verschwinden von eingelagerten Beweisen wie einer bei der Explosion abgerissenen Hand, die keinem Opfer zugeordnet werden konnte, lösten Spekulationen über die »wahren Hintergründe« des Attentats aus, die bis heute anhalten. (GEA)