TÜBINGEN. Diagnose: Schlüssel verschluckt! Ein gelber Teddybär liegt in der Chirurgie auf dem Operationstisch. Ein Team von Medizinerinnen, gekleidet in blaue Operationsschürzen, kümmert sich um das Plüschtier. Elijah Borsch, in zwei Wochen vier Jahre alt, sieht der Operation mit großem Respekt zu. »Sein Kumpel im Kindergarten hat einen Stein verschluckt. Er musste ins Krankenhaus«, erklärt seine Mutter Katharina. Nun erlebt Elijah, wie die jungen Ärztinnen den Schlüssel aus dem Bauch des Stofftiers operieren – und ihm danach überreichen.
»Die O-Bär-Ärzte sind total nett!«, sagte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der das Hospital für Stofftiere offiziell eröffnete. Er betonte, die Teddyklinik solle den Kindern in erster Linie Ängste nehmen. Und sie hilft ihnen dabei, Prozesse zu verstehen: Die fünf Jahre alte Sali aus Altensteig wurde vor dreieinhalb Wochen operiert. Ein Traktor hatte ihren Fuß überrollt. Der Heilungsprozess verlaufe gut, sagten die Eltern, die ihre noch im Rollstuhl sitzende Tochter durch die Teddyklinik schoben.
Naben Medizinern waren Vertreter weiterer Fachrichtungen dabei
Laut Boris Palmer ist das Rathaus nie so voll wie an den Tagen, an denen die Teddyklinik darin residiert. Auf den Stühlen im Ratssaal saßen am Samstag nicht die Mitglieder des Tübinger Gemeinderats, sondern Studentinnen und Studenten. Die angehenden Mediziner untersuchten, behandelten und erklärten den Kindern, wie das jeweilige Stofftier wieder gesund werden kann. »Dir Kuscheltiere können sich auf ihre Eltern verlassen«, versicherte Johannes Nordmeyer, Ärztlicher Direktor der Tübinger Uniklinik und an diesem Tag »Schirmbär« der Teddy-Klinik.
Es waren beileibe nicht nur Mediziner vertreten: »Hier sind alle möglichen Fachrichtungen dabei«, betonte Medizinstudentin Sarah Thomsen, »wir haben eine wunderbare Zusammenarbeit«. Im Ratssaal war eine Zahnarztpraxis aufgebaut. Es gab einen »Röntgenapparat«, sowie eine von Studentinnen und Studenten der Pharmazie betriebene Apotheke, in welcher Schokolade als Medizin nicht fehlen durfte.
Kindern auf spielerische Weise vermitteln, was in Krankenhäusern passiert
Woanders im ersten Stock des Rathauses befanden sich der bereits erwähnte OP-Saal und sogar eine Hebammen-Station, wo den Kindern erklärt wurde, wie eine Geburt abläuft. Die Hebammen sind seit einem Jahr dabei, ebenso die Physiotherapeuten, die einen Krücken-Parcours vorbereitet hatten.
Draußen in der Haaggasse stand ein Krankenwagen, zur Rettung eines riesigen Teddys. 16 Kinder standen um das Stofftier herum. Sie sahen zu, wie Sanitäterin Anki Pregler einen Verband am linken Bein anlegte. Sie erklärte: »Das ist die Pauli, die hatte einen Fußballunfall.« Oder doch eine Gehirnerschütterung? Zum Glück nichts Schlimmeres. Die Kinder halfen, Pauli auf die Bahre zu legen. Drei hielten den Kopf. »Aber nicht an den Ohren«, riet die Sanitäterin, »das mögen wir auch nicht.« Als das Stofftier im Krankenwagen verstaut war, spendeten die Kinder den Helfern Applaus.
Im Herbst findet in Tübingen ein Teddyklinik-Kongress statt
Den Dank an die Organisatoren der Tübinger Teddyklinik reichte Sarah Thomsen an die Stiftung Hilfe für kranke Kinder weiter. Deren Unterstützung sei ein Privileg: »Ohne die Stiftung wäre die Teddyklinik nicht möglich.« Stiftungsvertreterin Sigrid Koppendörfer bestätigte: »Es gibt keine andere Teddyklinik, die so eine Struktur hat.« Die Idee dazu sei über den psychosozialen Dienst entstanden, die erste Tübinger Teddyklinik sei im Jahr 2002 geöffnet worden. Seit sechs Jahren findet sie im Rathaus statt.
Im Herbst, so Studentin Kira Mehnert, warte eine weitere Bestätigung für das Organisationsteam aus Tübingen: »Im November dürfen wir einen Kongress ausrichten, zu dem Vertreter aller Teddy-Kliniken kommen.« Bis dahin: »Gute Besserung an alle Kuscheltiere!« (GEA)

