TÜBINGEN. Als sich am Dienstagabend die Türen des Hörsaals an der Crona-Klinik öffnen, ist es in dem Zentralbau der Universitätsklinik Tübingen sehr ruhig - schließlich ist es kurz vor Mitternacht. Im Hörsaal hatten zuvor rund 100 Interessierte vor Ort die »Nacht der Katastrophenmedizin« verfolgt. Gemeinsam mit der Universität Aachen und der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) hat Dr. Robert Wunderlich, Anästhesist an der Uniklinik und Notarzt in Tübingen, mit seinem Team ein bemerkenswertes Vortragsprogramm auf den Weg gebracht.
In viereinhalb Stunden beschäftigten sich die Teilnehmer mit Themen, die in der Bevölkerung gerne verdrängt werden. Beispielsweise der Versorgung von Patienten nach einem Massenanfall an Verletzten (MANV), wie er jüngst etwa bei einem Zugunglück in Riedlingen (Landkreis Biberach) vorgekommen ist. Gemeinsam ist solchen Situationen, dass die Kapazitäten des Rettungsdienstes und der Hilfsorganisationen zunächst nicht ausreichen, um die übliche »Vollversorgung« durchzuführen. Auch das Lagebild ist lange unklar. Was ist passiert? Wie viele Verletzte gibt es? Gibt es noch unerkannte Gefahren?
Drohne misst den Herzschlag
Bei der Nacht der Katastrophenmedizin wurden neueste Ansätze vorgestellt, um mit solchen Lagen besser klarzukommen. Ein Schlüssel liegt etwa in der Digitalisierung. »Eine App-basierte Sichtung von Verletzten hat fast zwanzig Minuten weniger Zeit gekostet, als die übliche Variante mit Stift und Papier«, berichtete Wunderlich in seinem Vortrag. Doch hat die Technik noch einige Hürden zu überwinden. In der prallen Sonne sind Handydisplays oft nicht gut zu lesen, bei Regen neigen Smartphones gerne dazu, ein Eigenleben zu entwickeln. Ebenfalls Zukunftsmusik: die Erstellung eines Lagebildes mittels einer Drohne. Das Projekt dazu, dass Lucas Mösch von der Uni Aachen präsentierte, beeindruckte die fast 400 Zuhörer in zwei Hörsälen und online: Aus fünf Metern Höhe ist eine Drohne mit Radarsensoren, Kamera und Infrarotmessgerät in der Lage, Atmung und Herzschlag eines Menschen zu überprüfen. Irgendwann könnten solche Drohnen die Hilfskräfte zu den Patienten lotsen und erste Hinweise liefern, wem zuerst geholfen werden sollte.
Rettungsingenieurin Anna Müller aus Aachen stellte Möglichkeiten der Telemedizin vor, bei der Ärzte vom heimischen Schreibtisch aus die Katastrophenhelfer unterstützen könnten, wie es etwa nach der Flut im Ahrtal hätte helfen können. In Tübingen widerum sprach Peter Mackes, Oberstarzt der Reserve aus Reutlingen, darüber, was dem Katastrophenschutz blühen könnte, wenn Russland die Lage in Osteuropa weiter verschärfen würde. »Bisher hat die Bundeswehr den Katastrophenschutz bei Bedarf mit Material und Manpower unterstützt. In künftigen Szenarien könnte sich das umkehren, könnte die Bundeswehr auf die Unterstützung der Hilfsorganisationen angewiesen sein«, schilderte Mackes. Aufmerksam hören Ärzte, Medizinstudenten, aber auch Angehörige von DRK, ASB und Maltesern zu.
Noch drastischere Eindrücke brachte eine Gruppe von ukrainischen Onkologen mit, die derzeit das Universitätsklinikum besuchen. Die Gruppe um den Chirurgen Andrii Lukashenko arbeitet am Nationalen Krebszentrum in Kiew. Im Rahmen einer vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) initiierten Klinikpartnerschaft wollen die Tübinger Mediziner um Professor Dr. André Mihaljevic Impulse für für die Behandlung von Krebs in der Ukraine liefern.
Kaum Früherkennung im Krieg
Dort sind die Probleme groß. »Dreiviertel der neu entdeckten Tumorerkrankungen sind in einem weit fortgeschrittenen Stadium«, berichtet Lukashenko. Zum einen sei die Früherkennung in der Ukraine noch nicht so weit entwickelt gewesen wie im Westen, dann kam der Krieg dazu: Zerstörte Kliniken und Behandlungszentren, Ärztemangel durch Fronteinsätze der Mediziner oder deren Flucht aus dem angegriffenen Land bedeutet ein immer späteres Erkennen von Krebserkrankungen. Das ukrainische Gesundheitsministerium will gegensteuern, etwa mit dem Neuaufbau einer Nuklearmedizin, die von der Europäischen Union gefördert wird, und zu der die Tübinger Wissenschaftler Knowhow beisteuern möchten. »Ein weiteres wichtiges Thema ist die Sensibilisierung der Hausärzte«, sagt Lukashenko.
Es sei eine Partnerschaft auf Augenhöhe, sagen die beteiligten Tübinger Mediziner, die sich für die neue Verbindung ehrenamtlich in ihrer Freizeit engagieren. »Analog zu den Städtepartnerschaften nach dem Zweiten Weltkrieg sollen hier bleibende Verbindungen entstehen«, erklärt der Radioonkologe Maximilian Niyazi. Und Professor Mihaljevic lobt die ukrainischen Kollegen in höchsten Tönen: »Chirurgisch arbeiten sie auf einem Top-Niveau.« In der Ukraine würden zudem die Ressourcen in der Mangellage des Krieges optimal genutzt. »Davon können wir lernen«, ist sich Niyazi sicher. (GEA)

