GOMARINGEN/LOS ANGELES. Für Jens Wagner war früh klar: »Ich will in die künstlerische Richtung.« Schon als Kind hätte der 32-jährige Gomaringer am liebsten James-Bond-Filme gedreht, heute bezeichnet er sich selbst als »Cineast« - also als Kino- und Filmliebhaber. Man könnte sagen: Der Film gehört untrennbar zu seinem Leben.
Doch Wagner steht nicht selbst vor oder hinter der Kamera. Der Absolvent der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart ist Grafikdesigner und hat im November den »Clio Entertainment Award« in Gold gewonnen. Mit diesem hochrenommierten Preis zeichnet die US-Filmindustrie in Hollywood die besten Künstler in den Bereichen Entertainment Marketing, Filmwerbung und Design aus. Für den 32-jährigen Gomaringer ist das in seinem Bereich eine Art »Oscar«, den er auch stilecht in Los Angeles - dort, wo Hollywood und die Filmbranche angesiedelt ist - überreicht bekommen hat.
Direkt aus der »southern wilderness of Germany«
Ausgezeichnet wurde Wagner in der Kategorie »Theatrical Key Art, Domestic US Poster« für das von ihm gestaltete Filmplakat zu der Indie-Produktion »Crossword«. Damit hat er sich im Alleingang gegen die größten Design-Schmieden in Hollywood durchgesetzt - und das aus dem beschaulichen Gomaringen, der »southern Wilderness of Germany«, wie der 32-Jährige humorvoll unter seine E-Mails schreibt.
Schritt für Schritt hat sich der junge Mann hochgearbeitet. Zuerst von der Hauptschule auf die Realschule, dann ging's von der beruflichen Schule in Tübingen weiter aufs technische Gymnasium mit dem Profilfach Gestaltung- und Medientechnik. Als Jugendlicher hatte er angefangen, Motocross-Räder mit Logos und Designs zu verschönern. Das waren die ersten Schritte, die ihm schließlich einen Platz an der Akademie der Bildenden Künste sicherten. Dank eines Stipendiums konnte der Gomaringer auch ein Semester in Los Angeles studieren, an der California State University. »Ohne horrende Studiengebühren«, erzählt Wagner und lacht.
Gute Organisation ist alles
Mittlerweile ist Wagner in LA so gut vernetzt, dass viele seiner Kunden und Geschäftspartner denken, er habe sein Büro irgendwo in der Film-Welthauptstadt. »Hin und wieder bekomme ich sogar Bewerbungen - aber ich bin ja nur ich«, erzählt Wagner über sein Ein-Mann-Studio. Seine Arbeit, die zu hundert Prozent im Homeoffice stattfindet, gefällt ihm, wenngleich sie auch anstrengend sein kann.
»Man muss sich gut organisieren«, weiß der Grafikdesigner. Bei 40 Stunden Arbeit in der Woche bleibt's nur selten. Wenn Meetings mit den Regisseuren oder den Kollegen aus anderen Agenturen anstehen - der selbstständige Freelancer arbeitet oft an mehreren Projekten gleichzeitig, auch im Auftrag größerer Designwerkstätten - sind die aufgrund der Zeitverschiebung für Wagner in der Nacht.
Kundenkreis über Social Media aufgebaut
Seit seinem Akademie-Abschluss in den Corona-Jahren hat er sich einen Kunden- und Auftraggeberkreis über Social Media aufgebaut. Dass das fast ausschließlich über eigene Projekte geschehen ist, hat durchaus Kalkül. »Da lernt man besser Leute kennen«, weiß Wagner. Als sich schließlich der Boss einer großen Designagentur bei ihm meldet, rekrutiert dieser den Jung-Designer zügig für ein Projekt - inklusiver einer Einarbeitung vor Ort in LA. »Ich hätte sogar ein Angebot gehabt, hinzuziehen.« Doch der 32-Jährige wollte es lieber selbstständig probieren.
Dann folgten die ersten Angebote von Regisseuren aus dem Independent-Bereich. Diese Nische zeichnet sich dadurch aus, dass die Produktionen außerhalb der großen, etablierten Filmstudios gedreht werden, häufig unabhängig finanziert sind und einen eher künstlerischen Anspruch an das bewegte Bild formulieren als die kommerziell ausgelegten Blockbuster, die Millionenbeträge in die Kassen spülen.
Große Verantwortung
Während sich Optiken auf populären Filmplakaten eher ähneln, könne man bei Indie-Filmen viel künstlerischer an die Plakatgestaltung herangehen, sagt Wagner. Dadurch wachse aber auch die Verantwortung gegenüber dem Projekt: »Das Plakat ist ja sozusagen die Verpackung, gerade für die eher unbekannten Indie-Produktionen ist das sehr wichtig.«
Über 200 Varianten und Vordesigns liegen in Wagners Projektmappe zu »Crossword«. An einem Poster sitzt der 32-Jährige über einen Monat. »Manchmal hat man die zündende Idee sofort, eine Art Momentum, und manchmal hängt man fest.« Ein Großteil der Arbeit findet selbstverständlich am Computer statt, aber Wagner ist ein haptischer Mensch und bringt viele seiner Ideen zuerst mit dem Stift auf Papier. KI ist für ihn höchstens ein Werkzeug, einige Einfälle schnell zu visualisieren: »Mit der Hand kommt man auf mehr Ideen.«
Spannend war das Arbeiten an seinem Auszeichnungs-Projekt auch deshalb, weil er als Grundlage für das Poster nur das Drehbuch zur Verfügung hatte. »Normalerweise bekomme ich den Film in einer Rohfassung zu sehen, ohne Effekte oder Sound«, erzählt Wagner. Hier mussten die Bilder zuerst im Kopf entstehen und es gab keine visuelle Vorlage für ein etwaiges Design.
Die Schwierigkeiten des Vornamen »Jens«
Der 32-jährige Grafikdesigner Jens Wagner hat sich mit seinem Studio »YENCE Studio« selbstständig gemacht. Der Name rührt indes von einem Kuriosum her: »Die Amerikaner hatten immer etwas Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Aussprechen von meinem Vornamen«, erzählt Wagner und schmunzelt. Deshalb hat er seinen Studio-Namen kurzerhand angepasst. »So ausgesprochen ergibt es im Englischen nahezu exakt Jens.« (pru)
Da sich sein Arbeitsleben immerzu um den Film drehe, könne er kaum noch einen Streifen »normal« anschauen. »Da kann ich auch nie abschalten, das ist ein Problem«, benennt der 32-Jährige eine kleine Schattenseite seines ansonsten erfüllenden Jobs. Wenn der Prozess mal hakt, schwingt sich Wagner aufs Fahrrad oder bewegt sich anderweitig an der frischen Luft. In seiner »southern wilderness of Germany« schätze er das ganz besonders. »In LA gibt's so viele Autos, da sieht man vor lauter Smog nichts mehr.« (GEA)



