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Behördenwirrwarr: Dreijähriger droht in Mähringen unter die Räder zu kommen

Zum Glück bekommt der Dreijährige davon nichts mit: Der schwerkranke Junge, der in der Einrichtung »Arche Intensivkinder« in Kusterdingen lebt, ist auf vielfältige Hilfe angewiesen. Im Hintergrund tobt ein Rechtsstreit um die Kosten.

Auf den Stationen der Arche Intensiv Kinder werden schwerkranke Kinder betreut.
Auf den Stationen der Arche Intensivkinder werden schwerkranke Kinder betreut. Foto: Arche Intensivkinder
Auf den Stationen der Arche Intensivkinder werden schwerkranke Kinder betreut.
Foto: Arche Intensivkinder

KUSTERDINGEN-MÄHRINGEN. Der heute dreijährige Junge kam als Kind von Asylbewerbern in der Kinderklinik Heilbronn auf die Welt. Und musste schon damals um sein Überleben kämpfen. Er leidet unter dem Kurzdarmsyndrom, sodass sein Körper zu wenig Nährstoffe aufnehmen kann, um gesund zu wachsen. Aufwändige therapeutische und medikamentöse Begleitung ist erforderlich, um ihm ein möglichst natürliches Wachstum zu ermöglichen. Derzeit muss der Junge auch zusätzlich beatmet werden. Die nötige Nachsorge nach dem Aufenthalt in der Kinderklinik bietet dem Dreijährigen die Einrichtung »Arche Intensivkinder« in Mähringen.

Vor über zwei Jahren kam das Kind in den Kusterdinger Teilort. Und sogar die Familie, die als Asylbewerber eigentlich an den jeweiligen Kreis ihrer Registrierung gebunden sind, durften im Rahmen einer Vereinbarung zwischen den Landratsämtern in den Kreis Tübingen wechseln, um bei ihrem Sohn bleiben zu können. »Sie kümmern sich toll um ihren Sohn«, betont Christiane Miarka-Mauthe, die das Pädiatrieteam leitet. Das ist nicht bei allen Eltern so: In anderen Fällen verweigern die Eltern jegliche Eigenbeteiligung. »Manche sagen ganz offen, dass sie das Kindergeld anderweitig verplant haben«, schildert Geschäftsführerin Sabine Vaihinger. »Es gibt nichts, was wir nicht erlebt haben.«

Wechselnde Zuständigkeiten bei den Kostenträgern

Das gilt auch im Fall des dreijährigen Flüchtlingskindes. Denn zum 1. Juli verbesserte sich sein Status: Aufgrund seiner schweren Erkrankung wurde er als anerkannter Flüchtling eingestuft. »Eigentlich sollte das eine Verbesserung sein. Für uns begannen dann aber die Probleme«, erklärt Vaihinger. Bis dato hatte das Sozialamt die Behandlungs- und Pflegekosten getragen, nun sollte der Junge durch das Landratsamt Heilbronn gesetzlich krankenversichert werden. Und die Behörde, die als Kostenträger fungiert hätte, weigerte sich, verwies stattdessen auf das Landratsamt Tübingen. Dort habe der Junge ja inzwischen seinen Wohnsitz, so die Argumentation der Behörde.

Die Abstimmungsschwierigkeiten zwischen den Ämtern hatten für die Arche Intensivkinder indes ganz praktische Folgen: Für die Kosten kam von einem auf den anderen Tag niemand mehr auf. Auch lebenswichtige Medikamtene und Infusionen konnten nicht bezahlt werden. Eine Apotheke sprang als Lieferantin deshalb ab, die Apotheke der Uniklinik ein. »Wir sind in Vorleistung gegangen«, betont Geschäftsführerin Vaihinger und spricht von 80.000 bis 100.000 Euro, die bisher nicht bezahlt worden sind. »Nicht nur wir, auch die Apotheker, Therapeuten, Hilfsmittellieferanten warten auf ihr Geld.«

Engagierte Betreuung: Die Leiterin des Pädiatrieteams Christiane Miarka-Mauthe und Geschäftsführerin Sabine Vaihinger (rechts).
Engagierte Betreuung: Die Leiterin des Pädiatrieteams Christiane Miarka-Mauthe und Geschäftsführerin Sabine Vaihinger (rechts). Foto: Foto: Privat
Engagierte Betreuung: Die Leiterin des Pädiatrieteams Christiane Miarka-Mauthe und Geschäftsführerin Sabine Vaihinger (rechts).
Foto: Foto: Privat

Wichtige Untersuchung abgesagt

Noch schlimmer wiegt: Wichtige Behandlungen fallen derzeit aus. »Die Untersuchung der Magen-Darm-Passage steht noch aus und ist dringend«, weiß die Pflegeleiterin Miarka-Mauthe. Häufige Bauchschmerzen können so nicht adäquat behandelt werden. Weil der Dreijährige auch an Krampfanfällen leidet, sollte auch ein Schlaf-EEG durchgeführt werden. »Wir haben drei Monate auf den Termin gewartet und mussten ihn dann kurzfristig absagen«, bedauert Geschäftsführerin Vaihinger.

Zahlreiche Flüchtlingskinder

Rund 20 Pflegeplätze sind in der »Arche Intensivkinder«in Mähringen vorhanden. Rund 80 Prozent der in der Einrichtung lebenden Kinder sind Flüchtlingskinder, was mehrere Ursachen hat. So ist eine Versorgung der Kinder in Flüchtlingsunterkünften oft nicht möglich, von fehlenden Steckdosen in den Zimmern für die Beatmungsgeräte, über mangelnde Barrierefreiheit bis hin zu Sprachproblemen bei mitunter notwendigen Notrufen reicht die Palette der Schwierigkeiten, vor denen die Eltern stehen würden. Hinzu komme der Stress auf der Flucht, der bei Schwangeren Frühgeburten auslösen kann. Auch das in anderen Kulturkreisen verbreitetere Rauchen in der Schwangerschaft und erblich bedingte Krankheitshäufung durch verabredete Eheschließungen in der nahen Verwandschaft nennen die Arche-Gründerinnen Sabine Vaihinger und Christiane Miarka-Mauthe als Faktoren. (ath)

Am 29. Oktober war die Sache eigentlich geklärt: Das Sozialgericht Reutlingen entschied nach einer Klage, dass das Landratsamt Heilbronn für die Anmeldung bei der Krankenkasse zuständig sei. Doch zunächst geschah nichts. »Dann sind die Drähte heiß gelaufen«, erzählt Vaihinger. Am Ende wurde der Junge rückwirkend zum 23. September bei der Krankenkasse angemeldet. »Die Kostenübernahme für die Zeit ab Juni ist weiter völlig ungeklärt«, sagt die Arche-Geschäftsführerin. Und: Das Landratsamt Heilbronn führte die »vorläufige Anmeldung« nur »ohne eine Anerkennung der Zahlungspflicht« durch und legte Beschwerde vor dem Landessozialgericht ein, berichtet die Arche-Geschäftsführerin. In Stuttgart ist der Fall nun anhängig.

»So massive Probleme hatten wir noch nicht«, berichtet Vaihinger, die die »Arche Intensivkinder« zusammen mit Miarka-Mauthe vor rund 20 Jahren gründete. 2007 wurden die ersten Kinder aufgenommen, nachdem zuvor das Sozialgesetzbuch V geändert worden war, um der Einrichtung für intensivpflegebedürftige und beatmete Kinder eine Rechtsgrundlage zu geben. Inzwischen gibt es rund 20 Plätze für Kinder von null bis sieben Jahren, um die sich ein 120-köpfiges, multiprofessionelles Team kümmert. Ein Förderverein und zahlreiche Spender ermöglichen den Kindern auch außerhalb der medizinischen Pflege ein möglichst normales Leben, bis hin zur Begleitung ins Krankenhaus bei nötigen Untersuchungen und Eingriffen. (GEA)