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Wie es um »Miteinander reden« in Nehren steht

Beim Projekt »Miteinander reden« in Nehren sollten Menschen zusammengebracht werden, die sonst eher über einander statt miteinander reden. Nun ist eine Förderung ausgelaufen. Gibt es für das Dialogformat eine Zukunft?

Ob Windkraft oder Werte: In Nehren kamen Themen auf den Tisch, über die sich kontrovers diskutieren ließ.
Ob Windkraft oder Werte: In Nehren kamen Themen auf den Tisch, über die sich kontrovers diskutieren ließ. Foto: Privat
Ob Windkraft oder Werte: In Nehren kamen Themen auf den Tisch, über die sich kontrovers diskutieren ließ.
Foto: Privat

NEHREN. Für eine lebendige Demokratie ist Dialogbereitschaft unabdingbar. Doch wie steht es in der Gesellschaft um das gepflegte Streitgespräch? Wird noch kontrovers und engagiert diskutiert, oder umgeben sich und sprechen die allermeisten nicht lieber mit denjenigen, die ohnehin ihrer Meinung sind? Anworten auf diese Fragen wollte das Projekt »Miteinander reden« in Nehren liefern. Als eines von 100 ausgewählten Projekten bundesweit wurde die Nehrener Initiative von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Das große Ziel: Menschen unterschiedlicher Meinung und Gesellschaftsschicht zusammenzubringen.

Und die Nehrener Organisatoren um die AL-Gemeinderätin Sonja Dietsche und Heike Sinner scheuten sich nicht, sich kontroversen Themen zu widmen. Gleich zum Auftakt etwa der Windkraft. »Trotz des heiklen Themas waren wir erstaunt über den guten Dialog - es war ein respektvoller Austausch«, erinnert sich Dietsche heute. »Es war ein fulminanter Abend. Man hat einander zugehört«, ergänzt Sinner. Zunächst hatte es aber gar nicht danach ausgesehen. Die Organisatoren erlebten einige Tiefpunkte auf dem Weg zur ersten Diskussionsveranstaltung. »Wir sind ein bisschen laienhaft an das Thema herangegangen«, erklärt Dietsche. So haben sie etwa verschiedene Initiativen von Windkraft-Gegnern aus der Region angeschrieben und deren Sprechern angeboten, zu Beginn der Diskussion einen Redeimpuls zu halten. Das Resultat: Niemand wollte sprechen, vielmehr wurde den Nehrenerinnen gesagt, sie hätten sich festzulegen: ob sie für oder gegen Windkraft seien. »Dabei wollten wir nie direkt Position beziehen«, sagt Dietsche. Unangenehme E-Mails und Telefonate folgten, erinnern sich die beiden. »Durch unsere rosarote Brille hatten wir uns das eigentlich ganz nett vorgestellt.«

Gemeinderätin Sonja Dietsche (links) und Heike Sinner gehörten zum Organisationsteam von »Miteinander reden Nehren«.
Gemeinderätin Sonja Dietsche (links) und Heike Sinner gehörten zum Organisationsteam von »Miteinander reden Nehren«. Foto: Alexander Thomys
Gemeinderätin Sonja Dietsche (links) und Heike Sinner gehörten zum Organisationsteam von »Miteinander reden Nehren«.
Foto: Alexander Thomys

Um einige Erfahrungen reicher, ging das Organisationsteam das Thema dennoch an. Mit großem Erfolg. 110 Besucher kamen ins Kultursäle, das die Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. Entstanden ist daraus am Ende auch eine Broschüre, die die Miteinander-Reden-Macher kurz darauf der Gemeinde überreichten. »Darin enthalten sind Fragen, die in der Bevölkerung offen sind. Das kann sich ein interessierter Projektierer anschauen und weiß gleich, was auf ihn zukommt und welche Fragen er beantworten sollte«, sagt Dietsche. Ein Mehrwert über den eigentlichen Dialogabend hinaus also.

Zwei weitere »Miteinander reden«-Abende folgten. Zum Thema »Generationenkonflikt« und zum Thema »Werte«. Selbstkritisch räumt Sinner dabei ein: »Wir haben uns von Veranstaltung zu Veranstaltung halbiert.« Erst kamen noch knapp 60 Interessierte, dann 30. Das hehre Ziel, verschiedenste (Interessen-)Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen, klappte nur begrenzt. »Wir konnten keine jungen Menschen für die Dialogabende begeistern. Vielleicht waren Abendveranstaltungen für junge Familien auch nicht das richtige Format«, üben die beiden Selbstkritik. Auch sei es nicht gelungen, Menschen mit Migrationshintergrund einzubinden. »Wir sind zu wenig aus unserer eigenen Blase herausgekommen«, bilanziert Dietsche. So habe man zwar alle Gemeinderatsfraktionen eingeladen, oftmals aber keine Rückmeldungen erhalten. Loben wollen die Macherinnen indes Bürgermeister Egon Betz, der bei allen drei Terminen anwesend war.

Das Dialogformat sollte verschiedenste Menschen zusammenbringen. Dies gelang aber nicht immer.
Das Dialogformat sollte verschiedenste Menschen zusammenbringen. Dies gelang aber nicht immer. Foto: Privat
Das Dialogformat sollte verschiedenste Menschen zusammenbringen. Dies gelang aber nicht immer.
Foto: Privat

Inzwischen ist die Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung ausgelaufen. Bezahlt wurden von den rund 8.000 Euro unter anderem die professionellen Moderatoren, die Bewirtung und Werbematerialien. Als »relativ niederschwellig und unkompliziert« loben die beiden Nehrenerinnen im Gespräch das Förderprogramm, durch welches das Dialogformat auch engmaschig begleitet und evaluiert wurde. Das große Aber: Es gibt kein Folgeprogramm. Auch die Gesprächsreihe dürfte damit enden, sofern sich niemand findet, der das Projekt übernimmt und weiterträgt. »Für mich persönlich war es eine Bereicherung«, sagt Heike Sinner, die auch Veranstaltungen in Hannover und Bonn besuchte, bei der die »Miteinander reden«-Projekte bundesweit zusammenkamen. Aber es ist auch eine gewisse Frustration herauszuhören, nicht alle Menschen erreicht zu haben. Ein letztes Türchen lassen sich Dietsche und Sinner aber offen: Eventuell wird es im kommenden Jahr einen Stammtisch geben, der aus der »Miteinander reden«-Reihe erwachsen soll. (GEA)