TÜBINGEN. Vor über 20 Jahren haben die Tübinger Händler durchaus neidisch Richtung Stuttgart, Esslingen und Reutlingen geschaut. Schließlich gab und gibt es dort immer noch einen mehrwöchigen Weihnachtsmarkt. Nicht so in Tübingen. Der hiesige Markt wird in erster Linie von Vereinen und kleinen Kunsthandwerkern getragen. Drei Tage sind rund 300 Stände in der Altstadt aufgebaut. Damit gehört er zu den größten Weihnachtsmärkte im Land, sagt der Tübinger Unternehmer Hans-Peter Schwarz. Aber er dauert eben nur drei Tage. Für die ortsansässigen Händler ist das zu kurz, um ausreichend von Besuchern zu profitieren. Ein neuer Magnet musste her, um Kundschaft in die Tübinger Läden zu spülen.
Gut möglich, dass nun andere Städte neidisch auf Tübingen schauen: Schon im ersten Jahr nachdem die Chocolart aus der Taufe gehoben wurde, war der Markt ein voller Erfolg. Dabei war es anfangs nicht einfach, Chocolatiers in die Unistadt zu holen, erzählt Schwarz. Viele hätten sich gefragt, was Tübingen eigentlich mit Schokolade zu tun hat. Heute ist es nicht mehr schwer, Chocolatiers und Konditoren zu finden. Ganz im Gegenteil. Manche nehmen weite Wege auf sich, um bei dem sechstägigen Event in der Unistadt dabei zu sein. Bis aus Litauen und Sizilien reisen sie an, um ihre Schokoladen und Pralinen zwischen Holzmarkt und Marktplatz anbieten zu können. Auch aus Krementschuk, der Tübinger Partnerstadt, sind Marktbeschicker dabei.
Aber wie kam die Schokolade nun nach Tübingen? Herbert Tressel, der schon bei den Initiatoren für den umbrisch-provenzalischen Markt dabei war, hatte die Idee dazu, erzählt Schwarz. Geboren wurde der Gedanke auf einer Reise in die Tübinger Partnerstadt Perugia zur Eurochocolate. Das Schokoladenfest in Italien zieht dort seit 1993 regelmäßig Hunderttausende Besucher an.
Die Schwarzwälder-Kirschtorte war es schließlich, die den historischen Hintergrund zum Tübinger Schokoladenmarkt lieferte: Nachdem der damalige Stadtarchivar Udo Rauch den Tübinger Konditormeister Erwin Hildenbrand als Erfinder der Torte ausgemacht hatte, war die Verbindung da. Schließlich werde auch in der Schwarzwälderkirschtorte Schokolade verwendet, sagt Schwarz.
Zugegeben, die Verbindung ist ein bisschen konstruiert. Aber der Chocolart hat das in keiner Weise geschadet. Vielleicht braucht es überhaupt keinen historischen Bezug, sondern nur feine Geschmacksnerven. »Neun von zehn Menschen lieben Schokolade, und der Zehnte lügt«, fasst es Schwarz zusammen. Auch er sei zuerst skeptisch gewesen, ob man mit diesem Thema die Massen mobilisieren kann. Seit 2006 weiß er: Man kann.
Chinesische und japanische Reporter berichten
Knapp 40 Stände waren es zu Beginn, aber auch die lockten schon über 100.000 Menschen in die Unistadt. »Nach dem ersten Jahr hat sich das rumgesprochen«, erinnert sich Schwarz. In den kommenden knapp 20 Jahren entwickelte sich die Chocolart zum Selbstläufer. Regelmäßig strömen nun rund 250.000 Besucher in die Altstadt. Sie geben im Schnitt 25 bis 30 Euro in den Tübinger Geschäften aus. »Ganz viele übernachten hier«, so Schwarz. 4.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr aus außereuropäischen Staaten. Chinesische und japanische Reporter und Influencer haben schon über den Tübinger Schokoladenmarkt berichtet. Im Magazin einer schwedischen Fährlinie wurde die Chocolart vorgestellt, in der Broschüre der königlich jordanischen Fluglinie zierte sie das Titelbild, auch eine thailändische Kochzeitschrift berichtete schon. Der Schokoladenmarkt ist international geworden. Über 200 Omnibus-Veranstalter steuern den Markt jährlich an. Regelmäßig ist Tübingen mit der Chocolart unter den Top 100 der Reiseziele in Deutschland.
Rund 85 Aussteller kommen in diesem Jahr. »Mehr geht nicht«, sagt Schwarz. Viele wollen gerne ihre Stände vergrößern, die meisten wollen jährlich dabei sein. Die Veranstalter achten aber darauf, dass es jedes Jahr eine gewisse Fluktuation gibt. Der Markt soll schließlich auch weiterhin interessant bleiben. Ganz viele Anbieter haben aber auch ein treues Stammpublikum, weiß Schwarz. Und manche sind von Anfang an dabei: Schokoklett aus Nehren, Chocolatier Schell und das Café Lieb fallen Schwarz auf Anhieb ein.
Schon im zweiten Jahr war es wesentlich einfacher, Aussteller zu finden. »Viele haben zuerst abgewartet, ob das was wird«, weiß Schwarz. Es wurde was, auch wenn manches am Anfang noch nicht so ganz rund lief: Die typisch weißen Pagodenzelte gab es erst ab dem zweiten Jahr. Aber vor allem habe er an eines überhaupt nicht gedacht, erzählt der Unternehmer, und bei der Erinnerung wird ihm immer noch ganz anders: Er hatte Tassen vergessen. Und so stapelten sich am Ende der ersten Chocolart bergeweise die Einwegbecher in der Altstadt. Riesige Müllberge sind dabei entstanden, sagt Schwarz. Beim Anblick habe er sich geschworen, dass es so etwas nicht mehr geben wird. Ab dem zweiten Jahr wurde die Tasse auf dem Markt obligatorisch, und Schwarz wurde ein Gründungsmitglied der Initiative »müllarmes Tübingen«. Der Becher zur Chocolart wird jedes Jahr neu gestaltet. Das Modell im vergangenen Jahr war so beliebt, dass es in Kürze ausverkauft war.
Von Dubai-Schokolade bis zur Tübinger Biomilch
Der Tübinger Unternehmer kann es nach wie vor kaum glauben, wie viele Menschen bereit sind, viel Geld für Schokolade auszugeben. Der Hype um die Dubai-Schokolade im vergangenen Jahr hat dabei noch einiges dazu getan. »Viele haben sich mit dem Handwerk beschäftigt und die Schokolade noch mehr schätzen gelernt.« In der Unistadt lassen sich die Besucher nicht nur zart schmelzende Pralinen auf der Zunge zergehen, sondern lernen, wie faire Schokolade produziert wird. Auch auf regionale Produkte wird geachtet: Täglich liefern die Tübinger Biomilch-Bauern Hunderte Liter Milch für den Schokoladenmarkt.
Es ist also eine Erfolgsgeschichte par excellence, die Schwarz zu erzählen hat. Da spielt es kaum eine Rolle, dass es immer wieder Nachahmer gibt. Paderborn beispielsweise oder auch Offenburg. »Jetzt probiert es Potsdam. Aber dauerhaft hat es bisher keiner geschafft«, sagt Schwarz.
»Wir haben nach einer Idee gesucht.« So fing alles an. Die Idee trägt seit fast 20 Jahren, und ein Ende ist nicht in Sicht. Es sind sicher nicht nur die Schokoladen und Pralinen, die den Markt so anziehend machen. Es ist auch die Kulisse der Altstadt und die Lichtspiele von Daniel Liewald und seinem Team an den Fachwerkhäusern, die Atmosphäre schaffen. Für die Tübinger Händler ging die Rechnung jedenfalls auf. Sechs Tage Chocolart, drei Tage Weihnachtsmarkt. »Man hat Grund, zwei Mal nach Tübingen zu kommen«, freut sich Schwarz. Und wenn die beiden großen Events vorbei sind, dann läuft der Handel und die Gastronomie kurz vor Weihnachten von ganz alleine. (GEA)
Sechs Tage Schoko-Markt
Eröffnet wird die Tübinger Chocolart am Dienstag, 28. November, 13 Uhr, von Oberbürgermeister Boris Palmer und Vertreter des Handel- und Gewerbevereins auf dem Marktplatz. Geöffnet ist der Markt am Dienstag von 13 bis 20 Uhr, von Mittwoch bis Freitag von 10 bis 20 Uhr, am Samstag von 10 bis 22 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Zum Markt gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. Unter anderem gibt es ein Schokoladen-Tasting mit der ecuadorianischen Kakaoexpertin Raquel Cayapa. Gemeinschaftsschüler aus Steißlingen präsentieren auf dem Holzmarkt ihr Projekt »Schüler machen Schokolade«. (GEA)



