REUTLINGEN/KIRCHENTELLINSFURT. Yasmin Mai-Schoger ist Netzwerkerin. Überall, wo die Reutlingerin hinkommt, knüpft sie Verbindungen zu den Menschen, die sie umgeben. Fast könnte man denken, dass sie ihren ursprünglichen Beruf der Weberin von Textil auf Sprache übertragen hat. »Ich bin eine Wortweberin«, beschreibt die 55-Jährige sich selbst. Eine sehr produktive. Schließlich hat sie in den vergangenen zehn Jahren 1.155 Gedichte und Geschichten geschrieben und 17 Bücher im Eigenverlag veröffentlicht. Darüber hinaus kommen noch über 20 Anthologien, in denen ihre Gedichte aufgenommen wurden.
Sie ist keine Autorin, die still zu Hause ihre Gedichte schreibt und leise veröffentlicht. Ihre Texte sollen zum Austausch anregen. »Es gibt nichts Schöneres, als Menschen ins Gespräch zu bringen«, sagt Mai-Schoger. Und genau das hat sie immer wieder getan. Zu Coronazeiten schrieb sie jeden Tag eine Postkarte an das Seniorenheim in Eningen. Über 300 Gedichte wurden es am Ende. Jedes Einzelne wurde täglich von der Hausleitung vorgelesen. Daraus haben sich wieder neue Anknüpfungspunkte für Mai-Schoger ergeben. Sie las irgendwann selbst vor und hat das jahrelang ehrenamtlich beibehalten.
»Es gibt nichts Schöneres, als Menschen ins Gespräch zu bringen«
Netzwerke knüpfen ist unter anderem auch ihre Aufgabe in Kirchentellinsfurt. Im Ort ist sie weniger als Gedichteschreiberin bekannt, dafür aber als Zuständige für das Generationen-Netzwerk. Über eine Annonce im GEA ist sie zu dieser Arbeit gekommen. Das Projekt passt geradezu perfekt zu allem, was Mai-Schoger wichtig ist: Menschen verbinden, mit ihnen ins Gespräch kommen, ihnen auf Augenhöhe begegnen. Mittlerweile arbeitet sie in Kirchentellinsfurt auch in der Ortsbücherei. Das passe ganz hervorragend, sagt Mai-Schoger. Schließlich sei sie mit dem Geruch von Büchern aufgewachsen. Ihre Mutter hat in einer Buchhandlung gearbeitet.
Die Mutter zweier Söhne hat schon vieles in ihrem Leben gemacht. Die erste Ausbildung als Schneiderin absolvierte sie noch in ihrer Heimat in Niedersachsen. Nach Reutlingen kam sie über das Studium Textiltechnik an der Fachhochschule. Sie war die letzte Studentin, die mit dem Schwerpunkt Textil abgeschlossen hat. Heute gibt es den Studiengang nicht mehr.
»Ich schreibe jeden Tag. Am liebsten nachts«
In die Achalmstadt habe sie sich »schockverliebt«, erzählt Mai-Schoger. Kein Wunder also, dass sie allein dem Reutlinger Hausberg fast hundert Gedichte gewidmet hat. Aber wie kam die Schneiderin, Weberin und anschließende Personalentwicklerin, Mediatorin und Projektmitarbeiterin eigentlich zum Schreiben? Fast nebenbei. Die Harzreise von Heinrich Heine habe sie dazu animiert, ihr eigenes Gedicht über den Harz zu schreiben, erzählt Mai-Schoger. Ihre eigene Version hat sie ihrer Mutter geschickt. Die hat das Gedicht heimlich an einen Verlag weitergegeben. Es wurde Teil einer Anthologie über den Harz. Mai-Schoger hat sich gefreut, mit ihrem Gedicht Teil eines großen Ganzen zu sein. Darüber hinaus war der Samen für das Schreiben gelegt. Er trägt bis heute reichlich Früchte. »Ich schreibe jeden Tag«, erzählt Mai-Schoger, »am liebsten nachts«. Ohne Notizzettel und Stift verlässt sie das Haus nicht. Und sollte ihr unterwegs ein Gedanke kommen, der sofort aufgeschrieben werden muss, dann geht sie dem umgehend nach.
Es sind Gedankenblitze voll Hoffnung, Humor und Wärme, die Mai-Schoger zu Papier bringt. Kleine Gedichte, die zum Nachdenken anregen, Trost spenden oder die Leser lächeln lassen. Wimmel-Wünsche sind darunter, Schmunzelstücke, Geschichten rund um die Achalm und Harzschnipsel. Auch ihr erstes Theaterstück hat Mai-Schoger geschrieben. Im Bayern wurde es aufgeführt. Dazu kommen Lieder und Geschichten. Der Bösewicht wurde unter der Hand der Reutlinger Autorin zum Dösewicht. Sie hat einen Wirbelwusch geschaffen: die Tübinger Trödel-Trude, das Neckar-Männle und die Kirchentellinsfurter Schlossschwestern. Auch die Schwälbler, kleine feenartige Wesen, stammen aus ihrer Feder.
Yasmin Mai-Schoger, »das tapfere Schreiberlein«, wie es auf einem Klappentext steht, will jung gebliebene Erwachsene und Senioren mit ihren Büchern und Gedanken erfreuen. Und weil sie nichts lieber macht, als ihr gesamtes Wissen weiterzugeben, hat sie in Kirchentellinsfurt ihre eigene Schreibwerkstatt ins Leben gerufen.
»Denke groß. Klein machen es die Leute von alleine«
Ihre Texte und Gedankenschnipsel bringt sie selbst unters Volk. »Denke groß, klein machen es die Leute von alleine« - das ist ein typischer Gedanke von Mai-Schoger. Die kleinen Bändchen veröffentlicht sie im Selbstverlag. Die Anfrage eines größeren Verlages hat sie dankend abgelehnt. »So kann ich machen, was ich will.« Sie werde niemals einen Harry-Potter auf den Weg bringen, sagt die 55-Jährige. Das ist aber auch gar nicht ihr Ansinnen. Lieber will sie Menschen zusammenbringen. Und dafür liest sie gerne vor, egal wie groß das Publikum ist. »Ich lese für zwei oder 200 Menschen.« Ihr Einzugsbereich reicht von Nürtingen über Metzingen, Orschel-Hagen, Betzingen und Kirchentellinsfurt. Sie hat in der Gardenlife vorgelesen, in einer Bäckerei und bei Habila, sie war in der Reutlinger Vesperkirche und in der Rommelsbacher Buchhandlung. Auch Wohnzimmergedichte für Menschen, die nicht mehr aus dem Haus kommen, bietet sie an.
Schreiben ist ihr Leben geworden. Viele hat sie schon damit erfreut. Ihre zwei Söhne kennen jedes Gedicht und jede Geschichte von ihr. Sie hat neue Kontakte geknüpft. Mit dem Reutlinger Autor Wolfgang Rinn ist sie mittlerweile im regelmäßigen Austausch. Der 89-Jährige hat ihr Trauerbuch im Internet gefunden und sie angeschrieben. Aber ihr kreativer Geist strebt weiter. Einen Trauerpfad mit ihren Gedichten würde sie gerne auf dem Friedhof an der Römerschanze verwirklichen. »Das Geld dafür würde ich über Spenden zusammenbekommen« ist sich die tatkräftige Autorin sicher. Und wer ihr zuhört, der glaubt ihr das aufs Wort. (GEA)

