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Aktuell INTERVIEW

Mit der Äffin durch die Lüfte

STUTTGART. »Das spektakulärste Musical unserer Zeit« – so wird das Musical »Tarzan« beworben. Und das kann man nur bestätigen: Die Bühne ist der ganze Theatersaal. Die Darsteller fliegen über die Köpfe der Zuschauer hinweg und faszinieren das ganze Publikum. Man entdeckt die Dschungelwelt von Tarzan hautnah. Noch vor der Premiere des Musicals »Tarzan« in Stuttgart waren Zms-Teilnehmer bei der Generalprobe dabei. Sie hatten zudem Gelegenheit, Melanie Ortner, die Tarzans »Affenmutter« Kala spielt, zu interviewen.

ZmS: Wie kamen Sie dazu, Musicaldarstellerin zu werden?

Melanie Ortner: Die offizielle Variante ist, dass ich auf einem Musikgymnasium war, mit sieben Jahren zu tanzen begonnen habe und immer schon auf der Bühne stehen wollte. Und die inoffizielle Variante ist, dass ich auf meiner Ballettschule mit 17 einen Kollegen hatte, der die Aufnahmeprüfung an einer Musicalschule machen wollte und mit mir gewettet hat, ob ich mich trauen würde, das auch zu machen. Die Wette habe ich gewonnen: Ich wurde genommen. Dass ich ausgerechnet zum Musical kam, war so gesehen ein super Zufall.

»Man muss sich bemühen, dass man die Beste ist«
Wie lange hat es gedauert, bis Sie es ins Musical Tarzan geschafft haben? Wurden Sie auch schon abgelehnt?

Ortner:

Gott sei Dank wurde ich bei »Tarzan« noch nicht abgelehnt. Ich habe vor fünf Jahren beim Fernseh-Casting »Ich Tarzan, du Jane« mitgemacht. Da wurden Tarzan- und Jane-Erstbesetzungen gesucht. Ich bin Fünfte geworden und habe ein Angebot bekommen für eine Swing-Position. Ein Swing ist jemand, der zum Beispiel für jemanden einspringt, der krank geworden ist. Ich habe dann die Zweitbesetzung der Jane und der Kala angeboten bekommen und bin nach zwei Jahren zur Erstbesetzung der Kala aufgerückt.

Wären Sie gerne einmal Jane?

Ortner: Ich habe Jane um die 250 Vorstellungen gespielt, das war toll und ist eine wunderbare Rolle, aber ich fühle mich jetzt in der Mutterrolle wohler.

Hat man gleich bestimmt, dass Sie die Rolle bekommen oder gab es noch andere Interessenten?

Ortner: Es gibt immer sogenannte »Auditions« in der Theaterwelt, »Castings« also, bei denen man sich vorstellt. Dort gibt es meist mehrere Runden. In der ersten Runde kommen ungefähr 500 Bewerber für eine Rolle, die Hälfte davon wird ausgewählt für die nächste Runde. Das geht dann immer so weiter … Man muss aber auch bedenken, dass man mehrere Besetzungen für eine Rolle braucht. Wir sind jetzt insgesamt zu dritt für die Rolle der Kala. Es ist eben wie ein Vorstellungsgespräch: Man muss sich bemühen, dass man die Beste ist.

Und was muss man vorweisen, um weiterzukommen?

Ortner: Bei den Auditions sitzen immer der Regisseur, der musikalische Leiter und das Castingteam von Stage Entertainment im Raum und man bereitet ein schnelles Lied, eine Ballade und meistens noch einen Schauspieltext vor. Dann wird noch das Tanzen überprüft, bei unserer Show ist ja auch noch etwas Akrobatik dabei, das muss man dann auch noch etwas können. Je weiter man kommt, desto showspezifischer wird es, man bekommt dann Material aus der Show zugeschickt, Szenen oder auch Lieder, die man dann vorbereiten muss. In den allerletzten Runden, bevor die Entscheidungen gefällt werden, wer die Rolle bekommt, geht es wirklich immer nur um die Show. Es werden auch Paare zusammengestellt, die zusammen singen und Szenen spielen.

Wie lange haben Sie für die »Tarzan«-Premiere geprobt?

Ortner: Wir hatten Probenbeginn vier Wochen vor der Premiere, was eine sehr kurze Probenphase ist. Einfach auch aus dem Grund, weil wir das Stück in Hamburg ja auch schon gespielt haben. Alle Hamburger Darsteller sind mit nach Stuttgart gekommen. Deswegen ist die Probenzeit kürzer. Normalerweise sind es acht bis zehn Wochen. Das hängt allerdings auch von dem technischen Aufwand ab, der bei Tarzan sehr groß ist. Die Technik ist wirklich atemberaubend.

Ist es schwierig, sich in eine neue Rolle hineinzuversetzen?

Ortner: Ja, das ist am Anfang immer schwierig, weil jede Rolle, die man spielt, anders ist. Es ist ja nicht so, dass man erst am ersten Probentag anfängt, die Lieder und die Texte zu lernen – das macht man schon Monate vorher. Man beschäftigt sich ja schon sehr lange mit dieser Rolle und versucht dann auch zu Hause zu überlegen: Wie passe ich in diese Rolle rein, habe ich Ähnlichkeiten damit? Schwierig, würde ich sagen, ist es nicht. Das macht eben den Beruf des Schauspielers aus, sich in verschiedene Rollen hineinzuversetzen. Wenn das seine Leidenschaft ist, ist es ganz einfach.

»Das ist mein Lebenstraum, vor so vielen Leuten zu stehen«
Waren Sie schon bei anderen Musicals dabei?

Ortner:

Begonnen habe ich meine Musicalkarriere mit »Jekyll & Hyde« in Köln. 2004 bin ich nach Stuttgart gewechselt zu »Mamma Mia«. Ich habe die Rolle der Sophie gespielt, also eine Hauptrolle. Ich bin dann noch mit dem Stück nach Berlin umgezogen. Danach habe ich bei »Tarzan« angefangen. Ein Jahr habe ich in Wien »Tanz der Vampire« gespielt, dann bin ich wieder zurück zu »Tarzan«.

Harmoniert es von Anfang an zwischen den beteiligten Schauspielern?

Ortner: So was entwickelt sich natürlich auch. Der Regisseur guckt sich die möglichen Paare in den Auditions auch gerne zusammen an, um eben zu sehen, ob die Chemie stimmt. Bei uns ist bei Tarzan und Jane da auch so ein kleiner Funken da: Gian Marco Schiaretti und Merle Hoch, die haben schon in der Audition wunderbar zusammen funktioniert.

Wie fühlt es sich an, vor enorm großem Publikum aufzutreten?

Ortner: Je mehr, desto besser! Das fühlt sich toll an. Das ist mein Lebenstraum, vor vielen Leuten zu stehen, ihnen eine Geschichte zu erzählen, sie ein paar Stunden in eine ganz andere Welt eintauchen zu lassen. Für mich ist es das schönste Gefühl überhaupt.

Gibt es ein Musical, in dem Sie gerne mal mitspielen würden?

Ortner: Oh, da gibt’s einige! Ich würde unglaublich gerne mal in »Elisabeth« mitspielen. Das läuft gerade, glaub ich, noch in Wien, aber derzeit nicht in Deutschland. Es hat sich einfach auch nie ergeben, dass ich mich beworben habe, und es hat auch zeitlich nie gepasst. Ein anderer großer Traum von mir war immer »Tanz der Vampire«. Das habe ich ja jetzt vor zwei Jahren gespielt.

Was ist Ihr Lieblingsmusical?

Ortner: Hab ich eigentlich keins. Ich finde viele Musicals toll, was im Moment ganz hoch bei mir im Kurs ist, ist »Rocky«. Aber meistens ist es das, das ich gerade spiele.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf ganz besonders?

Ortner: Dass ich in eine andere Rolle schlüpfen kann. Ich stehe nicht als Melanie auf der Bühne, sondern in der jeweiligen Rolle. Wenn man beim Schlussapplaus in viele glückliche Gesichter gucken kann – das ist ganz, ganz schön.

Das ist sicher ein tolles Gefühl. Aber sind Sie nicht auch manchmal aufgeregt?

Ortner: Ich bin immer aufgeregt. Man ist immer ein bisschen aufgeregt vor Premieren. Besonders nervös bin ich, wenn meine Eltern drin sitzen, weil ich ihnen zeigen will, was ihre Tochter Schönes machen kann. Aber das vergeht mit der Zeit auch irgendwann.

Wie groß ist der Altersunterschied bei den »Tarzan«-Darstellern?

Ortner: Also unser Jüngster ist, glaube ich, neun oder zehn und der Älteste ist über 40. Das hängt immer vom Stück ab.

Wo kommen Sie ursprünglich her?

Ortner: Man hört’s ein bisschen, dass ich nicht aus der Gegend bin. Ich komme aus Kärnten in Österreich, Klagenfurt am Wörthersee. Eine ganz kleine, wunderschöne Stadt.

Wie oft sehen Sie Ihre Familie?

Ortner: Meine Eltern sehe ich alle drei Monate. Das ist für meine Verhältnisse häufig. Meine Schwestern sehe ich seltener. Meistens nur einmal im Jahr. Sie haben kleine Kinder und dann ist es nicht so einfach mit dem Reisen. Von Stuttgart aus ist es zu mir nach Hause mit 600 Kilometern ein bisschen kürzer als von Hamburg aus. Da waren es 1 200 Kilometer. Das ging dann einfach nicht so oft. Aber es gibt ja Skype, Facetime und WhatsApp. Wir hören und sprechen und sehen uns eigentlich jeden Tag.

»Meine Arbeit beginnt um 18 Uhr, vor Mitternacht bin ich nicht zu Hause«
Wann fängt Ihr Tag morgens an?

Ortner:

Wenn am Wecker vorne eine Eins steht, dann frühestens. Meistens stehe ich zwischen 10 und 11 Uhr auf. Eine normale Vorstellung endet abends um halb Elf. Bis ich komplett abgeschminkt bin – ich bin wirklich von oben bis unten kostümiert und angemalt – und bis ich das alles unter der Dusche runtergeschrubbt habe, vergeht noch mal eine halbe Stunde. Vor Mitternacht bin ich nicht zu Hause. Dann hab’ ich noch einen Hund, mit dem gehe ich meistens noch eine halbe Stunde raus. Dann esse ich noch etwas und setze ich mich ein bisschen vor den Fernseher. Zwischen zwei und drei Uhr gehe ich ins Bett. Meine Arbeit beginnt ja erst um 18 Uhr. Wenn ich um sieben Uhr aufstehen würde, dann würde ich erst elf Stunden später meine Höchstleistung bringen müssen, und das geht dann einfach nicht.

Wie lange und wie oft proben Sie?

Ortner: Wenn die Show einmal läuft, dann proben wir eigentlich relativ selten. Normalerweise hat man einmal die Woche eine Note-Session: Da sitzt das ganze Ensemble mit dem künstlerischen Leiter zusammen und bekommt Notes. Das heißt, der künstlerische Leiter guckt sich mehrmals die Woche die Show an und schaut, dass alles richtig läuft – dass man seine Texte richtig sagt und dass man im richtigen Licht steht beispielsweise. Dafür bekommt man dann einmal die Woche Korrekturen.

Wird es nicht irgendwann langweilig, wenn man immer das Gleiche jeden Abend machen muss?

Ortner: Natürlich ist irgendwann Routine drin, wenn man das jeden Abend macht. Wir stehen acht Mal die Woche auf der Bühne, montags haben wir frei, Samstag und Sonntag eine Doppelvorstellung. Man singt und spielt acht Mal pro Woche dasselbe. Aber man steht immer mit anderen Darstellern auf der Bühne, wir haben ja auch Kinder in der Show. Die dürfen aber nach dem Jugendschutzgesetz nicht so oft spielen. Und dann hat man in acht Vorstellungen acht verschiedene Kinder, das heißt, da wird es schon mal nicht langweilig. Dann gibt es für jede Rolle mehrere Besetzungen, die über die Woche wechseln. Man steht nie mit denselben Partnern auf der Bühne, zusätzlich ist man auch jeden Tag in einer anderen Verfassung. Manchmal sagt man: »Okay, heute probier’ ich die Rolle ein bisschen mehr so anzulegen und ein anderes Mal so.« Ich spiele in Tarzan seit vier Jahren, die Rolle der Kala mache ich seit zwei Jahren, das waren ungefähr 700 Shows. Bis jetzt ist das noch nicht langweilig und ich hoffe, dass es auch noch eine Weile so bleibt.

»Ich würde gerne auch mal was ganz Böses, Fieses spielen«
Gibt es Konkurrenzkampf unter den Darstellern?

Ortner:

Konkurrenz-»Kampf« würde ich nicht sagen, aber Konkurrenz ist natürlich da, weil es sehr viele Darsteller gibt, auch sehr viele gute. Man muss aber auch bedenken, dass es vielleicht einfach Personen gibt, die für eine Rolle besser geeignet sind als man selbst. Ich glaube, je länger ich in dem Beruf bin, desto einfacher ist es für mich, Kolleginnen mal zu gönnen, eine Rolle zu bekommen, die ich selber auch gern gehabt hätte.

Lernt man neue Freunde kennen oder macht jeder eher sein eigenes Ding?

Ortner: Klar lernt man neue Freunde kennen, bei jeder Produktion gibt es meist auch Kollegen, mit denen man schon mal zusammengearbeitet hat. Man verbringt ja fast jeden Tag zusammen, da lernt man sich einfach besser kennen und findet immer wieder neue Freundschaften.

Gab es eine Zeit, in der Sie sich überlegt haben, »soll ich jetzt aufhören«?

Ortner: Den Tiefpunkt gibt es, glaube ich, immer, wenn man sich für irgendein Musical bewirbt, das man unglaublich gerne machen möchte und dann den Job vielleicht nicht bekommt. Ich sage dann immer: 48 Stunden darf man weinen, schreien, heulen, alles, aber nach 48 Stunden muss das dann aufhören, das Leben geht weiter. Den letzten richtigen Tiefpunkt hatte ich am Ende meiner Ausbildung, als ich zehn Auditions gemacht habe und keine davon funktioniert hat. Von zehn Jobs keinen bekommen – da dachte ich wirklich kurz, vielleicht ist es nicht das Richtige. Aber der elfte Job hat dann funktioniert, und der war super.

Was passiert, wenn man krank ist?

Ortner: Das hängt davon ab, wie lange die Krankenzeit ist. Wenn man verletzt ist und nach sechs Wochen wiederkommt, steigt man ganz normal wieder ein, man hat als Darsteller schließlich einen Arbeitsvertrag, der weiter läuft.

Gab es bei den Proben auch Unfälle?

Ortner: Das passiert immer wieder. Tänzer, die umknicken, im Dunkeln irgendwo gegenrennen – aber gottseidank sind das meist nur harmlose Unfälle!

Haben Sie bei einer Vorstellung schon mal Ihren Text vergessen?

Ortner: So richtig vergessen noch nie, ein bisschen abgewandelt kommt manchmal vor. Wenn einem das eine Wort nicht mehr einfällt, dann versucht man, schnell ein anderes zu finden.

Welche Charaktere spielen Sie am liebsten? Gute oder böse?

Ortner: Ich hab bis jetzt eigentlich immer nur gute Charaktere gespielt, deswegen würde ich sagen, dass ich jetzt am liebsten auch mal etwas ganz Böses, Fieses spielen möchte!

Warum sollte man Tarzan auf gar keinen Fall verpassen?

Ortner: Wenn man in eine Geschichte reingezogen werden möchte mit viel Liebe, mit viel Spaß, mit viel Akrobatik, mit viel Aufregung, dann sollte man das Musical auf gar keinen Fall verpassen. Ein guter Tipp für alle Zuschauer: Wenn man im Musical sitzt, sollte man seine Augen nicht nur nach vorne richten, sondern überall hin. Vor allem nach oben!

Wir bedanken uns bei Melanie Ortner für das Interview. (ZmS)

Jelena Schweizer und Katharina Simon, BZN-Gymnasium Reutlingen, Klasse 9, sowie Jens Zühlke und Michael Sirmoudis, Hermann-Hesse-Realschule Klasse 8b