Logo
Aktuell Leserbrief

»Wissenschaftliche Fakten und Bürgerwillen ignoriert«

Zum Artikel »Schärfere Tempolimits abgelehnt« vom 22. Mai (per E-Mail)

Es kann nur als Trauerspiel bezeichnet werden, wie sich die sogenannten »konservativen« Fraktionen des Gemeinderats zum Thema Verkehrslärm positionieren. Der Lärmaktionsplan ist ein wissenschaftlich begründetes Instrument, um die Menschen vor den schädlichen Auswirkungen von Lärm zu schützen. Im Gemeinderat argumentieren AfD, CDU, FDP, FWV und WiR jedoch rein populistisch.

Marco Wolz wird mit den Worten zitiert: »Darf ich mich nun nach 22 Uhr nicht mehr unterhalten?« – vermutlich würde er sich bedanken, wenn jemand nachts vor seinem Fenster stundenlange Telefongespräche führt und dabei alle paar Minuten die Stimme erhebt. Nicht laut, nicht aggressiv, aber genau so, dass er jedes Mal wieder aufwacht, kaum dass er eingeschlafen ist. Denn genau so wirkt dauerhafter Verkehrslärm: nicht wie ein Donnerschlag, sondern wie ein stetig fallender Tropfen – unterschwellig, zermürbend, krankmachend.

Wer das ins Lächerliche zieht, verkennt nicht nur die Realität vieler Betroffener, sondern disqualifiziert sich für eine sach-liche Debatte. Ab 40 dB(A) nächtlichem Lärmpegel setzen gesundheitliche Störungen ein, unter anderem veränderte Schlafstruktur, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Erkrankungen, weswegen die WHO ihre Empfehlungen für den nächtlichen Lärmpegel auf

Auch die Verwaltung täte besser daran, sachlich zu bleiben: Das neue Berechnungsverfahren CNOSSOS wurde nicht eingeführt, um es »der Stadt Reutlingen schwer zu machen«, sondern um den Lärm physikalisch präziser zu modellieren und damit die Bürger besser zu schützen.

Der größte Skandal besteht jedoch da-rin, dass die »konservativen« Fraktionen aus Prinzip die Ausweisung von »Ruhigen Gebieten« ablehnen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die im Rahmen der Bürgerbeteiligung Ruhige Gebiete vorgeschlagen haben.

Ganz zu schweigen davon, dass die Verwaltung bezüglich der Ruhigen Gebiete sowieso eine Minimal-Lösung präsentiert hatte; der Markwasen und das Naherholungsgebiet am Dietweg wurden trotz expliziten Bürgerwunsches nämlich nicht in die Vorlage aufgenommen.

Der Reutlinger Gemeinderat hat es also geschafft, die Minimal-Lösung der Verwaltung durch seine Ablehnung noch zu unterbieten. Herzlichen Glückwunsch, liebe Ratsmehrheit, Sie haben gezeigt, dass Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Fakten und gegenüber dem Bürgerwillen in Reutlingen offenbar System hat.

 

Dr. Stefan Oberhoff und Andreas Frosch, Reutlingen