Herr Martin Benner, ich danke Ihnen für ihren Leserbrief »Hat Israel Holocaust vergessen?« vom 23. Mai. Auch ihnen, Herr Dr. med. Mezger, danke ich für ihren Leserbrief vom 24. Mai.
Vor Jahren besuchte ich Israel und auch die Gedenkstätte Yad Vashem. Ich war tief erschüttert, verzog mich in eine Ecke, um den Wahnsinn, der den Menschen angetan worden war, zu beweinen. Ich war allein und konnte meinem Schmerz laut freien Lauf lassen. Heute möchte ich ebenso weinen und schreien, wenn ich höre und sehe, was dem palästinensischen Volk an unmenschlichem Leid angetan wird. Und die Welt schaut zu.
Da wird nach 80 Jahren noch immer das Leid und Unrecht, welches einem Volk angetan wurde, betrauert. »Warum habt ihr geschwiegen?«, war und ist noch heute der Vorwurf. Doch es wird wieder geschwiegen, man traut sich nicht, seine Meinung laut zu äußern. Wie kann es wieder geschehen, dass ein Mensch, von Rache besessen, ein Volk wie Vieh zusammentreibt, aushungert und bombardiert? Auge um Auge …? Ich lese bei Pinchas Lapide, Zitat: »Das Schlüsselwort in der hebräischen Bibelstelle ›tachat‹ heißt gar nicht ›um‹ oder ›für‹ , sondern ›anstelle von‹. Daher übersetzt Buber sowohl sinngetreu als auch textgemäß: ›Geschieht das Ärgste aber, so gib Lebensersatz für Leben; Augenersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn‹. Mit anderen Worten: Die humanitäre Universalregel ›Maß für Maß‹, die auch Jesus dreimal im Neuen Testament empfiehlt (Mt 7,2; Mk 4,24; Lk 6,38), wird zum Rechtsprinzip der Geldentschädigung und des Schmerzensgeldes in allen Fällen von Körperverletzung erhoben. Nur in diesem Sinn der Abgeltung durch Schadenersatz wurde dieser Bibelvers im Judentum schon lange vor Jesus verstanden und angewandt, wie der Talmud (BQ 83b-84a; Ketubot 38a) deutlich beweist.« Zitat Ende.
Bei Ilan Pappe lese ich in seinem Buch »Die Ethnische Säuberung Palästinas«, dass Ben Gurion 1937 schon einen rein jüdischen Staat anstrebte, »dies aber nur mit Gewalt zu erreichen« sei. Er begann damals schon, palästinensische Dörfer nächtens zu zerstören und dem Erdboden gleichzumachen. Wer weint und schreit heute um das Unrecht an den palästinensischen Menschen?
Warum werden die einen nach 80 Jahren noch immer betrauert und das aktuelle Leid der Anderen wird totgeschwiegen? Sind nicht alle Menschen gleich wert und haben dieselben Rechte auf ihrem Land zu existieren? Wie viele Menschen, besonders Kinder und junge Leute, verloren in diesem unsinnigen Kampf auf beiden Seiten schon ihr kostbares Leben? Jahrhunderte lang lebten Menschen verschiedener Glaubensrichtungen friedlich als Nachbarn zusammen. Sie feierten fröhlich alle Feste gemeinsam und einer achtete den Anderen als seinesgleichen. Es sind doch alles nur Menschen, die das Leben nun mal auf einem Platz zusammen entstehen ließ. Und jeder einzelne will nur in Frieden leben! Wer soll diesen Wahnsinn nur verstehen?
Erika Haussecker, Reutlingen
