Jedes Jahr ist Weihnachten, darauf können wir uns verlassen. Genauso verlässlich sind die Ideen, auf die Ökonomen und Wirtschaftsvertreter zum Thema »Deutschland und seine Feiertage« kommen. Aber warum nicht mal was Neues wagen, sagte sich Jan van Aken, der Vorsitzende der Linkspartei, und hat den Spieß umgedreht und prompt Schützenhilfe von manchem Grünen bekommen: »Die Menschen werden um ihre verdiente Freizeit betrogen.« Und zwar, weil die Feiertage ab und an auf ein Wochenende fallen. Besonders schlimm sieht das in 2026 aus. »Deswegen müssen die Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, nachgeholt werden!«
Ich selbst finde es auch absolut blöd, wenn ich an 2026 denke und daran, dass ich dann als kleiner Angestellter keinen zusätzlichen freien Tag mehr habe. Aber wahrscheinlich bin ich deswegen auch nur ein kleiner Angestellter, weil ich gar nie auf die Idee gekommen wäre, Feiertage unter der Woche nachholen zu wollen! Dazu muss man wohl Politiker sein und glauben, man sei es seiner Klientel schuldig, kreativ auf Vorschläge von Wirtschaftsvertretern reagieren zu müssen. Dass man unter anderem dem Geschwätz der Vorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann, nicht zustimmen muss, die den Deutschen »Feiertags-Mentalität« unterstellt, versteht sich, zumindest für mich, von selbst. Den Menschen alleine unter dem Aspekt von Produktivität, als Stütze für Mittelstand und Wirtschaft, zu beurteilen und Faktoren wie Gesundheit, Motivation, kulturelles Erbe und gewachsene regionale Traditionen außer Acht zu lassen, zeigt, welche Beschränktheit ihre Sichtweise hat und was sie von uns da unten hält.
Übrigens, der Buß- und Bettag, 1995 als freier Tag abgeschafft, dient als historisches Vorbild. Diese Abschaffung sollte der Pflegefinanzierung zugutekommen. Welche deutlichen wirtschaftlichen Vorteile dies uns gebracht haben soll, kann man ja nicht wirklich erkennen, hat aber vor allem uns Arbeitnehmer belastet. Wie auch immer, es ist trotzdem völlig realitätsfremd, in der heutigen Zeit, in der die Wirtschaft lahmt und Deutschland dringend einen Wandel braucht, an nichts Besseres zu denken, als noch mehr Freizeit zu wollen.
Vielleicht wird irgendwann eine neue Kommission eingerichtet, so wie jetzt zum Thema Rente, dann eben zum Thema Feiertage. Vielleicht kommt dann ein ganz neuer Vorschlag auf den Tisch: In Baden-Württemberg gibt es 9 kirchliche Feiertage, die nicht unbedingt auf einen Sonntag fallen. Unter dem Aspekt, dass sich 1992 noch 52 Prozent der Deutschen als religiös bezeichneten und in 2023 nur noch 33 Prozent dies behaupteten, könnte man doch hier ansetzen. Wenn man dann noch bei Umfragen zum Wahlverhalten in 2023 festgestellt hat, dass knapp 60 Prozent der Wähler der Linkspartei sich als nicht religiös bezeichneten, übrigens bei der AfD auch knapp 50 Prozent, dann fragt man sich unwillkürlich, warum aber auch will der Atheist unbedingt Pfingstmontag feiern? Der weiß doch in aller Regel eh nicht, was da gefeiert wird!
Daraus folgt: Nur wer einer Religionsgemeinschaft angehört, kann die religiösen Feiertage seiner Glaubensgemeinschaft als arbeitsfreien Tag nutzen, der Rest, der ja eh nichts glaubt, würde durcharbeiten. Was hätte die Wirtschaft für wahnsinnige Zuwächse in den nächsten Jahrzehnten? Wir Deutschen würden endlich wieder eine Führungsrolle in Europa übernehmen, die Renten wären sicher, die Krankenkassen würden Gewinne verbuchen, die Pflege der Boomergeneration wär gesichert und last, but not least, die Kirchen, Synagogen und Moscheen wären wieder gut gefüllt! Ok, war nur ein kühnes Gedankenspiel, will ich ernsthaft ja auch gar nicht, im Gegensatz zum Gedankenspiel des Herrn van Aken. Der glaubt dran, was er so spintisiert.
Ulrich Müller, St. Johann-Bleichstetten
