Ich wollte eigentlich über den zu erwartenden Verkehr in und um Hengen im Zusammenhang mit der Ansiedlung des Online-Riesen Amazon im geplanten Industriegebiet Rübteile II schreiben. Seit einer Gesprächsrunde des Bürgerforums mit Vertretern des Stadtrats inklusive Bürgermeister am Dienstagabend in Hengen habe ich den Eindruck, das interessiert von den Entscheidungsträgern niemand mehr oder sie nehmen das nicht ernst.
Die Zahlen werden heruntergerechnet, die Verkehrsknoten und -Querschnitte verkraften das. Wir wissen, was das heißt und das ist nicht aufzuhalten. Fatal für die Leute die an diesen Straßen wohnen und diese Kreuzungen queren wollen beziehungsweise müssen. Fatal für Hengen und Umgebung! Da wird einem internationalen Konzern, dessen Gründer als der zweitreichste Mann der Welt gehandelt wird, der Hof gemacht im wahrsten Sinne des Wortes! Und ganz viele Leute finden das toll!
Es wird mit den Arbeitsplätzen zum Mindestlohn geworben, die dieses Projekt mit sich bringen soll, nur sind diese Arbeitskräfte ja hier nicht vorhanden, sondern eh schon gesucht. Nur, dass diese Jobs niemand machen möchte, es sei denn früher oder später machen muss. Diese Jobs sollen in Zukunft auch unsere Renten finanzieren? Und die Stadt verspricht sich auch noch Lohnsteuereinnahmen davon! Da werden amerikanische Verhältnisse eingeführt und denen, die es sich leisten können, wird zur Altersvorsorge empfohlen, sich am Kapitalmarkt, am besten über ETFs, an solchen Unternehmen zu beteiligen, um ihre Rente oder Pension aufzubessern. Und die Stadt Bad Urach meint, mit so einem Konzern die Wirtschaft der Region anzukurbeln!
Warum wundern wir uns, dass die Infrastruktur marode ist? Nicht etwa, weil der Verkehr weniger geworden ist, oder? Wer bezahlt das und woher kommt das Geld dafür? Ein Hamsterrad! Da werden gut 4,5 Hektar gutes Ackerland einfach zubetoniert oder asphaltiert und das fast vollständig! Der Konzern muss nicht mal zur Regenwasserrückhaltung oder zum Ausgleich des Eingriffs eine Dachbegrünung machen, die Ausgleichsmaßnahmen werden mit Ökopunkten kompensiert. Kann man einem Investor nicht auch noch zumuten! Ökopunkte aus der Ausweisung von Kernzonen aus 2009, dem Beginn des Biosphärengebiets! Und für die Regenwasserversickerung werden kurzerhand weitere 1,5 Hektar Ackerland umgemünzt! Steht nicht im Bebauungsplan!
Meiner Meinung nach sollte ein Ausgleich des Eingriffs jetzt stattfinden müssen, da der Eingriff jetzt stattfindet und nicht 2009. Was musste die Stadt damals tatsächlich dafür tun? Nichts! Jeder andere, der etwas baut, muss den Eingriff in die Natur durch geeignete Maßnahmen ausgleichen (ÖKVO).Und wir glauben tatsächlich, dass wir eine solche Ansiedlung brauchen?
Und wenn es in ein paar Jahren im Stadtsäckel klemmt, wird der Rest des Dreiecks (L245, Sträßle nach Grabenstetten, B28) an Temu verkauft? Der Regionalplan hat die Weichen dafür gestellt und die Hengener dachten damals tatsächlich, sie hätten das interkommunale Gewerbegebiet verhindert. Unglaublich, dass in diesem kleinen Ort vor mehr als 750 Jahren auch Menschen leben konnten, überleben konnten, und jetzt glaubt man, wir brauchen dazu Amazon? Gibt es irgendwann einen Zeitpunkt, wo wir tatsächlich sagen es reicht? Wozu? Wer zieht seinen Profit daraus? Wollen wir diese Jobs, diesen Verkehr, diese versiegelte Fläche, für was denn? Damit amerikanische Multimilliardäre ins All fliegen können oder pompöse Feste feiern können à la Trump? Ich hatte leider den Eindruck, dass manche der anwesenden Vertreter des Stadtrats immer noch nicht verstanden haben, um was es hier geht, leider gar nicht! Lieb Heimatland ade!
Eberhard Wörz, Bad Urach-Hengen
