Den Bürgern von Pfullingen kann ich nur gratulieren. Ihre Gemeinderäte haben erkannt, dass die Bürger und Gewerbetreibenden in Pfullingen durch eine Innenstadttrasse keinen Mehrwert haben. Sie haben erkannt, dass eine Regionalstadtbahn (RSB) keine innerörtliche Straßenbahn ist. Die Regionalstadtbahn soll vielmehr die Bewohner aus den Großräumen Lichtenstein, Engstingen und Trochtelfingen möglichst schnell an ihr Ziel bringen. Nur wenn dies gelingt, werden die seitherigen durch 30er-Zonen und Staus gestressten Autofahrer zu Fahrgästen der RSB. Je näher ein Ort am Zielbahnhof Reutlingen liegt, desto weniger ist die RSB für Bewohner des Ortes als Beförderungsmittel interessant. Sie sind mit Bussen gut an Reutlingen angebunden. Fahrgäste der RSB, die in Pfullingen morgens aus- und abends einsteigen, müssen mit den – auch im Hinblick auf die topografischen Verhältnisse – flexibleren Bussen an ihr Ziel in Pfullingen gebracht werden.
Der Bezirksgemeinderat in Betzingen befindet sich bei vergleichbaren Verhältnissen noch in der Entscheidungsfindung. Er favorisiert derzeit eine schon jetzt 20 Millionen Euro teurer veranschlagte »Wildermuth-Trasse«. Die Fachleute des Zweckverbands Regionalstadtbahn Neckar Alb waren bei einer Infoveranstaltung am 19. November 2025 einhellig der Auffassung, dass die billigere »Alte Bahntrasse« die einzig zielführende Trasse ist. Es handelt sich dabei um die in Betzingen noch existierende Bahnlinie über Ohmenhausen nach Gomaringen mit einem Halt in Betzingen. Diese Trasse ist bedeutend schneller saniert und reaktiviert, sie ist bedeutend billiger und hat eine kürzere Fahrzeit. Hier sind die Fahrzeiten so, dass die RSB von Pendlern aus Mössingen, Nehren und Gomaringen angenommen werden wird. Der vorgesehene Haltepunkt Betzingen Süd liegt ideal in der Nähe des Sportgeländes, dreier Bushaltestellen und eines für P+R nutzbaren Parkplatzes.
Die »Wildermuth-Trasse« liefe am Bahnhof Betzingen vorbei auf einer 5 Meter hohen Schwerlaststützwand parallel zu Strecke der DB über drei neu zu errichtende Brücken bis zur Jettenburger Straße. Am Bahnhof ist ein viele weitere Millionen teures Mobilitätszentrum geplant. Durch diese Trassenführung und den zusätzlichen Haltepunkt Wildermuth-Siedlung wird man bei der derzeit favorisierten teilweise eingleisigen Trassenführung nicht einmal mehr die Anschlüsse an andere Zugverbindungen in Mössingen/Reutlingen erreichen. Auch die technischen Schwierigkeiten und finanziellen Risiken sind nach den Aussagen der Planer momentan nicht einschätzbar. Das ist erst in einer viel späteren Planungsphase näherungsweise möglich. Die späteren Betriebskosten werden dauerhaft 30 Prozent höher sein als bei der »Alten Bahntrasse«. Wir sehen hier bei den jetzt schon wesentlich höher veranschlagten Gestehungskosten ein finanzielles Fiasko auf uns zukommen, das mit »Stuttgart 21« in Konkurrenz treten kann. Die Kosten trägt aber nicht die DB, sondern Bund, Land und Kommune – also die Allgemeinheit!
Das zur Anbindung Pfullingens an Reutlingen Gesagte gilt hier gleichermaßen. Im 500-Meter-Umkreis der geplanten Haltestelle »Wildermuth-Siedlung« sind die Bewohner mit fünf Buslinien und der Bahn bestens mit ÖPNV versorgt. Der Nutzen eines Haltepunkts am Bahnhof Betzingen ist auch für die wenigen noch existierenden Einzelhändler gering. Der wichtigste Nutzen für Betzingen ist, dass morgens und abends die Straßen nicht mehr verstopft sein werden. Letzteres war schon im Jahr 2004 der Grundgedanke für eine RSB.
Eberhard Gänzle, Reutlingen
