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Aktuell Leserbrief

»Die Energiewende verschlafen?«

Zum Artikel »Eine Milliarde für den Netzausbau« vom 18. Dezember (per E-Mail)

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben (Michail Gorbatschow, Oktober 1989). Was in der Politik gilt, trifft auch in der Energieversorgung zu. Eine Milliarde Euro ist viel Geld. Auf 30 Jahre verteilt, wäre es erträglicher gewesen zu investieren.

Vor 31 Jahren (1994) hat der Verein SonnenEnergie Neckar-Alb e.V. die erste Messe »Reutlinger Solartage« veranstaltet. Diese Messe war in den 90er-Jahren eine der zehn großen Messen für erneuerbare Energien in Deutschland.

Weitere acht Jahre hat der Verein Aussteller-Firmen und Referenten aus ganz Deutschland zum Thema Erneuerbare Energien nach Reutlingen geholt (Technik, Wirtschaft, Finanzierung, Politik). Das Interesse an einem Dialog mit dem Verein zum Thema Energie war mäßig bis 0, sowohl bei der Stadt als auch bei den Stadtwerken.

Dass die Energieversorgung Richtung erneuerbar gehen wird, folglich der Netzausbau eine zwingende Notwendigkeit ist, das war für Experten in der Energiebranche damals schon völlig klar. Nicht aber in Reutlingen.

Spätestens seit Einführung des EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) im Jahre 2000 hätte den Reutlinger Energie-Experten klar sein müssen, dass etwas getan werden muss. Die Erkenntnis, dass die Textilindustrie nicht mehr die Arbeitsplätze bietet wie vor 100 Jahren, also auch nicht die Steuern in den städtischen Haushalt einfährt, war wohl nicht vorhanden. Das Potenzial der erneuerbaren Energien wurde nicht gesehen, hinsichtlich Wirtschaftskraft, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen.

Wenn die Energie, die in der Region benötigt wird, auch in der Region erzeugt werden würde (durch erneuerbare Energien), könnten viele Arbeitsplätze geschaffen und Steuereinnahmen erzielt werden. Leider nur könnten. Nun geben chinesische Produkte Richtung und Geschwindigkeit vor. Die Herstellung der Solarzellen findet nun hauptsächlich in Asien statt. Weniger als ein Prozent in Europa. Bleibt zu hoffen, dass der Netzausbau zügiger voranschreitet und nicht nochmals Jahrzehnte dauert.

 

Thomas Merkle, Tübingen, SonnenEnergie Neckar-Alb e. V.