Logo
Aktuell Leserbrief

»Allein Moskau will nicht verhandeln«

Zum Leserbrief »Friede den Menschen auf Erden …« vom 20. Dezember (per E-Mail)

Zuerst dachte ich, dass ist eine Verlautbarung aus dem Kreml, die ins Deutsche übersetzt wurde. Oder ein Beitrag aus der »Moskowski Komsomolez«, oder der »Berliner Zeitung«, oder der »Jungen Welt«. Es hätte aber auch eine Äußerung der Parteien A oder B sein können. Aber nein, es ist ein Leserbrief von Dr. Günter Ludwig, voller Verkennung und Verdrehung der realen Situation.

Bei ihm liest es sich so, dass Europa und die Ukraine für den Überfall, den Krieg, das Morden verantwortlich sind. Er negiert, dass Europa Moskau immer die Hand ausgestreckt hat. Nord Stream 1 und 2, Olympische Spiele in Sotschi 2014, die Fifa-Fußball-WM 2018 in Russland. Austausch und Verknüpfungen auf kulturellem und wirtschaftlichem sowie im finanztechnischen Bereich. Russland wurde sogar die assoziierte Mitgliedschaft in der Nato angeboten. 1997 wurde die Nato-Russland-Grundakte unterzeichnet. Das Ende des Kalten Kriegs und die Teilung Europas sollten gemeinsam überwunden werden.

Die Prämisse von »Wandel durch Handel« bis in die frühen 2000er-Jahre war leider ein Trugschluss. Mit der Machtergreifung durch Putin zum Jahreswechsel 1999/2000 war das alles vorbei. Das Regime Putin betrieb von Anfang an den Rückbau von »Glasnost« und »Perestroika« und der Unterdrückung von Meinungsvielfalt und Pressefreiheit. Das ging einher mit dem Ausbau des Macht- und Unterdrückungsapparates und einer Einschüchterung der Zivilgesellschaft. Und wer sich nicht einschüchtern ließ, wurde umgebracht. Anna Politkowskaja 2006, Boris Nemzov 2015, Alexej Nawalny 2024. Reaktion der freien Welt? Zu spät, zu leise, zu schwach.

Verhandlungen, Vereinbarungen und Abkommen mit Russland gab es auch. Minsk 2 aus dem Februar 2015 hielt genau drei Tage, dann brachen die von Moskau unterstützten Truppen den Waffenstillstand einseitig und griffen wieder an. Die Reaktion von Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande? Zu spät, zu leise, zu schwach.

Ganz im Gegenteil. Mit dem Bau von Nord Stream 2 wurde im Frühjahr 2015, also nach dem Bruch von Minsk 2, begonnen. Kanzlerin Merkel versuchte dann auch noch allen Ernstes, uns das Projekt als rein wirtschaftliches Unternehmen zu verkaufen, welches nichts mit der geopolitischen Weltlage zu tun hätte. Und diese offensichtliche historische Fehleinschätzung verteidigt sie bis heute. Hier befindet sie sich im trauten Schulterschluss mit Ex-Kanzler Schröder, dessen Worte des »lupenreinen Demokraten« er bis heute nicht revidiert hat.

Wie nun weiter? Die Ukraine ist immer gesprächsbereit. Präsident Selenskyj hat in Istanbul im Juli 2025 auf Putin gewartet, um über einen Waffenstillstand und Lösung des Konflikts zu verhandeln. Allein Moskau will nicht verhandeln. Moskau will die Ukraine annektieren und auslöschen. Den Staat, das Land, die Kultur, die Menschen. Über 20.000 ukrainische Kinder sind nach Russland deportiert worden und werden dort mit physischer und physischer Folter umerzogen. Sie sollen gezwungen werden, Russen zu sein. Das sollten wir alle bedenken, wenn wir uns in diesen Tagen um die Weihnachtsbäume mit unseren Lieben versammelten, Weihnachtslieder sangen und für den Frieden der Menschen auf Erden beteten.

 

Dirk Mrotzeck, Reutlingen