KÖLN. Selten, dass man das Kölner Depot 1 – in Köln-Kalk im Rechtsrheinischen immer noch die Ersatzspielstätte des Kölner Schauspiels – unbeeindruckt verlässt. Es gibt aber Produktionen, die lassen einen verstört und zugleich begeistert zurück. Wenn man dann am späteren Abend über das verlassene Betriebsgelände der ehemaligen Kalker Chemie läuft, erwischt man sich dabei, dass man sich umschaut. Nicht, dass es notwendig wäre, aber die Inszenierung einer der beeindruckendsten Gerichtsreportagen des vergangenen Jahrzehnts macht etwas mit einem.
Es ist schwerer Stoff. Den Schilderungen der Wunden zuzuhören, die islamistische Terroristen am Abend des 13. November 2015 in Paris fast 700 Menschen zufügten, sorgt bei der Premiere in Köln für Fassungslosigkeit. 131 Menschen sterben – im Club Bataclan, auf den Straßen der Stadt, auf den Terrassen von zwei Cafés im 10. und 11. Arrondissement, vor dem Stade de France. Andere überleben den Terror, für alle Zeiten gezeichnet. Verstörend, den Berichten der Zeugen zuzuhören, unvorstellbar auch ein Jahrzehnt später, mit welcher Brutalität die Terroristen zu Werke gingen, nicht auszuhalten die Vorstellung, was die Todesopfer in Paris erlitten haben.
Berichte von Überlebenden
Emmanuel Carrère hat 2021 und 2022 für das Magazin Le Nouvel Obs den gigantischen Pariser Prozess gegen die Terroristen Tag für Tag verfolgt, seine Reportage »Vendredi treize« ist brillant. Carrère schildert über ein langes Jahr die Berichte der Überlebenden vor Gericht, ebenso sachlich beschreibt er aber auch die Täter und einen verstörenden Auftritt des damaligen französischen Präsidenten François Hollande in der »fensterlosen weißen Sperrholzkiste«, die für die Verhandlung auf der Pariser Île de la Cité in den Justizpalast gebaut worden war. 340 Anwälte sind in den Prozess involviert, 1.740 Nebenklagen zugelassen. Das Buch Carrères macht fassungslos, die Theaterbearbeitung ist schon allein deshalb mutig, weil man sie für eine Reportage wie diese niemals erwarten würde.
Die Pariser »Sperrholzkiste« hat Bühnenbildner Oliver Helf für Stephan Kimmigs Bearbeitung von Carrères Reportage im Depot 1 nachgebaut, der Titel der Produktion lautet wie der von Carrères Buch »V13«. Freitag, der 13., der Tag, an dem die Morde geschahen – und die Welt den Atem anhielt. Ein Teil der Zuschauer sitzt in Köln seitlich von der Bühne: einige dort, wo die Staatsanwaltschaft und die Nebenkläger, andere da, wo die Verteidiger der Angeklagten in Paris saßen.
Zwei Darsteller für Täter und Opfer
In der Bearbeitung von Kimmig übernehmen die beiden Darsteller Claude de Demo und Paul Grill die Rolle des Berichterstatters – und über diese die Rollen der Überlebenden, der Täter, der Experten und der Angehörigen der Opfer. Kein einfacher Job für die beiden Schauspieler, sie erledigen ihn mit allergrößter Bravour. Der Bühnenaufbau ist karg, zwei, drei Tische, die gelegentlich verschoben werden, warum, erschließt sich nicht durchgehend. Dialogszenen werden von Kameras aufgenommen und auf die Wand hinter der Bühne projiziert, auch das erschließt sich nicht immer, verfehlt aber die Wirkung nie. Allen Facetten dieses Prozesses gerecht zu werden, ihn durch die dramatischen Monologe und Dialoge der Schauspieler authentisch zu gestalten, ist eine ehrgeizige Aufgabe, gerade auch, weil der Regisseur offenbar gleichzeitig Abstand schaffen, aber dennoch direkte Auseinandersetzung möglich machen will.
Dabei gibt Kimmig den chronologischen Aufbau der Vorlage auf zugunsten einer detailorientierten Präsentation des blutigen Geschehens an den Tatorten, mit Informationen über die Täter, ihre Radikalisierung und ihre ersten Morde in Syrien. All dem über zwei Stunden zu folgen, ist anstrengend, auch, weil das sinnlose Morden der Dschihadisten auch zehn Jahre später einfach nur sprachlos macht. Dabei wird zwei Stunden pausenlos geredet – auf der Suche nach Zusammenhängen.
Theatralischer Drahtseilakt
Es ist ein theatralischer Drahtseilakt. Wenn Claude de Demo einerseits die Brutalität des Islamischen Staates anklagt, andererseits trotz aller Brutalität auch den Aussagen des Hauptangeklagten Salah Abdeslam gerecht werden will – der am Ende seinen Bombengürtel nicht zündet, der höchsten jemals von französischen Gerichten verhängten Strafe aber trotzdem nicht entgeht. Auch das gestenreiche Herumirren von Paul Grill hinterlässt gelegentlich Fragezeichen.
Dass der Zuschauer am Ende ergriffen und erschüttert zurückbleibt, verdankt Kimmigs Produktion vor allem der grandiosen Vorlage von Carrère. Herausragenden Journalismus in dieser Form in der Dramaturgie von Viola Köster auf die Bühne zu bringen, bleibt ein Wagnis, lohnt aber den Versuch des neuen Intendanten Kay Voges im Rahmen seines »theaterjournalistischen Projekts« in Köln. Ein fesselnder Abend. (GEA)

