METZINGEN. Zweimal hat das Herz von Christian Koch und Robert Bahnmüller am Wochenende höher geschlagen. Zuerst am Samstag um 22 Uhr: Das Thermometer an Kochs Wetterstation zeigt minus sieben Grad an. Jetzt ist sich der Profi-Wengerter, einer von nur vieren bei der Weingärtnergenossenschaft (WG) Metzingen-Neuhausen, sicher: Die Eisweinlese klappt.
Die WG-Mitglieder sind per E-Mail schon darauf vorbereitet. Jetzt kommt das Go. Am Sonntag flackern ab 5.30 Uhr morgens Lichterpunkte durch den Koch'schen Weinberg nahe der Äußeren Neuhäuser Kelter. Stirnlampen von Weinbergbesitzern und deren Verwandten und Freunden. »Toll, wie viele ihren Sonntagvormittag opfern, um einen hervorragenden Wein zu lesen«, sagt Koch, wie Bahnmüller hauptamtlicher Vorstand der Genossenschaft. Knapp über 50 Lesehelfer sind dabei. Decken erstmal die schützenden Folien von den Weinstöcken ab. Setzen dann die Rebscheren an.
»Toll, wie viele ihren Sonntagvormittag opfern«
Am Tiefpunkt zeigen die Thermometer minus zehn Grad an. Die Helfer zwicken in raschem Tempo die Dolden ab, arbeiten sich von oben nach unten durch die Reihen, durch zwölf Ar Weinberg. Teilweise mit beheizbaren Jacken oder Handschuhen ausgerüstet, alle mit der nötigen Zähigkeit und dem Ehrgeiz, um die durchgefrorenen Trauben zu lesen, die es im Schnitt nur alle fünf bis sieben Jahre gibt. Früh im Jahr sind sie diesmal dran, das ist ein Vorteil, so sind die Früchte noch gesund und hängen fest am Zweig.
Rebschere und Eimer haben jeder und jede mitgebracht. Blassgefrorene Sauvignon-Gris-Trauben wandern hinein. Erstmals eine pilzwiderstandsfähige Sorte. Später werden die Eimer in große grüne Bottiche der Familie Koch umgefüllt. Christian Koch und Robert Bahnmüller fahren sie zur Äußeren Kelter, wo sie umgehend gepresst werden. Dort schlägt das Herz der zwei Weinprofis ein zweites Mal höher: 168 Grad Öchsle misst Christian Koch mit seinem Glasfühler. 110 sind das gesetzliche Minimum, damit sich ein Wein Eiswein nennen darf. »Es hat sich gelohnt, den Aufwand zu betreiben«, sagt Bahnmüller.
»Es ist eine Aromaexplosion. Man trinkt ihn in kleinen Schlucken «
»In der Presse ist ein Eisklumpen«, erläutert Koch. Was herauskommt, ist ungleich höher konzentriert als der Saft: Das Wasser ist dem Pressgut entzogen, da gefroren. Deshalb fällt der Eiswein später auch sirupartig aus, legt sich wie ein Balsam auf die Zunge, ist süß, wird in kleinen Schlucken getrunken. »Er hat einen langen Nachklang«, nennt Bahnmüller das und spricht von einer »Aromaexplosion« auf dem Gaumen. Ein edler Aperitif- oder Dessertwein ist da im Kommen, mit acht Prozent nur mild alkoholisiert.
Klein sind auch die Flaschen, in die der lachsfarbene Eiswein einmal fließen wird: 0,375 Liter fasst eine. Ausgebaut und abgefüllt bei der Württembergischen Zentralgenossenschaft in Möglingen, wo auch die übrigen Weine oder Sekte der WG Metzingen-Neuhausen gekeltert werden.

Billig werden die Eiswein-Fläschchen nicht werden, obwohl die Lese diesmal ungleich mehr Rohmaterial eingebracht hat als die vorige im Jahr 2023: rund 2.000 Kilo Trauben, die zu 400 Litern Saft geworden sind. Vor zwei Jahren waren es um die 70 Liter, die in 250 Flaschen geflossen sind. Jetzt sind 1.000 Flaschen zu erwarten. Rechtzeitig zu Ostern 2026 werden sie erhältlich sein. In der Vinothek und voraussichtlich auch in kleineren örtlichen Verkaufsstellen, die mit der Weingärtnergenossenschaft kooperieren, dem HG-Markt und Getränke Reusch etwa, beide in Neuhausen gelegen. Größere Verbrauchermärkte wie Rewe oder Kaufland werden die raren Tropfen dagegen nicht führen.
Nach gut einer Stunde sind die zwölf Ar gelesen. Die Helfer wärmen sich bei Kaffee oder Tee wieder auf. Winfried Koch, der Vater von Christian Koch und wie dieser Weinbau-Profi, wird nur Stunden später in Gottesdiensten in Neuhausen und Glems an der Orgel sitzen, als wäre nichts gewesen. Andere atmen nach den bitterkalten Ausnahmestunden erstmal durch und freuen sich an der Sonne. »Es war schön und ein Erlebnis«, zitiert Robert Bahnmüller eine Helferin von auswärts, »aber ich brauch's nicht jedes Jahr.« Koch und Bahnmüller stoßen in der Vinothek mit Sekt auf den kommenden Eiswein an. Es war ein richtig guter Sonntagmorgen. (GEA)

