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Wo Schüler im Land nicht besser werden

Einst Musterschüler, jetzt im Mittelfeld: Baden-Württembergs Neuntklässler zeigen laut einer neuen Studie im Ländervergleich durchschnittliche Leistungen in Mathe und den Naturwissenschaften. Diese Ergebnisse werden ganz unterschiedlich interpretiert.

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Foto: dpa
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STUTTGART. Das waren noch Zeiten: Als Baden-Württemberg im Jahr 2002 in der Pisa-Studie im Bundesländervergleich auf dem zweiten Platz nach Bayern landete, war das keine Überraschung. Man hatte wie selbstverständlich erwartet, dass Baden-Württemberg, das sich als Land der Tüftler und Denker sieht, ganz vorne mit dabei ist, Schulter an Schulter mit dem bayerischen Konkurrenten. Heute ist das anders. Verschiedene Studien haben dem Südwesten in den vergangenen Jahren bescheinigt, dass die Schülerleistungen teils dramatisch absackten. Da ist man schon froh, wenn dieser Abwärtstrend nicht weiter anhält.

Das jedenfalls ist den Worten zu entnehmen, mit denen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Freitag die neue IQB-Studie kommentierte, die im Auftrag der Kultusminister entstand. Sie sprach von einem »ermutigenden Signal«. »Das ist ein Ergebnis, das Mut macht, wenngleich angesichts der erneut guten Ergebnisse von Sachsen und Bayern noch Luft nach oben ist.« Erst 2017 hatte eine Studie für erregte Debatten gesorgt, nach der die Kompetenzen von Grundschülern der vierten Klassen in Deutsch und Mathe absackten und im bundesweiten Ländervergleich nur noch Mittelmaß entsprachen.

Jetzt nahmen die Bildungsforscher die Leistungen von Neuntklässlern in Mathe, Biologie, Chemie und Physik unter die Lupe und verglichen die Ergebnisse mit einer ähnliche Studie von 2012. Die Leistungen der Schüler in Baden-Württemberg haben sich seitdem nicht verändert. Der Anteil der Schüler, die den sogenannten Regelstandard erreichen, ist gleich geblieben. Im Ländervergleich belegt der Südwesten im Fach Mathe den vierten Platz - aber in den Naturwissenschaften rangiert das Bundesland weiterhin nur im Mittelfeld. Im Länderranking ist Baden-Württemberg deshalb nur etwas aufgestiegen, weil die Schüler in den anderen Bundesländern in ihren Leistungen abgefallen sind.

Interessant auch: Während in Baden-Württemberg die Leistungen in den Realschulen, Haupt- und Werkrealschulen sowie Gemeinschaftsschulen besser wurden, ließen sie in den Gymnasien nach. Das ist nicht nur für den Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, ein Alarmzeichen. »Durchschnitt ist keine Voraussetzung für Weltspitze«, sagt Verbandschef Ralph Scholl. Ebenso wie Eisenmann sieht Scholl einen Grund im Absacken der Gymnasien darin, dass die Empfehlung der Grundschulen für eine weiterführende Schule seit dem Schuljahr 2012/13 nicht mehr verbindlich ist. Zu viele leistungsschwächere Schüler würden von überambitionierten Eltern auf eine für sie falsche Schulart geschickt, kritisiert Scholl.

Die oppositionelle FDP richtet den Augenmerk hingegen auf den Lehrermangel. Nach Ansicht ihres Bildungsexperten Timm Kern unterrichten in den Naturwissenschaften und in Mathe zu viele Lehrer, die dafür keine Lehrbefähigung haben. Bei der Gewinnung von Lehrern müsse die Kultusministerin »mehr Kreativität« an den Tag legen. Die ebenfalls oppositionelle SPD gibt zu Bedenken, dass die Leistungen der Schüler nicht erst in Zeiten der grün-roten Landesregierung (2011 bis 2016) abgesackt sind, sondern schon zu Zeiten, als die CDU noch den Regierungschef stellte. Ihre Meinung: Die damaligen Regierungen haben sich viel zu lange auf früheren Lorbeeren ausgeruht.

Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein sieht das ähnlich. Schon in einem Interview vor rund zwei Jahren erklärte er, die CDU sei zu ihren Regierungszeiten nur begrenzt bereit gewesen, Probleme im Bildungssystem wahrzunehmen und anzugehen. Zudem hätten Schulreformen der dann folgenden grün-roten Landesregierung Unruhe ins Schulsystem gebracht und die Lehrkräfte abgelenkt.

Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees, hält es deshalb für unredlich, das Argument der fehlenden, verbindlichen Grundschulempfehlung bei den Gymnasien ins Feld zu führen. »Unterricht kann nur besser werden, indem er auch stattfindet«, meint Rees, der seit längerem hohe Unterrichtsausfälle beklagt. Die Rahmenbedingungen an den Schulen stimmen seiner Meinung nach seit 20 Jahren nicht mehr. »Man hat zu wenig Geld, zu wenig Kreativität, zu wenig Geist und zu wenig Grips reingesteckt ins System.« (dpa)