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Aktuell Brauchtum

Wo am 11. November die fünfte Jahreszeit startet

Am 11. November um 11:11 Uhr beginnt die närrische Saison. Je nach Region gibt es unterschiedliche Bräuche. Schwäbisch-alemannische Fasnet, bayerisch-österreichischer Fasching und rheinischer Karneval: Jedes Fest hat seine eigenen Wurzeln, Traditionen und Figuren. Ein Überblick.

Schwäbisch-alemannische Fasnet in Hayingen.
Schwäbisch-alemannische Fasnet in Hayingen. Foto: Maria Bloching/GEA
Schwäbisch-alemannische Fasnet in Hayingen.
Foto: Maria Bloching/GEA

REUTLINGEN. Am 11. November um 11:11 Uhr beginnt die närrische Saison: Dann wird noch mal ausgelassen gefeiert, bevor die Fastenzeit anbricht. Menschen verkleiden sich, ziehen in bunten Umzügen durch die Straßen und genießen Musik, Tanz und Humor. Der Brauch reicht zurück bis ins christliche Mittelalter und zu heidnischen Riten. Im deutschsprachigen Raum entwickelten sich historisch je nach Region drei Formen: die schwäbisch-alemannische Fasnet, der bayerisch-österreichische Fasching und der rheinische Karneval – jede mit eigenem Charakter, Figuren und Traditionen

Schwäbisch-alemannische Fasnet: Masken, Mythen und Austreibung des Winters

Die schwäbisch-alemannische Fasnet ist im südwestdeutschen Raum beheimatet – in Teilen Baden-Württembergs, in Oberschwaben, im Allgäu und bis hinein in die Schweiz und nach Vorarlberg.

Ihre Wurzeln reichen tief in heidnische Zeiten zurück. Bereits im frühen Mittelalter sind Feiern belegt, die der Austreibung der Winterdämonen galten. Die Menschen verkleideten sich mit furchterregenden Masken, um symbolisch das Dunkle, Kalte und Bedrohliche zu verscheuchen. Einen anderen Ursprung sieht der Rottweiler Volkskundler und Fastnachtsexperte Werner Mezger. Er betont die christliche Tradition der Fasnet als ausgelassene Feierlichkeit vor der Fastenzeit, dem »Carnevale« (Wegnehmen des Fleisches), zur Vorbereitung auf Ostern.

Schwarzhülahutzel von der Narrenzunft aus Steinhilben  beim Umzug in Engstingen.
Schwarzhülahutzel von der Narrenzunft aus Steinhilben beim Umzug in Engstingen. Foto: Steffen Schanz/GEA
Schwarzhülahutzel von der Narrenzunft aus Steinhilben beim Umzug in Engstingen.
Foto: Steffen Schanz/GEA

Charakteristisch für die Fasnet sind geschnitzte Holzmasken, die »Larven« genannt werden. Hexen, Teufel, Narren, Geister und Tierwesen gehören zum festen Repertoire. Jede Narrenzunft hat eigene Farben, Symbole und Regeln, die streng eingehalten werden. Die Masken werden meist in Handarbeit hergestellt, oft von einheimischen Schnitzern, und sind kleine Kunstwerke. Die Kostüme bestehen aus Stoffen, die häufig mit Schellen, Glocken oder Fell verziert sind. Figuren und Kostüme werden von den Zünften über Generationen hinweg gepflegt.

Die Fasnet beginnt in vielen Orten offiziell am 6. Januar, dem Dreikönigstag, und endet am Aschermittwoch. Ihren Höhepunkt erreicht sie in den »tollen Tagen« zwischen Schmotziger Donnerstag und Faschingsdienstag. Dann finden Umzüge statt, sogenannte Narrensprünge, bei denen die Hästräger durch die Gassen ziehen, lärmend, lachend und manchmal auch ein wenig unheimlich.

Symbolisch steht die Fasnet für den Aufbruch des Lebens aus der Winterstarre – sie verbindet das Ernsthafte mit dem Ausgelassenen, das Dämonische mit dem Fröhlichen. Seit 2014 ist die schwäbisch-alemannische Fasnet Teil des immateriellen Kulturerbes der Unesco. »Die Fasnacht ist unsere regionale Identität und ein unermessliches Kulturgut, das es zu bewahren gilt«, lautet das Fazit von Werner Mezger.

Bayerisch-österreichischer Fasching: Masken, Bälle und Münchner Lebensfreude

Der Begriff »Fasching« ist in Bayern, Österreich und Teilen Sachsens verbreitet. Seine Ursprünge liegen im Spätmittelalter, als in den Städten Maskenbälle und Umzüge stattfanden. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich der Fasching besonders in München und Wien zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Der Name selbst stammt vermutlich vom mittelhochdeutschen »vaschang«, das mit dem »Fastenschank« zusammenhängt – also dem letzten Ausschank alkoholischer Getränke vor der Fastenzeit.

Historisch stand der Fasching im Spannungsfeld zwischen höfischer Kultur und Volksbrauch. Die Oberschicht feierte prunkvolle Maskenbälle und orientierte sich dabei an der venezianischen Festkultur (Karneval und Improvisationstheater Commedia dell’arte). Das einfache Volk dagegen nutzte die Gelegenheit, soziale Rollen umzukehren und Obrigkeiten humorvoll zu verspotten. Diese Doppelnatur prägt den Fasching bis heute: Er ist zugleich ausgelassenes Vergnügen und Spiegel gesellschaftlicher Strukturen.

Zu den bekanntesten Traditionen gehören die Maskenbälle, Prunksitzungen und Faschingsumzüge. Sie werden von den »Faschingsgesellschaften« in aufwändiger Vereinsarbeit organisiert. In München etwa zieht jedes Jahr der »Münchner Faschingsumzug« über den Viktualienmarkt, begleitet von Tanzgruppen und Gilden. Auch der »Narrhalla Marsch« – eine Art inoffizielle Faschingshymne – gehört fest dazu. Die Kostüme sind bunt, verspielt und oft selbstironisch: von klassischen Clowns über Fantasiegestalten bis zu zeitkritischen Verkleidungen.

Die Faschingssaison beginnt am 11. November und erreicht ihren Höhepunkt in den Tagen zwischen dem unsinnigen Donnerstag und dem Faschingsdienstag. In dieser Zeit wird getanzt, gefeiert und gelacht – bevor mit dem Aschermittwoch symbolisch die Fastenzeit und damit eine Phase der Besinnung beginnt.

Beim Fasching geht es aber nicht nur ums Feiern, sondern auch um den sozialen Ausgleich: Für ein paar Tage dürfen gesellschaftliche Normen auf den Kopf gestellt werden. Das Lachen hat hier eine befreiende Funktion – eine Ventil, das seit Jahrhunderten Bestand hat.

Rheinischer Karneval: Zwischen ausgelassener Fröhlichkeit und politischer Satire

Prunksitzung in der bayerischen Gemeinde Veitshöchheim.
Prunksitzung in der bayerischen Gemeinde Veitshöchheim. Foto: Nicolas Armer/dpa/dpa
Prunksitzung in der bayerischen Gemeinde Veitshöchheim.
Foto: Nicolas Armer/dpa/dpa

Der rheinische Karneval hat seine Hochburgen in Köln, Mainz, Düsseldorf und Bonn. Dort ist der Karneval nicht nur ein Fest, sondern ein Stück Lebensgefühl.

Die ersten schriftlichen Zeugnisse stammen aus dem 13. Jahrhundert, doch seine Wurzeln reichen noch weiter zurück. Wie in anderen Regionen auch vermischten sich heidnische Frühlingsriten mit christlichen Bräuchen. Im 19. Jahrhundert wurde der Karneval in seiner heutigen Form institutionalisiert – vor allem in Köln, wo 1823 das »Festordnende Komitee« gegründet wurde, um die wilden Feiern in geordnete Bahnen zu lenken.

Die wichtigsten Figuren im rheinischen Karneval sind das Dreigestirn – Prinz, Bauer und Jungfrau – die gemeinsam über das närrische Volk herrschen. Dazu kommen die zahlreichen Karnevalsgesellschaften, die Sitzungen, Bälle und Umzüge organisieren. Eine der bekanntesten Veranstaltungen ist der »Rosenmontagszug«, der mit prächtigen Wagen, Musikgruppen und Fußtruppen durch die Innenstädte zieht. Die Motivwagen nehmen aktuelle politische und gesellschaftliche Themen aufs Korn – bissig, ironisch und mit einem Augenzwinkern.

Die riesigen, bunten Schwellköpp sind eine Besonderheit der Mainzer Fastnacht.
Die riesigen, bunten Schwellköpp sind eine Besonderheit der Mainzer Fastnacht. Foto: Lando Hass/dpa
Die riesigen, bunten Schwellköpp sind eine Besonderheit der Mainzer Fastnacht.
Foto: Lando Hass/dpa

Typisch für den rheinischen Karneval sind die »Bützchen« (kleine Küsse), die ausgelassene Stimmung und der gemeinsame Ruf »Alaaf!« in Köln oder »Helau!« in Düsseldorf und Mainz. Kostüme reichen von klassischen Clowns über historische Figuren bis zu fantasievollen Gruppenkostümen. Die Saison beginnt am 11. November um 11:11 Uhr, doch die eigentliche Hochphase startet mit der Weiberfastnacht am Donnerstag vor Aschermittwoch. Besonders an diesem Tag übernehmen die Frauen symbolisch die Macht, schneiden Männern die Krawatten ab und stürmen Rathäuser – ein Brauch, der an mittelalterliche Umkehrfeste erinnert.

Der rheinische Karneval dient nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Gesellschaftskritik. In Reden, Liedern und Wagenmotiven wird humorvoll, aber pointiert auf politische Missstände hingewiesen. So verbindet der Karneval Fröhlichkeit mit Tiefsinn und zeigt, dass Lachen auch Widerstand sein kann. Für viele Rheinländer ist diese Zeit ein Höhepunkt des Jahres – ein kollektives Aufatmen, bevor am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt. (GEA)