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Aktuell Tabuthema Tod

Wie wir leichter mit der eigenen Endlichkeit umgehen

Wir alle werden einmal sterben, die einen früher, die anderen später. Und doch sind wir Meister darin, das eigene Ende zu verdrängen. Das muss sich schleunigst ändern.

Über den Tod zu reden, fällt vielen Menschen schwer. Sich mit dem Thema zu beschäftigen, kann allerdings vieles für einen selbst
Über den Tod zu reden, fällt vielen Menschen schwer. Sich mit dem Thema zu beschäftigen, kann allerdings vieles für einen selbst und die Angehörigen erleichtern. Foto: AdobeStock
Über den Tod zu reden, fällt vielen Menschen schwer. Sich mit dem Thema zu beschäftigen, kann allerdings vieles für einen selbst und die Angehörigen erleichtern.
Foto: AdobeStock

TÜBINGEN/GÖPPINGEN. Der Tod gehört zum Leben dazu, heißt es, denn jeder wird einmal sterben. Über den eigenen Tod gesprochen wird in unserer Gesellschaft allerdings eher selten bis gar nicht. Aber warum ist das so? Wir haben mit zwei Experten zum Thema Tod gesprochen und herausgefunden: Früher war man viel häufiger direkt mit dem Tod konfrontiert. Heute ist Sterben etwas Entrücktes. Die Folge: Wir haben den Umgang mit dem Tod verlernt.

Warum tun wir uns mit dem Thema Tod und Sterben so schwer?

Im Fernsehen und in der Berichterstattung wird ständig gestorben, der Tod ist in der Medienlandschaft alles andere als ein Tabuthema. Aus sicherer Distanz habe die Beschäftigung mit dem Tod für viele sogar einen gewissen Reiz, weiß Soziologe Matthias Meitzler, der an der Uni Tübingen etwa zu den Themen Tod und Gesellschaft forscht. Solange es einen selbst nicht direkt betrifft, sei das Thema Tod für die meisten kein Problem. »Wenn es aber um das eigene Sterben geht, sieht es ein bisschen anders aus«, sagt Meitzler. Hintergrund sei eine Veränderung in unserer Kulturgeschichte. »Während früher noch sehr öffentlich, meist zu Hause im Kreise der Familie gestorben wurde, hat sich das Sterben heute sehr stark hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlagert«, erklärt der Forscher.

Denn auch, wenn sich viele Menschen einen Tod im eigenen Zuhause wünschen, findet das Sterben heutzutage meist im Krankenhaus oder in einem Hospiz statt. »Wir haben uns von der Omnipräsenz und Sichtbarkeit des Sterbens so weit entfernt, dass wir, salopp gesagt, den Umgang mit dem Tod verlernt haben«, so Meitzler. Die Berührungsängste mit dem eigenen und dem Tod engster Angehöriger sei hoch.

Und noch etwas hat der Soziologe in seiner Forschung herausgefunden: Im Vergleich sei die Angst vor dem Tod bei vielen Menschen nicht so ausgeprägt, wie die Sorge um den Sterbeprozess. »Viele fürchten sich vor starken Schmerzen, körperlichem Kontrollverlust und der Abhängigkeit von anderen Menschen« sagt Meitzler. Über allem schwebe auch der Schmerz darüber, dass man irgendwann nicht mehr existiert, dass man nichts mehr bewirken kann, dass alles, was man sich im Leben erarbeitet hat, vielleicht verloren geht. »Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Tod kommt dann natürlich oft auch die Sorge dazu, dass man nahestehende Menschen, die man sehr liebt, irgendwann verliert.«

Auch Jutta Bender, Psychologin und Trauerpädagogin aus Göppingen beschäftigt sich schon seit Langem beruflich mit dem Thema. Sie betont: »Was im Sterben und danach mit uns geschieht, ist völlig unbekannt.« Wann der Tod uns oder unsere Lieben trifft, bleibt ungewiss. Und auch die Frage, wie wir am Lebensende abgeholt werden, »gesund oder leidend, vorhersehbar oder plötzlich, können wir nicht erahnen«, fasst die Psychologin zusammen. Bender weiß aus ihrer Arbeit aber auch: Die Mehrzahl der Menschen glaubt oder hofft, dass mit dem Tod des physischen Körpers nicht alles vorbei ist. »Ob dies aber tatsächlich so sein wird, weiß niemand. Es ist das Endgültige, Unabwendbare und Ungewisse am Tod, das uns Angst macht.«

Warum sollten wir uns mit dem Tod auseinandersetzen?

Die Auseinandersetzung mit dem Tod schärfe das Bewusstsein für das Leben, sind sich die Experten einig. Anders gesagt: Wer sich klar macht, dass er im Leben nur eine begrenzte Anzahl an Tagen und Jahren zur Verfügung hat, nutzt seine Zeit im besten Fall besser, schiebt Dinge nicht auf unbestimmte Zeit auf. Denn niemand kann sicher sein, wie viele Jahre ihm selbst oder seinen Liebsten wirklich bleiben.

Die Beschäftigung mit dem Tod kann aber auch ganz praktischen Nutzen haben - für einen selbst und für die Angehörigen. Meitzler rät: »Um die Angehörigen zu entlasten und um Konflikte zu vermeiden, sollte man etwa folgende Fragen rechtzeitig beantworten: Wie stelle ich mir meine Beerdigung vor, wo und wie möchte ich bestattet werden? Wie regele ich mein Erbe, was passiert mit meinem digitalen Nachlass?« Ein ständiger Begleiter sollte die Auseinandersetzung mit dem Tod aber nicht sein, so der Forscher.

»Wir Menschen sind uns vermutlich als einzige Lebewesen, unserer eigenen Sterblichkeit bewusst«, meint die Psychologin. Therapeuten und Philosophen seien sich nahezu einig: Wer sich im Leben mit der Endlichkeit des Daseins auseinandersetze, habe mehr vom Leben und verliere das große Bangen vor dem Tod. »Je früher wir mit der Auseinandersetzung beginnen, desto besser«, rät Bender.

Wie geht man es in einer Familie mit dem Thema richtig um?

Als Trauerbegleiterin und Buchautorin hat sich Bender auch mit dieser Frage auseinandergesetzt. Sie sagt: »Generell ist es auch bei diesem, dem schwierigsten aller Themen, wichtig zu reden und einander zuzuhören.« Die Sicht auf Tod und Trauer verändere sich aber im Lauf eines Lebens. »Kinder bedürfen einer anderen Ansprache als Erwachsene, Männer reden eh nicht so gerne und wenn, dann unterscheidet sich ihre Wahrnehmung von der mehr emotionalen der Frau«, so Bender. In einer Familie brauche jeder seinen Schutzraum, aber auch die Gemeinschaft. »Im Umgang mit dem Schmerz über den Tod und die Trauer bedarf es der gegenseitigen Offenheit und Toleranz.«

Auch Ratgeber könnten bei der Auseinandersetzung mit dem Thema helfen. »Viele Autoren gehen spezialisiert und zielgerichtet auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Perspektiven des Erlebens von Sterbebegleitung oder Trauerereignissen ein«, weiß Bender, die selbst Bücher zum Thema geschrieben hat.

Auch mit Kindern könne und solle man über das Thema Tod sprechen, ist der Tübinger Soziologe überzeugt. »Natürlich müsste dies auf eine kindgerechte Art und Weise und mit viel Fingerspitzengefühl geschehen«, sagt Meitzler und verweist auf ein mittlerweile breites Angebot an Kinderbuchliteratur, das hier hilfreich sein kann.

Ebenso wichtig sei es aber auch, die Fragen der Kinder anzuhören, sagt Meitzler. Man wisse vielleicht nicht immer die perfekte Antwort, gebe aber den Kindern die Gelegenheit, das Thema zu besprechen. »In der Rückschau sagen viele Menschen, es wäre besser gewesen, wir hätten uns früher mit dem Thema auseinandergesetzt, Dinge rechtzeitig besprochen. Und nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch im Freundeskreis oder im beruflichen Umfeld, herrschen zum Teil größere Unsicherheiten im Umgang mit Tod und Trauer«, so der Forschende.

Bender hat noch einen ganz praktischen Rat. Bei ihr im Schrank gebe es einen Ordner mit der Aufschrift »Letztes«. »Darin befinden sich Dokumente wie Vollmachten, Patientenverfügung und weitere Dokumente. Aber auch meine ganz persönlichen Wünsche habe ich hier aufgeschrieben.« Auch für dieses Vermächtnis sei es nie zu früh im Leben. Ändere sich die eigene Sicht auf die Dinge, könne man jederzeit die Anweisungen ändern. Auch Bender sagt: »Beruhigend und entlastend ist Vorsorge immer für beide Seiten.« (GEA)