STUTTGART. Im Laufe des nächsten Jahres soll sich entscheiden, ob der Bismarckplatz im Stuttgarter Westen seinen Namen behalten oder doch Betty-Rosenfeld-Platz heißen wird, nach einer Stuttgarterin mit bemerkenswerter Vita als Kommunistin, Widerstandskämpferin und verfolgter Jüdin.
Die CDU im Gemeinderat hat sich schon länger dagegen ausgesprochen. »Der Name Bismarckplatz ist seit Jahrzehnten etabliert«, betont Fraktionschef Alexander Kotz jetzt erneut: »Und wir haben beileibe wichtigere Aufgaben.« Kotz erkennt vor allem bei den Grünen im Gemeinderat durchaus Ansätze einer Cancel Culture, nach der nicht mehr ge-nehme Personen oder Darstellungen aus dem Stadtbild getilgt werden sollen.
Aber gibt es wirklich eine solche Cancel Culture bei Straßennamen in Stuttgart? Man muss schon recht weit zurückgehen, um überhaupt Beispiele dafür zu finden – konkret wurden seit 2008 vier bis sechs Verkehrsflächen, je nach Betrachtungsweise, neu bezeichnet, weil der alte Träger als problematisch angesehen worden ist. Dazu gehört die Leutweinstraße in Untertürkheim, die seit 2008 schlicht »Am Weinberg« heißt. Theodor Leutwein, von 1895 bis 1904 Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika war, wurde 2002 vom Stadtarchiv noch als moderat eingestuft, durch neuere Veröffentlichungen stellte sich aber heraus, dass Leutwein in erheblichem Maße an Gräueltaten an afrikanischen Ureinwohnern beteiligt war.
Häufig lehnen die Anwohner ab
Die Anwohner lehnten, wie übrigens häufig, eine Umbenennung ab, weil das mit hohen Kosten verbunden sei, etwa weil man sich einen neuen Personalausweis ausstellen lassen muss. Kurios: Zunächst sollte die Straße nach dem südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli benannt werden, aber da-gegen wehrten sich die Anwohner erfolgreich. Heute heißt ein trostloser Kreisel am Robert-Bosch-Krankenhaus nach Luthuli.
Seit 2009 heißt die ehemalige Wissmannstraße in Stammheim, die ebenfalls nach einem brutalen Schutztruppenkommandanten im kolonialen Afrika benannt war, nun Wolle-Kriwanek-Straße, der unbestritten diese Ehrung verdient hat. 2010 gab es zwei Umbenennungen. Die Treitschkestraße in Sillenbuch wahrt heute das Andenken an den Stuttgarter Fritz Bauer, der als Jude und als Staatsanwalt die Frankfurter Auschwitzprozesse er-möglicht hat. Von dem Historiker und Reichstagsabgeordneten Heinrich von Treitschke stammt der Satz: »Die Juden sind unser Unglück«. Daneben verlor die Richard-Schirrmann-Staffel nahe der Jugendherberge ihren Namen – Schirrmann war der Begründer des Jugendherbergwerks, seine Rolle im Dritten Reich ist aber umstritten.
Zwei weitere Namen könnten ebenfalls in diesem Kontext genannt werden. 2009 hat die LBBW Immobilien als Eigentümerin des Hindenburgbaus den Schriftzug entfernen lassen. Es gab damals zwar Druck von wenigen Stadträten, aber kein offizielles Verfahren der Stadt. Bei Google Maps ist der Name nach wie vor geläufig. Und 2021 erhielt ein kleiner Platz nahe der Villa Reitzenstein den Namen Heinrich-Heine-Höhe. Der vorherige Name, betont Stadtsprecherin Frederike Myhsok, sei nur inoffiziell gewesen – er lautete Wieland-Wagner-Höhe nach dem Bayreuther Opernregisseur.
Porsche und Schleyer auf Agenda
Angesichts so weniger Beispiele kann man, auch wenn diese Aufzählung wo-möglich unvollständig ist, von einer Cancel Culture in Stuttgart bei Straßennamen kaum sprechen. Auch Alexander Kotz räumt ein, dass Umbenennungen selbst für die Grünen nicht das überragende Thema sei. Der Grünen-Stadtrat Marcel Roth sieht darin sowieso nur einen polemischen Vorwurf, der der Sache nicht gerecht werde.
Tatsächlich sind jetzt zwei weitere Namen auf die Agenda gekommen. Vor wenigen Wochen hat die Stadt eine Kommission aus Historikern gegründet, die sich fundiert mit möglichen strittigen Personen auseinandersetzen soll. Die Fraktion Linke-SÖS-Plus hat die Stadt aufgefordert, Ferdinand Porsche als Erstes zu untersuchen – es geht vor allem um das Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Zuffenhausen.
Daneben halten es die Grünen für sinnvoll, bei der Hanns-Martin-Schleyerhalle einen Benennungsprozess zu starten, allerdings erst, wenn diese sowieso saniert oder neu gebaut würde. Sowohl bei Ferdinand Porsche als auch bei Hanns Martin Schleyer gehe es um deren NS-Vergangenheit.
Grundsätzlich erteilt Stuttgarts Erster Bürgermeister Fabian Mayer jeglicher Cancel Culture eine Absage. Es gehe um etwas ganz anderes: »Ziel der Stuttgarter Erinnerungskultur ist es, Geschichte nicht zu tilgen, sondern sie sichtbar, verständlich und kritisch reflektiert im öffentlichen Raum zu verhandeln. Dies sehen wir als Grundlage für ein lebendiges und verantwortungsbewusstes Erinnern.« (GEA)

