REUTLINGEN. Die psychische Gesundheit von Jugendlichen verschlechtert sich seit Jahren. Die obersten Schülervertreter in Land und Bund machen seit Monaten auf das Thema aufmerksam. Denn schnelle Hilfe ist an den meisten Schulen Mangelware. Es fehlt an Psychologen und Schulsozialarbeitern. Doch an den Schulen knirscht es noch an vielen anderen Ecken. Der GEA hat mit dem Vorsitzenden des Landesschülerbeirats Joshua Meisel über die Krise der Schülerschaft, ein veraltetes Schulsystem und über einen möglichen Wehrdienst gesprochen. Denn ein Kritikpunkt der Schülervertreter ist auch: Man spreche zwar viel über sie, aber nur selten wirklich mit ihnen.
GEA: In letzter Zeit wurde viel über die psychische Gesundheit von Schülern gesprochen. Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, hat gesagt: »Wir befinden uns in einer schweren Krise der psychischen Gesundheit junger Menschen. Das ist ein Notruf.« Siehst du das genauso?
Joshua Meisel: Ja, das sehe ich absolut genauso. Man braucht sich nur das Deutsche Schulbarometer anschauen, dann sieht man, dass 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler unter psychischen Auffälligkeiten leiden. Hier muss man dringend etwas tun. Durch viele Gespräche mit Mitschülern und einer eigenen Betroffenheit weiß ich, wie wenig bei psychischen Problemen von Schülerinnen und Schüler gemacht wird. Diesen Menschen geht es sehr schlecht und sie bekommen einfach keine Hilfe. Das Thema mentale Gesundheit von Schülern ist auch einer der Hauptgründe, weswegen ich mich im Landesschülerbeirat engagiere.
Welche Erfahrungen hast du bei deinem Engagement für das Thema gemacht?
Meisel: Als ich mich in der SMV für das Thema starkmachen wollte, habe ich gemerkt, dass man hier sehr schnell an Grenzen stößt. Man kann Projekte aus finanziellen Gründen nicht umsetzen, aber auch deshalb, weil man Lehrkräfte braucht, die die Projekte betreuen, Lehrkräfte hierfür aber kaum Anrechnungsstunden bekommen. Ich habe mir deshalb nach dem Abitur extra ein Jahr Zeit genommen, um mich dem Thema mentale Gesundheit an Schulen anzunehmen. Es kann aber nicht sein, dass wir nur dann öffentlich wahrgenommen werden, wenn Leute wie ich oder auf Bundesebene Quentin Gärtner monatelang bis zu 70 Stunden pro Woche in die Arbeit als Schülervertreter investieren und nichts anderes mehr machen. Hier muss sich dringend etwas ändern, wir Schülervertreter brauchen mehr Mitspracherecht, mehr finanzielle Ressourcen, um die die große Zahl an Schülern in Baden-Württemberg und in ganz Deutschland zu vertreten.
»Ich weiß, wie wenig bei psychischen Problemen von Schülerinnen und Schüler gemacht wird«
Warum befinden sich junge Menschen momentan in dieser schweren Krise?
Meisel: Ich denke, es gibt vielfältige Gründe. Smartphones, Soziale Medien, Videospiele, Kriege und Krisen, all das hat sicherlich einen Einfluss, sind aber eben nur zum Teil die Ursache. Dazu kommen die ganzen individuellen Faktoren. Die Isolation während der Corona-Krise hat die Krise noch mal verstärkt. Wir wissen seit Jahren, dass gerade auch junge Menschen sich oft einsam fühlen. Auch Mobbing an Schulen hat einen Einfluss auf die mentale Gesundheit. Selbst wenn nur eine Person in einer Klasse gemobbt wird, hat das einen Einfluss auf das Wohlbefinden einer ganzen Klasse.
Wenn Du morgen etwas an unseren Schulen ändern könntest, was würdest du anpacken?
Meisel: Man müsste auf jeden Fall dafür sorgen, dass es an den Schulen mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen gibt. Unsere Forderung ist, dass es an den Schulen vor Ort pro 150 Schülerinnen und Schülern einen Schulsozialarbeiter und pro 300 Schülern eine schulpsychologische Stelle gibt. Lehrkräfte müssten außerdem viel mehr Zeit zugewiesen bekommen, um etwa die SMV (Schülermitverantwortung, d. Red.) besser zu betreuen. Man müsste auch viele schulbauliche Maßnehmen umsetzen. Hier reichen oft schon kleine Dinge, wie Pflanzen, die das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit zu steigern. Man müsste aber vor allem auch unser Bildungssystem genauer in den Blick nehmen. Hierfür fordert der Landesschülerbeirat etwa eine Enquete-Kommission Bildung. Und dann sollte man sich auch einfach mal unsere Lehrpläne anschauen und überlegen, welche Inhalte heute überhaupt noch Sinn machen. Und wenn ich schon dabei bin: Es sollte viel mehr Freiräume geben, um selbständig zu lernen.
» Ein Bildungsplan, der sich nur alle zehn Jahre erneuert, ist ein Problem«
Experten bemängeln ein veraltetes Schulsystem. Wie siehst du das als Schülervertreter?
Meisel: Man muss hier die verschiedenen Schularten betrachten. An den Gemeinschaftsschulen gibt es mehr Freiräume, viele sind mittlerweile recht modern aufgestellt. Das ist auch ein Grund dafür, warum die Gemeinschaftsschulen den größten Anteil an Preisträgern des Deutschen Schulpreises stellen. Gerade unsere Gymnasien sind von der Struktur her aber veraltet. Hier gibt es oft immer noch sehr viel Frontalunterricht und sehr starre Fächerkonstruktionen. Fast wie vor 100 Jahren. Aber unsere Welt sieht eben nicht mehr aus wie vor 100 Jahren aus, sondern komplett anders. Und deshalb müsste sich unser Schulsystem dringend an das Heute anpassen.
Wir leben in einer digitalen Welt, in der künstliche Intelligenz immer mehr an Einfluss gewinnt. Du selbst bist ein sogenannter Digital Native, also jemand, der in dieser Welt groß geworden ist. Wie müssten die Schulen auf diese Entwicklung reagieren?
Meisel: Zum einen müssten Lehrkräfte verbindliche Fortbildungen bekommen. Es gibt zwar viele Lehrkräfte, denen einiges daran liegt, sich hier fortzubilden, das ist aber nicht bei allen so. Aber auch ein Bildungsplan, der sich nur alle zehn Jahre erneuert, ist ein Problem. Die Dynamik, mit der sich die Welt verändert, die fehlt an den Schulen. Beim Bildungsplan könnten wir uns als Schülervertreter eine ständige Kommission vorstellen, die fortlaufende Änderungen vornimmt. Unser großer Wunsch ist es aber, dass in einer solchen Kommission auch Schülerinnen und Schüler drinsitzen. Damit auch die Lebensrealität der Schüler einen größeren Raum im Bildungsplan bekommt. Wir finden zum Beispiel, in Deutsch muss es nicht immer Goethe sein, wir würden uns auch mal modernere Texte wünschen. Aber auch hier passiert leider sehr wenig.
»Wir sind der Meinung, dass Freiwilligkeit herrschen und niemand zu einem Pflichtdienst gezwungen werden sollte«
Auf den Schultern der Jungen liegen gerade einige Lasten. Unsichere wirtschaftliche Zukunft, Rentendebatte, Klimakrise und nun auch noch die Diskussion um den Wehrdienst.
Meisel: Die Belastungen sind auf jeden Fall da, darüber wird auch im Freundeskreis gesprochen. Wir müssen entscheiden, welche berufliche Richtung wir einschlagen, gleichzeitig aber überlegen, ob es wirtschaftlich noch Sinn macht, ob das zur Entwicklung des Arbeitsmarktes passt. Und jetzt noch die Frage, kommt vielleicht noch eine Wehrpflicht dazu? Es sind sehr viele Abwägungen, die wir in einem jungen Alter treffen müssen. Gerade in einer Welt, die sich immer schneller wandelt, werden wir im starren Konstrukt Schule, nicht ausreichend auf diesen Wandel vorbereitet.
Wie steht der Landesschülerbeirat, wie stehst du zur Wehrpflichtdebatte?
Meisel: Als Landeschülerbeirat äußern wir uns noch zurückhaltend dazu, es liegt ein bisschen außerhalb unseres Mandats. Grundsätzlich sind wir aber gegen eine Wehrpflicht, denn direkt nach der Schule zum Bund zu müssen, ist ein massiver Eingriff in die persönliche Berufsplanung. Ich selbst habe mich zum Beispiel sehr ins Abi reingehängt, damit ich so schnell wie möglich anfangen kann, Medizin zu studieren. Ich glaube, dass ich für die Gesellschaft mehr leisten kann, wenn ich ein Jahr früher als Kinder- und Jugendpsychiater arbeiten kann, als wenn ich jetzt noch ein Jahr einen Pflichtdienst machen müsste. Deshalb sind wir der Meinung, dass hier Freiwilligkeit herrschen und niemand zu einem Pflichtdienst gezwungen werden sollte.
Zur Person
Joshua Meisel (20) ist seit April 2024 Vorsitzender des Landesschülerbeirats. Im Sommer 2024 hat der gebürtige Münchner am Gymnasium in Tiengen sein Abitur gemacht und sich danach ein Jahr Zeit genommen, um sich intensiv für die Ziele des Landesschülerbeirats einzusetzen. Das Thema mentale Gesundheit von Schülern liegt ihm dabei besonders am Herzen. Seit Oktober 2025 studiert der begeisterte Rennradfahrer in Ulm Medizin. Nach dem Studium will er als Kinder- und Jugendpsychiater arbeiten. (kali)
Was hast du in deiner Zeit als Landesschülersprecher erreicht?
Meisel: Viele Parteien im Land stehen nun hinter der Forderung von uns, eine Enquete-Kommission Bildung zu gründen. Auch der Landeselternbeirat, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Verband Bildung und Erziehung, der Berufsschullehrerverband und der Grundschulverband haben sich unserer Forderung angeschlossen. Das ist für uns ein großer Erfolg. Wir haben eine Vision, wie unser Schulsystem in Zukunft aussehen soll. Wir wollen weg von diesem klein, klein, bei dem immer wieder nur an Stellschrauben gedreht wird, hin zu Veränderungen, die auch über Legislaturperioden hinaus Bestand haben.
Wie lief die Zusammenarbeit der Schülervertretung in den letzten zwei Jahren mit dem Kultusministerium?
Meisel: Insgesamt eher durchwachsen, wir hätten uns an vielen Stellen mehr Unterstützung gewünscht. Wir arbeiten stark daran, dass unsere Nachfolger bessere Bedingungen vorfinden.

