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Vier prominente Politikerinnen aus dem Land fordern Sexkaufverbot

Vier ehemalige Bundestagsabgeordnete aus vier Parteien sprachen im Reutlinger Spitalhofsaal über die derzeitige Prostitutionspolitik, über Mythen der Sexarbeit und über den mühsamen Weg zum Nordischen Modell.

Podiumsgespräch mit vier Politikerinnen im Reutlinger Spitalhofsaal zum Nordischen Modell: Jessica Tatti (BSW, 2. von links), Be
Podiumsgespräch mit vier Politikerinnen im Reutlinger Spitalhofsaal zum Nordischen Modell: Jessica Tatti (BSW, 2. von links), Beate Müller-Gemmeke (Grüne), Leni Breymaier (SPD) und Susanne Wetterich (CDU). Foto: Steffen Schanz
Podiumsgespräch mit vier Politikerinnen im Reutlinger Spitalhofsaal zum Nordischen Modell: Jessica Tatti (BSW, 2. von links), Beate Müller-Gemmeke (Grüne), Leni Breymaier (SPD) und Susanne Wetterich (CDU).
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN. Nach derzeitiger Rechtslage ist Prostitution in Deutschland erlaubt. Durch das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz gilt Sexarbeit nicht mehr wie zuvor als »sittenwidrig«, sondern als legale Dienstleistung. Doch auch in Deutschland wird immer wieder über ein Sexkaufverbot gestritten, auch aus Teilen der Politik wird ein Kurswechsel hin zum Nordischen Modell gefordert, ein Sexkaufverbot, das Freier kriminalisiert, während Prostituierte weiter straffrei bleiben.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen diskutierten am Mittwochabend vier prominente Politikerinnen im Reutlinger Spitalhofsaal über Prostitution. Das Besondere: Alle vier waren sich einig. Alle wollen ein Sexkaufverbot nach Nordischem Modell. Der Unterschied: Nicht alle werden dabei gleichermaßen von ihren Parteien unterstützt. Hier ihre Positionen.

Susanne Wetterich (CDU):

»Die große Masse der Prostituierten sieht es nicht als Beruf, macht es nicht freiwillig. Es ist eine Ausbeutung mit schweren Folgen für Gesundheit und Psyche«, stellte die baden-württembergische Vorsitzende der Frauen Union klar. Seit der Legalisierung der Prostitution sei der Menschenhandel in Deutschland explodiert, Gründe, warum sich die CDU-Frauen schon seit vielen Jahren für eine Umkehr in der Gesetzgebung und das Nordische Modell einsetzten. Der Prozess um das angebliche Edel-Bordell Paradise in Stuttgart habe gezeigt, dass »hier gar nichts edel, sondern ein übles, kriminelles Geschäft war«. Bei früheren CDU-Parteitagen seien die Frauen beim Kampf für das Thema mit einer blutigen Nase wieder rausgelaufen, »doch jetzt sind wir schon sehr weit«, meinte Wetterich. Selbst die Junge Union hätte sich jüngst in Rust für das Nordische Modell ausgesprochen, »und auch Kanzler Merz steht hinter uns«.

Leni Breymaier (SPD):

»Wir haben hier ein Komplettversagen der deutschen Linken«, kritisierte die Tübingerin, die schon seit Langem für einen Politikwechsel in Sachen Prostitution kämpft. Eine Einführung des Nordischen Modells müsse in der jetzigen Koalition in Berlin klappen, »denn wenn es nicht Union und SPD schaffen, dann niemand«, so Breymaier. Von der Prostitution wären im übrigen alle Frauen betroffen, »denn wenn ein Mann in der Mittagspause für 30 Euro Sex kaufen kann, wie sieht er danach seine Chefin oder seine Frau an«? Man müsse sich aber klar machen: Es gehe hier auch um sehr viel Geld für die Bordellbetreiber, es sei außerdem ein »wahnsinnig aggressives Milieu«. In Gesprächen mit älteren »Huren« höre man, dass das, was Frauen heute in der Sexarbeit täglich erleiden müssten, »unvorstellbar sei«. »Es hat sich da brutal was verändert, es zerstört diese Frauen.«

Beate Müller-Gemmeke (Grüne):

»Das ewige Schönreden der Prostitution, etwa dass viele das freiwillig machen würden, stört mich, denn es spiegelt die Realität der Prostitution nicht wieder«, sagte Müller-Gemmeke. Die Grünen hätten 2002 mit dem Prostitutionsgesetz »etwas Gutes hinbekommen wollen«, müssten diesen Schritt aber als Fehler anerkennen. Der Weg zum Nordischen Modell sei ein »dickes Brett«, vor allem auch, weil viele Verbände ein Sexkaufverbot nicht für den richtigen Weg hielten. Ein Problem in der öffentlichen Debatte sei, dass viele das Thema lieber ignorierten. Ihr sei dies nicht möglich, Prostitution passe nicht zu ihrer feministischen Grundeinstellung. Ein Erlebnis, dass sie persönlich lange nicht losgelassen habe: Die Aussagen einer »Überlebenden«, die auch drei Jahre nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution ihre Haut nicht habe spüren können.

Jessica Tatti (BSW):

»Das deutsche Modell war gut gemeint, funktioniert aber nicht«, sagte die BSW-Politikerin. Aufgabe der Politik sei es, Frauen vor der Prostitution zu schützen und nicht in der Prostitution. Im Prostituiertenschutzgesetz stünden zwar gute Dinge drin, sie seien aber nicht kontrollierbar, so seien geschätzte 200.000 bis 400.000 Prostituierte überhaupt nicht registriert. »Minderjährige aus Osteuropa kommen nach Deutschland, weil hier kein Sexkaufverbot herrscht«, so Tatti. Das Nordische Modell sei beim BSW daher künftig »die Position, die wir vertreten«, es setze bei der Nachfrage an und entkriminalisiere die ausgebeuteten Frauen.