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Umfrage in Baden-Württemberg: Menschen haben Angst vor sozialem Abstieg

Die schlechte wirtschaftliche Lage ist bei den Leuten angekommen. In Baden-Württemberg machen sich die Menschen Sorgen um Arbeitsplatz und Einkommen. Vor allem die schrumpfende Autobranche bereitet Kopfzerbrechen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der baden-württembergischen Tageszeitungen.

Bei Daimler in Sindelfingen bauen Mitarbeiter Mercedes-Autos zusammen.
Bei Daimler in Sindelfingen bauen Mitarbeiter Mercedes-Autos zusammen. Foto: Foto: Bernd Weißbrod/dpa/dpa
Bei Daimler in Sindelfingen bauen Mitarbeiter Mercedes-Autos zusammen.
Foto: Foto: Bernd Weißbrod/dpa/dpa

STUTTGART. Die Wirtschaftskrise ist bei den Leuten angekommen. In Baden-Württemberg machen sich die Menschen Sorgen um Arbeitsplatz und Lohn. Besonders die Autobranche bereitet Bauchweh. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der baden-württembergischen Tageszeitungen. Die Erhebung offenbart auch, ob die Bürger zur Rettung des Standorts deutsche Marken kaufen und auf Urlaub verzichten würden. Mit teils überraschenden Ergebnissen.

Wie ist die Stimmung in Baden-Württemberg?

Die Stimmung ist gut in Baden-Württemberg. Jeder dritte Bürger (33 %) blickt mit Hoffnung ins neue Jahr, Anfang 2025 war es nur jeder vierte. Der Anteil der Bevölkerung, der den kommenden zwölf Monaten mit Befürchtungen entgegensieht, ist seitdem von 37 auf 25 Prozent zurückgegangen. Weitere 25 Prozent sind skeptisch, wie sich die Lage entwickeln wird.

Hoffnungsvoller Blick ins neue Jahr
Hoffnungsvoller Blick ins neue Jahr Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Hoffnungsvoller Blick ins neue Jahr
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Wie groß ist die Angst um den Job?

Konjunkturelle Stagnation und steigende Lebenshaltungskosten bereiten den Baden-Württembergern zwar bereits seit drei Jahren Sorgen, aber jetzt schlägt sich die Krise am Arbeitsplatz nieder. Etwa jeder Zehnte (11 %) arbeitet in einem Unternehmen, dem es wirtschaftlich schlecht geht. Fast ebenso viele Menschen (10 %) sorgen sich um die Sicherheit ihres Jobs. Die Stelle tatsächlich verloren haben allerdings nur 3 Prozent.

Wo wird Geld gespart?

Angesichts der unsicheren Arbeitssituation schränken viele Menschen ihre Ausgaben ein. Zwei Drittel der Bürger (64 %) achten beim Einkaufen verstärkt auf den Preis. Fast die Hälfte (46 %) versucht, insgesamt sparsamer zu leben. Ein knappes Drittel (29 %) hat größere Anschaffungen zuletzt verschoben.

Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf das eigene Leben
Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf das eigene Leben Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf das eigene Leben
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Was würden die Bürger für ihre Arbeit opfern?

Für den Erhalt des Arbeitsplatzes würden die meisten Berufstätigen Einschränkungen in Kauf nehmen. Knapp jeder Zweite (48 %) würde eine Fortbildung oder Umschulung machen. Jeweils 37 Prozent wären bereit, die Arbeitszeit zu verlängern oder in Kurzarbeit zu gehen. Fast jeder Vierte (23 %) würde auf Urlaub verzichten, fast jeder Zehnte (9 %) auf Gehalt.

Die Bereitschaft zu Zugeständnissen variiert mit dem Einkommen. Berufstätige mit niedrigem Gehalt zeigen sich weniger kompromissbereit als Berufstätige mit mittlerem und hohem Gehalt. Nur 40 Prozent der Arbeitnehmer mit geringem Lohn würden für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes eine Umschulung zu machen, bei den Arbeitnehmern mit mittlerem und hohem Lohn sind es jeweils 51 Prozent. Bei längeren Arbeitszeiten steigt die Flexibiltät mit dem Lohn von 30 über 39 auf 43 Prozent. Keinerlei Einschränkungen hinnehmen würde jeder fünfte Geringverdiener (20 %), bei den höheren Lohngruppen wäre es bloß jeder Achte (12 und 13 %).

Einschränkungen für den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes
Einschränkungen für den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Einschränkungen für den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Wie groß ist die Angst vor dem sozialen Abstieg?

Die Verschlechterung ihrer finanziellen Situation befürchten immer mehr Menschen. 28 Prozent der Baden-Württemberger erwarten Wohlstandseinbußen in den nächsten fünf Jahren. In einer bundesweiten Befragung des Allensbacher Instituts im Mai dieses Jahres lag der Anteil noch bei 16 Prozent und damit deutlich niedriger. Trotzdem rechnet die Mehrheit nach wie vor nicht mit sozialem Abstieg: 34 Prozent gehen von einer stabilen, 22 Prozent sogar von einer besseren finanziellen Lage aus.

Die Einschätzung ist allerdings altersabhängig: In der jungen Generation, deren Karriere gerade erst beginnt, glaubt die Hälfte (49 %) an den wirtschaftlichen Aufstieg. In der älteren Generation, die auf die Rente zusteuert, hofft nur jeder Zehnte (10 %) auf die Verbesserung seiner Finanzen, jeder Dritte befürchtet die Verschlechterung.

Wohlstandseinbußen nach Altersgruppen
Wohlstandseinbußen nach Altersgruppen Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Wohlstandseinbußen nach Altersgruppen
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Welche Branche ist das Sorgenkind?

Vor allem die Autobranche bereitet den Baden-Württembergern Sorgen. Über die Hälfte der Menschen hierzulande (57 %) verunsichert die Misere der Autoindustrie, nur etwas mehr als ein Drittel (37 %) zeigt sich unbeeindruckt. Vor allem Menschen, die um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes fürchten, blicken sorgenvoll auf den Automobil-Standort (71 %). In dieser Gruppe bleibt nur knapp ein Viertel (23 %) entspannt.

Sorge um den Automobilstandort Baden-Württemberg
Sorge um den Automobilstandort Baden-Württemberg Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Sorge um den Automobilstandort Baden-Württemberg
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Wer ist schuld an der Autokrise?

Die Krise der Autobranche führen die Baden-Württemberger auf mehrere Ursachen zurück. Als wichtigste Gründe nennen sie Konkurrenz durch ausländische Hersteller (vor allem China) sowie bürokratische Lasten, politische Fehlentscheidungen und hohe Energiepreise in Deutschland. Jeder Zweite sieht hier eine Mitschuld. 42 Prozent halten zudem europäische Vorgaben (zum Beispiel: Verbrenner-Aus ab 2035) für mitverantwortlich, 34 Prozent Managementfehler der deutschen Autohersteller, 31 Prozent staatliche Subventionen für chinesische Elektroauto-Bauer. Hohen Lohnkosten, Lieferkettenproblemen und Dieselskandal misst dagegen nur eine Minderheit (27, 22 und 19 % ) Bedeutung bei.

Gründe für die Krise der deutschen Automobilindustrie
Gründe für die Krise der deutschen Automobilindustrie Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Gründe für die Krise der deutschen Automobilindustrie
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Wird Stuttgart das zweite Detroit?

Stuttgart könnte ein zweites Detroit werden: Dass der Landeshauptstadt der wirtschaftliche Niedergang droht, wenn es Mercedes-Benz, Porsche und Bosch nicht bald besser geht: Das fürchten 45 Prozent der Befragten. Damit würde Stuttgart ein ähnliches Schicksal erleiden wie die US-amerikanische Auto-Metropole Detroit. Dort sorgten General Motors, Ford und Chrysler lange für Wohlstand, bis die Branche ab den 1970er-Jahren zugrunde ging. Dieses Szenario für zu pessimistisch hält jeder dritte Baden-Württemberger (32 %).

Deutsches oder chinesisches Auto: Wer kauft was?

Die Sorge um den Automobil-Standort ist allerdings kein starkes Kaufargument. Die Präferenz für deutsche Hersteller endet für viele dort, wo Preisunterschiede ins Spiel kommen. 39 Prozent der Befragten würden sich für eine günstigere ausländische Automarke entscheiden, auch weil sie kaum Qualitätsunterschiede wahrnehmen. Ebenso viele würden jedoch zum teureren deutschen Modell greifen, weil sie von der besseren Qualität überzeugt sind. Diese Haltung muss man sich aber erst mal leisten können: Gutverdiener (42 %) greifen bei Preisunterschieden häufiger zum deutschen Fabrikat als Geringverdiener (34 %).

»Made in Germany« als Kaufkriterium
»Made in Germany« als Kaufkriterium Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
»Made in Germany« als Kaufkriterium
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Tut die Landesregierung genug für den Wirtschafts-Standort?

Angesichts der Sorge um die Autoindustrie wünschen sich die meisten Baden-Württemberger (68 %) mehr Engagement der Landesregierung zur Stärkung des Wirtschafts-Standorts. Diese Position herrscht bei den Anhängern aller Parteien vor. Überdurchschnittlich häufig fordern dies allerdings Wähler von AfD (83 %) und FDP (80 %), unter dem Durchschnitt liegen Wähler von SPD (63 %), Linken (56 %) und Grünen (55 %).

Standort-Förderung durch Landesregierung
Standort-Förderung durch Landesregierung Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Standort-Förderung durch Landesregierung
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Was läuft in den Schulen falsch?

Der überwältigenden Mehrheit der Bürger ist bewusst, welche große Bedeutung ein gutes Bildungssystem für die Zukunft des Landes hat. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Bildungspolitik. An der Spitze der Forderungen, wofür sich ein Bildungspolitiker einsetzen sollte, stehen verpflichtende Deutschkurse für Schüler mit Sprachproblemen (60 %), bessere Vorbereitung auf das Berufsleben (59 %) und die Sanierung maroder Schulgebäude (50 %). Knapp jeder Zweite hält bessere digitale Ausstattung (48 %) und weniger Stundenausfall (47 %) für zentral. Dass mehr Schüler eine Lehre machen, befürwortet jeder Vierte (42 %). Mehr Abiturienten wünscht sich dagegen nicht einmal jeder Zehnte (7 %).

Die bildungspolitische Agenda der Bevölkerung
Die bildungspolitische Agenda der Bevölkerung Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Die bildungspolitische Agenda der Bevölkerung
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach

Bereitet die Schule auf den Beruf vor?

Dass die bessere Vorbereitung auf das Berufsleben auf der bildungspolitischen Agenda so weit oben steht, liegt auch daran, dass die meisten Baden-Württemberger hier Defizite in den Schulen sehen. 60 Prozent der Befragten bewerten die diesbezüglichen Leistungen der Schulen als unzureichend. Nur 29 Prozent der Umfrage-Teilnehmer bescheinigen den Schulen gute Arbeit. Das Urteil von Eltern mit Schulkindern fällt positiver aus: 41 Prozent haben einen guten Eindruck. Doch auch hier zieht die Mehrheit (53 Prozent) eine negative Bilanz. (GEA)

Schulen bereiten zu wenig auf das Berufsleben vor
Schulen bereiten zu wenig auf das Berufsleben vor Foto: Institut für Demoskopie Allensbach
Schulen bereiten zu wenig auf das Berufsleben vor
Foto: Institut für Demoskopie Allensbach