TÜBINGEN. »Auch glückliche Paare haben Krisen und Probleme – aber sie arbeiten daran«, sagt die Paartherapeutin Astrid von Sichart. Die Krise sei ein Signal, genauer hinzuschauen. Zum Unglück werde eine Krise erst dann, wenn sie unter den Teppich gekehrt, nicht sein darf oder von einem der Partner klein geredet wird. »Eine Krise ist wie ein Stopp-Schild«, betont von Sichart. Das Paar müsse sich in dieser Situation genau anschauen, was bisher war und wie es in Zukunft weitermachen möchte. Aus einer Krise, da ist sich die Paartherapeutin sicher, kann auch etwas Gutes entstehen: »Eine Beziehung kann gestärkt daraus hervorgehen.«
Die größten Stolpersteine in einer Beziehung sind Übergänge. Das hat die Tübinger Paartherapeutin während ihrer langjährigen Arbeit immer wieder erlebt. Übergänge kann es in Beziehungen einige geben: Der Übergang in die Elternschaft, der Berufseinstieg nach dem Studium, der nächste Karriereschritt. Ein Übergang kann aber auch ein Umzug in eine andere Stadt sein. Krankheit oder Tod in der Familie kann ebenfalls ein Übergang in einer Paarbeziehung sein. Ein ganz großer Stolperstein ist für viele Beziehungen auch der Abschied aus dem Berufsleben.
Karriere als Übergang
Macht ein Partner einen Sprung auf der Karriereleiter, müssen Aufgaben in der Partnerschaft oder der Familie oft vom anderen übernommen werden, auch Kinder kommen in der Folge manchmal zu kurz, weiß Paartherapeutin Astrid von Sichart. Der andere Part fühle sich oft vernachlässigt, nicht mehr gesehen oder wertgeschätzt. »Es wird in der Situation häufig nicht darüber gesprochen, was in einer Beziehung Priorität hat«, sagt von Sichart. Eine Lösung könnte sein, über die Prioritäten der beiden Partner zu sprechen, eventuell auch einen Zeitplan zu machen. Und die Frage zu stellen: Was könnte wen unterstützen? »Einfache Sachen, wie etwa der Freitag gehört dir, hier komme ich früher nach Hause, können in solch einer Situation schon sehr hilfreich sein.« Beim Thema Karriere wie auch beim Thema Elternschaft sei eine gute Abstimmung wichtig. »Eine Planung fürs nächste Vierteljahr kann hier oft schon reichen«, so die Expertin.
Krankheit als Belastungsprobe
Eine schwere Erkrankung des Partners kann eine Belastungsprobe für die Beziehung sein. Am Anfang, so von Sichart, stehe oft die Angst und die Frage: Überlebt mein Partner das überhaupt? Die Überbetonung des Negativen nehme bei einer Krankheit schnell überhand, sagt die Therapeutin. Der Mann sei zum Beispiel plötzlich nicht mehr der, der er einmal war. Und leidet selbst unter seiner neuen Rolle. »Das führt zu Umbauten in der Beziehung, die für beide Seiten problematisch sein können.« Die Expertin rät: »Das Sprechen über die Sorgen und Ängste ist wichtig.« Und: »Auch in Krisensituationen sollte man sich immer wieder die Frage stellen: Was sind die Perlen in unserem Alltag?« Hier sollte man darüber nachdenken, was gelingt uns, wo haben wir es trotz Krankheit noch schön? Und was ist vielleicht noch besser, weil man sich als Paar in der schwierigen Zeit näher gekommen ist?
Kinder können Beziehung überfordern
Viele Paare wünschen sich Kinder, doch sind sie erst einmal da, können sie zu einer Zerreißprobe für die Beziehung werden. Astrid von Sichart kennt diese Phase in einer Beziehung und meint: »Die Situation führt oft zu einem gewissen Teufelskreis. Der Vater will sich nicht in die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind einmischen, die Mutter hätte aber gern mehr Unterstützung. Die Frau muss auch mit den körperlichen Veränderungen umgehen lernen, das kann auch Auswirkungen auf die Sexualität haben.« Die gute Nachricht: Der wichtige Part des Vaters kommt spätestens dann, wenn man das Kind in die Luft schmeißen kann. »Der Vater ist dafür da, Unsicherheit, Risiko und Spaß in die Beziehung zum Kind reinzubringen«, so von Sichart. Das Kind spürt, auch hier werde ich aufgefangen, die Mutter ist körperlich entlastet, auch Sexualität kann wieder stattfinden.
Ein weiterer Knackpunkt sei der Wunsch vieler Eltern, in Sachen Kinder immer alles richtig und dabei auch noch immer alles richtig gut machen zu wollen. »Das erzeugt Druck und Stress«, sagt die Therapeutin und empfiehlt: »Sich einfach mal sagen: Ich bin gut genug! Und dann den Druck rausnehmen und sich die Zeit dazu nehmen, gemeinsam und in Ruhe anzuschauen, wie man die Dinge anders machen könnte.«
Auch der Beginn des Ruhestands kann herausfordernd sein
In der Komödie Pappa ante Portas findet sich der Vater überraschend im Ruhestand wieder und bringt damit das Familienleben gehörig durcheinander. Anders als bei Heinrich Lohse im Film, bereiten sich heutzutage die meisten schon lange vorher auf den Ruhestand vor, freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt. Sich bewusst zu machen, dass jetzt eine neue Phase beginnt, sei wichtig, sagt die Paartherapeutin. Denn viele Paare würden sogar sagen: Jetzt könnte die beste Zeit in unserem Leben beginnen.
Von Sichart weiß aber auch, dass gerade der Übergang in den Ruhestand für viele Paare zum Problem werden kann. Oft würden gerade dann Verletzungen aus der Vergangenheit zum Thema werden, Fragen nach der Gestaltung der gemeinsamen Zeit aufkommen. »Man muss die Gemeinsamkeiten oft erst wieder finden«, sagt sie. Und dabei helfe es nicht, wenn ein Partner sich gleich zu Beginn des Ruhestands eine große Ladung an Plänen zurechtlege, was er oder sie jetzt alles alleine anpacken möchte.
Die Paarberaterin
Astrid von Sichart ist seit vielen Jahren Paartherapeutin in Tübingen. Angefangen hat die ausgebildete Psychotherapeutin vor rund 40 Jahren als Familientherapeutin in Pforzheim. Die Paartherapie liegt ihr besonders am Herzen, sagt sie. Sie will bei ihrer Arbeit vor allem die Probleme von Paaren im Hier und Jetzt anpacken und alte Muster, die Paare über die Jahre oft in eine problematische Routine geführt haben, aufbrechen.


