STUTTGART. Nicht immer wird geschossen oder das Messer gezückt, wenn Mitglieder zweier rivalisierender multiethnischer Gruppierungen in der Region Stuttgart aufeinander losgehen. In Vaihingen ist es auch mal ein Mercedes-Cabrio E 300. Das beschleunigt von null auf Hundert in nicht mal sieben Sekunden, und die Folgen sind nicht minder gravierend: Am 2. Oktober 2023 wird ein 31-Jähriger im Zentrum von Stuttgart-Vaihingen angefahren und so schwer verletzt, dass er seither im Wachkoma liegt.
Am Freitag begann im Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen einen 26-Jährigen wegen versuchten Totschlags.
Der Mann mit Vollbart und Pferdeschwanz, der sich vor der 19. Strafkammer auf der Anklagebank verantworten muss, ist bis zum Hals tätowiert, athletisch und muskelbepackt. Er ist holländischer Staatsbürger, in Den Haag geboren, gleichwohl türkischer Herkunft und offenbar ein Angehöriger einer multiethnischen schießwütigen Gruppierung , der Zuffenhausen/Göppingen-Clique. Laut Anklage soll er in jener Oktobernacht 2023 dabei gewesen sein, als eine Gruppe mit fünf weiteren Mitgliedern der Zuffenhausen-Fasanenhof-Fraktion gezielt Jagd auf einen 31-jährigen Shishabar-Besitzer machte – im verfeindeten Revier in Vaihingen.
Gnadenloser Ablauf
Die Anklagevertreterin schildert einen gnadenlosen Ablauf. Die Gruppe habe ihr Opfer zunächst am Vaihinger Markt aufgespürt und angegriffen. Nach einem Wortwechsel und ersten Ohrfeigen sei der 31-Jährige angesichts der Übermacht davongerannt. Die Flucht endete auf der Hauptstraße, irgendwann zwischen 21.08 und 21.12 Uhr. Der Angeklagte habe mit seinem Mercedes-Cabrio den Flüchtenden ins Visier genommen – und schließlich erfasst.
Laut Anklage hatte er 64 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho, das Opfer flog über Motorhaube und Windschutzscheibe und prallte auf den Asphalt. Drei Schädelfrakturen, ein Hämatom im Gehirn, Schulterfraktur, Rippenfraktur, die Lunge kollabiert, Pneumothorax. »An seinem wachkomatösen Zustand wird sich wohl nichts mehr ändern«, sagt die Staatsanwältin Merk. Die Polizei hielt sich mit öffent-licher Berichterstattung zurück – und sprach nur von einer Unfallflucht.
Der Fahrer des Mercedes mit holländischem Kennzeichen war in den nahen Stadtteil Fasanenhof geflüchtet, ließ seinen Wagen dort nahe einer Stadtbahn-Haltestelle zurück. Anschließend verschwand er. Wie bei der Gerichtsverhandlung bekannt wird, ist der Verdächtige bereits am 24. November 2023 in der Türkei festgenommen worden. Ausgeliefert wurde er aber erst am 9. Oktober 2024 – also fast ein Jahr nach der Vaihinger Tat.
Die 19. Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Norbert Winkelmann hat für den Prozess insgesamt 14 Verhandlungstage bis Anfang Oktober dieses Jahres terminiert. Allerdings gibt es zum Auftakt schon Signale, dass es nicht ganz so lange dauern könnte.
Der Verteidiger Uwe Böhm regte gleich zu Beginn ein Rechtsgespräch unter den Prozessbeteiligten an. In der Regel wird dabei ausgelotet, wie hoch das Strafmaß aussehen könnte und unter welchen Bedingungen hier eine Minderung er-reicht werden könnte.
Die Marken sind gesetzt: Die Staatsanwaltschaft würde nach bisheriger Aktenlage ohne ein Geständnis bis zu zwölf Jahre Haft für schuldangemessen sehen, bei einem Geständnis neun bis zehn Jahre. Richter Winkelmann sieht bei einem geständigen Angeklagten einen »Korridor« von neun bis zehneinhalb Jahren. Der 26-Jährige kann sich das nun bis zum 10. Juni überlegen. Er könnte aufklären, warum der damals 31-Jährige ins Visier geraten war.
Schon länger im Visier
Der Besitzer von Imbissen und einer damals existenten Shishabar am Vaihinger Markt soll schon länger im Visier der verfeindeten Fasanenhof-Gruppe gestanden haben. Er selbst war einst Angehöriger der im Jahr 2013 verbotenen kurdischen Red-Legion-Gang und war offenbar wiederholt mit der Esslingen-Gruppierung in Kontakt. Er soll zudem schon auf der Opfer-Liste einer Racheaktion gestanden haben, nachdem es im Dezember 2021 am Vaihinger Markt eine Messerstecherei mit mehreren Verletzten gegeben hatte. (GEA)

