HORB. Auch zwei Tage nach dem Absturz der Arbeitsgondel an der Baustelle eine Straßenbrücke geht die Suche nach der Ursache des Unglücks weiter. Klar ist bisher nur – ein Seil ist gerissen, die Gondel stürzte ab, zwei Polen und ein Deutscher zwischen 40 und 46 Jahren sind tot.
In der Kritik der örtlichen Medien steht vor allem die betroffene Baufirma. Denn bereits im vergangenen Jahr kam es zu einem Unfall, der beinahe tödlich geendet wäre. Damals hatte ein Vorarbeiter bemerkt, dass sich Metallbolzen aus einer neu betonierten Querträger eines Brückenpfeilers lösten. Der Querträger sackte mehrmals ab, fiel aber nicht ins Tal. Das fehlerhafte Bauteil musste mit einem schweren Flügelkran zerlegt und entsorgt werden. Die Ursache des Beinahe-Unglücks wurde mit einem Materialfehler angegeben. Auf Rückfrage, ob »billiger China-Stahl« verwendet wurde, antwortete der leitende Baudirektor des Regierungspräsidiums damals vielsagend, dass die Verwendung des Materials der ausführenden Firma obliege.
War der Zeitdruck zu groß?
Was nun nach dem tödlichen Unfall für Kritik sorgt, ist der Umstand, dass die Firma zunächst im Juli mitteilte, dass sie den geplanten Fertigstellungstermin Ende 2026 nicht halten könne. Im September teilte Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder mit, dass sich die Fertigstellung bis 2030 verzögern – sich also die ursprünglich veranschlagte Bauzeit um vier Jahre verlängern würde. Das Regierungspräsidium zeigte sich »außerordentlich überrascht« von der erheblichen Verzögerung und machte Druck auf die Firma. Im April 2025 gaben das Regierungspräsidium und die Baufirma dann bekannt, dass sie sich im Rahmen einer Schlichtung auf eine Fertigstellung bis 2028 geeinigt hätten. Durch eine »Optimierung des Bauablaufs«, den Einsatz von zusätzlichen Tragegerüsten und paralleler Ausführung an mehreren Bereichen könne die Brücke zu diesem Datum realistisch fertig gebaut werden. Nach dem tödlichen Unfall steht nun der Verdacht im Raum, ob die Optimierung der Bauprozesse auf Kosten der Arbeitssicherheit ging. War der Druck auf die Bauarbeiter, schneller zu arbeiten, so groß, dass ein tödlicher Fehler passierte?
Warum hing die Gondel nur an einem Seil?
Archivbilder von der bei den Brückenarbeiten verwendeten Gondel, die der Schwarzwälder Bote verbreitete, zeigen, dass sie von einem Haken nach oben gezogen wird, der an vier Seilen hängt. Warum war nun aber nach dem Unfall nur ein gerissenes Seil zu sehen? Ein Polizeisprecher bestätigte, dass die Unglücksgondel nur an einem Seil hing. Ob das den Vorschriften entsprochen habe, werde derzeit ermittelt.
Sind Betonteile heruntergestürzt?
Eine Augenzeugin, Irene Laiker, die Wirtin der Pizzeria im Neckarbad berichtete im Schwarzwälder Boten von herabstürzenden Betonteilen. Haben sie das Unglück ausgelöst oder hat die Zeugin die herabfallende Gondel versehentlich als ein Betonteil wahrgenommen?
Ein unabhängiger Gutachter soll nun das gerissene Seil überprüfen, um zu klären, ob es sich bei dem Absturz um einen Materialfehler am Tragseil oder möglicherweise auch um menschliches Versagen gehandelt hat – etwa wenn die Gondel nicht an genügend vielen Tragseilen am Kran eingehängt gewesen wäre. Wenn Stahlseile reißen, könnte zum Beispiel eine Überbeanspruchung des Materials oder unsachgemäße Lagerung die Ursache sein. Zunächst werde ein solches Seil mit bloßem Auge begutachtet und dann mikroskopisch untersucht. Entsprechende Gutachten dauerten Monate, sagte Thomas Ummenhofer, Professor für Stahl- und Leichtmetallbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Prüfingenieur für Bautechnik.
Das Regierungspräsidium Karlsruhe teilt dazu nur schriftlich mit: »Aufgrund der Komplexität des Ermittlungsverfahrens bitten wir um Verständnis, dass wir derzeit keine weiteren Auskünfte zum Unfallhergang oder möglichen Ursachen geben können.«
Unterdessen ist die Betroffenheit in der 25.000-Einwohner-Stadt am oberen Neckar groß. Auf einer Wiese am Fuß der Brückenpfeiler wurden zahlreiche Blumen und Kerzen niedergelegt. Auch Verkehrsminister Winfried Hermann legte Blumen nieder. Er könne sich nicht daran erinnern, dass in seiner Amtszeit schon einmal mehr als ein Arbeiter an einer Baustelle in Baden-Württemberg umgekommen sei. »Deswegen ist der Arbeitsschutz, das ist Sicherheit, ganz wichtig.«
Was ist die Neckartalbrücke?
Die Neckartalbrücke bei Horb wird insgesamt 70 Meter hoch und 667 Meter lang. Sie soll die Bundesstraße 32 auf einer Gesamtlänge von 2,1 Kilometern zwischen der Bundesstraße 28 und der Autobahn 81 verbinden und so die West-Ost-Achse verkürzen. Spatenstich für das insgesamt (mit Ausbau des Autobahnanschlusses) 167 Millionen Euro teure Projekt war im November 2018. Die kostenlosen zweistündigen Baustellenführungen an Sonntagen wurden nach dem Unglück bis auf Weiteres abgesagt. (GEA)

