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Not der Wohnungslosen steigt in Corona-Pandemie

Für Menschen ohne Wohnsitz macht die Corona-Pandemie das Leben noch härter, als es bereits ist. Die Wohlfahrtsorganisationen sind alarmiert und fordern die Politik auf, das Problem stärker anzugehen.

Wohnungloser in Diakonie
Ein Wohnungsloser liest in der Einrichtung »Tagestreff Tür« der Diakonie Karlsruhe eine Zeitung. Foto: Uli Deck
Ein Wohnungsloser liest in der Einrichtung »Tagestreff Tür« der Diakonie Karlsruhe eine Zeitung.
Foto: Uli Deck

Kein Dach über dem Kopf, weniger Rat vom Amt und kein Raum für das Gespräch mit der helfenden Hand: Die Corona-Pandemie trifft Menschen ohne Wohnung und in Wohnungsnot nach Ansicht der Hilfsorganisationen weiter mit Wucht. Ihre Zahl hat nach Angaben der Liga der freien Wohlfahrtspflege im zweiten Jahr der Pandemie zugenommen - wenngleich sie im Südwesten immer noch leicht unter dem Niveau der Vor-Corona-Zeit liegt.

Auf längere Sicht müssten vor allem deutlich mehr Wohnungen gebaut werden, die für die betroffenen Gruppen in Frage kämen, forderte die Vorsitzende des Dachverbands von Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas und dem Paritätischen Baden-Württemberg, Annette Holuscha-Uhlenbrock. »Gegen Wohnungsnot helfen nur Wohnungen«, sagte sie am Dienstag in Stuttgart. Der soziale Wohnungsbau müsse unter anderem bei der Vergabe von Grundstücken und der Planung der Flächennutzung priorisiert werden. Im Bestand und beim Neubau müsse »wirksam und sozial verantwortlich gesteuert« werden, forderte Holuscha-Uhlenbrock und ergänzte: »Wir brauchen Kontingente an Sozialwohnungen für wohnungslose Menschen.«

Denn der Bedarf steigt immer weiter: Laut Liga sind die Dienste und Einrichtungen der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege im Jahr 2021 von 11.619 Menschen um Hilfe gebeten worden. Das seien fast 200 mehr als im Jahr zuvor und etwa 650 weniger als 2019, teilte sie mit. Die Schätzung geht auf die sogenannte Stichtagserhebung vom vergangenen September zurück. Dabei wurden die Menschen gezählt, die sich an einem bestimmten Tag in einer sozialen Hilfseinrichtung aufhielten, die vor längstens 30 Tagen Kontakt zur Einrichtung gesucht hatten oder die am Stichtag noch betreut wurden.

Demnach waren die weitaus meisten Hilfesuchenden im vergangenen Jahr Männer (72,7 Prozent), die Gruppe der 25- bis 49-Jährigen machte zudem mit 46,4 Prozent den größten Anteil aus. »Seit mehreren Jahren ist zu beobachten, dass die Altersgruppe der über 50-Jährigen stetig ansteigt«, teilte die Liga weiter mit. Der demografische Wandel und die zunehmende Anzahl älterer Menschen in Deutschland beträfen auch immer mehr Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. »Das Risiko, im Alter arm zu sein, steigt für Teilgruppen unserer Gesellschaft an«, warnte die Liga.

Die strengen Corona-Auflagen hätten diese Gruppen stark getroffen, sagte Gabriele Kraft von der Diakonie Württemberg. »Im Lockdown hat man die wohnungslosen Menschen weitgehend vergessen.« Das Land müsse über die 2020 gestellte schnelle Hilfe weitere Kosten und Ausfälle durch die Pandemie für die Organisationen auszugleichen und bei der digitalen Infrastruktur aushelfen. Hilfseinrichtungen müssten derzeit die Arbeit der Behörden ausgleichen, weil diese nicht ausreichend zu erreichen seien. »Digitalisierungsprozesse in der Verwaltung verschärfen die Exklusion wohnungsloser Menschen zunehmend«, sagte Holuscha-Uhlenbrock.

Ein wichtiger Schritt wäre nach Einschätzung der FDP eine umfassende »Housing First«-Strategie. Nach dem aus den USA stammenden Konzept wird Menschen, die lange oder immer wieder auf der Straße gelebt haben, bedingungslos eine richtige Wohnung gestellt. Erst im zweiten Schritt wird der individuelle Hilfebedarf ermittelt. Dadurch werde auch die Gesellschaft von Kosten für Akutbehandlungen, Polizeieinsätze, Ordnungsmaßnahmen oder den Betrieb von Notunterkünften entlastet, sagte Niko Reith, der sozialpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion.

Die SPD fordert vor allem mehr Geld: »Ohne eine massive Aufstockung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau wird es nicht gelingen, die Wohnungsnot im Land zu lindern«, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dorothea Kliche-Behnke und kritisierte: »Insgesamt ist diese Entwicklung auch das Ergebnis einer Wohnungspolitik, die darauf vertraut, dass der Markt alleine schon alles richten werde.«

Die elf in der Liga organisierten Verbände sind nach eigenen Angaben die größten Anbieter von Diensten und Leistungen der sozialen Arbeit in Baden-Württemberg. Sie vertreten mehr als 290.000 Mitarbeitende in rund 6000 Einrichtungen und Diensten.

© dpa-infocom, dpa:220222-99-237030/4