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Nazijäger Kurt Schrimm: Er sorgte für späte Gerechtigkeit

Kurt Schrimm leitete als Staatsanwalt die Fahndung nach Naziverbrechern. Er erinnert sich an seine größten Fälle.

Der Nazi-Jäger Kurt Schrimm (links) bei einem Gespräch in Bondorf.  FOTO: STRAUB
Der Nazi-Jäger Kurt Schrimm (links) bei einem Gespräch in Bondorf. FOTO: STRAUB
Der Nazi-Jäger Kurt Schrimm (links) bei einem Gespräch in Bondorf. FOTO: STRAUB

BONDORF. Als Kurt Schrimm im Herbst 2000 die Leitung der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg übernimmt, ist er bereits ein erfahrener Staatsanwalt. Doch was nun vor ihm liegt, ist eine Aufgabe, die mehr mit historischer Verantwortung zu tun hat als mit klassischer Ermittlungsarbeit: die letzten noch möglichen NS-Täter zu finden – in einer Zeit, in der mögliche Zeugen sterben, Erinnerungen verblassen und Aktenberge längst Staub angesetzt haben.

Schrimm wirkt nie wie ein Mann der großen Gesten. Kollegen beschreiben ihn als nüchtern, akribisch und mit einer geradezu stoischen Geduld ausgestattet. Genau diese Mischung macht ihn zu jener Figur, die später häufig als »Nazi-Jäger« bezeichnet wird – eine Rolle, die er selbst nie gesucht und stets mit Distanz kommentiert hat. »Wir haben keine Nazis, sondern Mörder verfolgt«, sagt der 76-Jährige heute nüchtern. »Mich interessierte nicht, was jemand dachte, sondern was jemand getan hat.« Für Schrimm war es ein juristischer Auftrag, kein mythischer Feldzug. »Mit Gerechtigkeit tue ich mir schwer«, sagt er. Denn damit könne man vermutlich Stunden und Tage füllen ohne eindeutiges Ergebnis. Seine Aufgabe sei es gewesen, Beweise zu sammeln und Täter anzuklagen.

»Mich interessierte nicht, was jemand dachte, sondern was jemand getan hat«

Schon in den 1980er-Jahren arbeitet Schrimm an Mordermittlungen im Zusammenhang mit NS-Verbrechen im Bezirk Stuttgart. Doch erst in Ludwigsburg tritt er ins Schlaglicht. Hier, in der weltweit einzigartigen Ermittlungsbehörde, ordnet er Archivfunde neu, wertet Transportlisten aus, verknüpft bröckelnde Zeugenaussagen mit jahrzehntealten Dokumenten.

In einer Ära, in der die meisten Täter längst unbehelligt ein bürgerliches Leben geführt haben, verschiebt Schrimm die Perspektive: Nicht nur Offiziere und hochrangige Befehlshaber sind von Interesse, sondern auch die sogenannten »Rädchen« im Tötungsapparat. Wer als Wachmann im KZ Dienst tat, konnte nach neuen Maßstäben Beihilfe zum Mord geleistet haben – auch ohne persönlich getötet zu haben.

Dieser juristische Paradigmenwechsel wird zu Schrimms Markenzeichen. Er ist kein lautstarker Aktivist, sondern ein beharrlicher Ermittler, der sich auf das verlegt, was die Geschichte hinterlassen hat: Dokumente, Listen, Strukturen.

Sein bekanntester Fall war Josef Schwammberger. Der österreichisch-deutsche SS-Offizier und Kriegsverbrecher wurde bekannt als Kommandant mehrerer Zwangsarbeitslager im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs, darunter in Przemysl, Rozwadów und Mielec. Schwammberger war Mitglied der SS und der NSDAP und galt als besonders brutal gegenüber jüdischen Häftlingen. Zeugen berichteten nach dem Krieg von zahlreichen Erschießungen, Misshandlungen und Morden, die er eigenhändig begangen oder befohlen haben soll.

Nach dem Krieg tauchte Schwammberger unter und floh 1948 nach Argentinien, wo er jahrzehntelang unbehelligt lebte. »Eines freitags klingelte mein Telefon und ich erhielt einen Hinweis auf seinen Aufenthalt«, erzählt Schrimm. Der Tippgeber wollte zunächst eine Million Mark. »Ich habe ihn dann auf eine halbe Million heruntergehandelt«, so Schrimm. Doch diese sei in Argentinien nicht aufzutreiben gewesen. Schließlich zahlte er 300.000 Dollar. Zwei Jahre später, 1987 wurde Schwammberger verhaftet und 1990 nach Deutschland ausgeliefert.

»Manche gaben halbherzige Bekenntnisse ab, sprachen von Befehlen oder Umständen«

Im Jahr 1992 verurteilte ihn ein deutsches Gericht in Stuttgart zu lebenslanger Haft wegen mehrfachen Mordes und Beihilfe zum Mord. »Wir konnten ihm 600 Fälle nachweisen«, sagt Schrimm. Tatsächlich seien es vermutlich 6.000 gewesen. Schwammberger verbrachte den Rest seines Lebens im Gefängnis und starb 2004 im Alter von 92 Jahren. Das sei ein Beitrag zur Gerechtigkeit gewesen, wenngleich viele Täter auch nie verurteilt wurden, weil sich die Taten nicht zweifelsfrei nachweisen ließen. Auf die Frage, ob es für die Opfer am Ende Gerechtigkeit gegeben habe, antwortete Schrimm jüngst in einem Interview in seinem Heimatort Bondorf nachdenklich: »Ich bin Jurist, kein Philosoph oder Theologe. Wir konnten nur juristische Gerechtigkeit schaffen. Das bedeutet ein Urteil im Idealfall ohne Ansehen der Person, allein nach der Tat.« Ob das im höheren Sinn gerecht sei, das müssen andere beurteilen.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhält Schrimm 2013, als er Ermittlungen gegen zahlreiche frühere Aufseher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau anstößt. Viele der Verdächtigen sind hochbetagt; einige sterben noch während der Überprüfung. Doch Schrimm bleibt unerschütterlich bei seiner Linie: Schuld verjährt nicht, und das Alter eines Beschuldigten ist kein Grund, Ermittlungen gar nicht erst zu beginnen.

Die späten NS-Ermittlungen stießen stets auf ein Dilemma zwischen moralischem Anspruch und juristischer Realität. Kritiker warfen Schrimm und der Zentralstelle gelegentlich vor, mit aufwendigen Auslandsreisen und Recherchen Fälle zu verfolgen, die angesichts des hohen Alters der Verdächtigen kaum Aussicht auf Anklage hätten.

Für Schrimm jedoch war das kein Argument: Der Rechtsstaat müsse zumindest versuchen, Gerechtigkeit herzustellen – auch dann, wenn das Ergebnis ungewiss bleibt.

Seine Unterstützer wiederum sahen in ihm einen der letzten, die konsequent bemüht waren, die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht in die grauen Zonen des Vergessens abdriften zu lassen.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 2015 zieht Schrimm sich nicht völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Er schreibt über seine Erfahrungen, berichtet über die Mühen des Erinnerns und die Grenzen des Strafrechts. "Manche gaben halbherzige Bekenntnisse ab, sprachen von ›Befehlen‹ oder ›Umständen‹.

Ein echtes Schuldbekenntnis war selten", sagt Schrimm. "Viele hatten sich ihre eigene Wahrheit zurechtgelegt. Wenn man 40 Jahre lang Schuld leugnet, glaubt man am Ende selbst daran." Sein Wirken zeigt, wie stark beharrliches Arbeiten dazu beitragen kann, historische Verantwortung zu übernehmen. (GEA)