Logo
Aktuell Werte

Natalie Amiri ruft in Tübingen zu einer »Kettenreaktion des Guten« auf

Die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri spricht bei ihrer Weltethos-Rede über die Frauen im Iran und darüber, warum Zuhören wichtiger ist als Siegen.

Natalie Amiri ruft in Tübingen zum Dialog auf.
Natalie Amiri ruft in Tübingen zum Dialog auf. Foto: STEFFEN SCHANZ
Natalie Amiri ruft in Tübingen zum Dialog auf.
Foto: STEFFEN SCHANZ

TÜBINGEN. Für ein »Zuhören ohne Recht haben« wirbt die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri in der Weltethos-Rede im Festsaal der Universität Tübingen. Amiri erzählte im Festsaal der Universität Tübingen von ihren Erlebnissen im Iran, Afghanistan und Syrien und kritisierte die Doppelmoral deutscher Politiker.

Was ist das Weltethos?

Das Weltethos ist eine Moral, die allen Religionen gemeinsam ist. Diese Erkenntnis hatte der 2021 verstorbene Theologe Hans Küng, der dieses Weltethos in den Grundsätzen der Gewaltlosigkeit, Solidarität, Wahrhaftigkeit und Gleichberechtigung sah. Bernd Engler, Küngs Nach-Nachfolger als Präsident der Tübinger Weltethos-Stiftung, erinnert an diese 1993 von Küng formulierten Grundsätze. "Die Welt ist heute in einem Zustand von Agonie, heute ebenso wie damals", sagt Engler. "Alle Hoffnung auf eine Wertekonvergenz durch die Globalisierung - Wandel durch Handel - ist zerstoben", folgert Engler. Statt dessen habe die Globalisierung die Schere zwischen Arm und Reich nur noch weiter auseinandergehen lassen." Natalie Amiri hebt hervor, dass die moralischen Gebote der drei im Orient entstandenen Religionen Christentum, Judentum und Islam sich ähneln. "Die Menschen wollen Sicherheit und Gerechtigkeit, sie wollen sich keine Sorgen machen."

Bernd Engler begrüßt Natalie Amiri als Präsident der Weltethos-Stiftung.
Bernd Engler begrüßt Natalie Amiri als Präsident der Weltethos-Stiftung. Foto: STEFFEN SCHANZ
Bernd Engler begrüßt Natalie Amiri als Präsident der Weltethos-Stiftung.
Foto: STEFFEN SCHANZ

Wie hat Amiris iranischer Vater ihre Moral geprägt?

Amiri erzählt, dass sie mit ihrem Vater Zug gefahren sei. Ihr Vater habe eine Orange geschält und fremden Mitreisenden Orangenstücke angeboten. »Ich weiß, dass das in Deutschland nicht üblich ist, aber die Leute haben sich gefreut«, erzählt sie. »Es war nur eine kleine Geste, aber wie wäre es, wenn wir alle auf unsere Mitmenschen mit einer Orange, einem Blickkontakt oder einem Lächeln zugehen würden?« Mit dieser Herangehensweise könne »eine Kettenreaktion des Guten« ausgelöst werden.

Was können Bürger für den Erhalt der Demokratie in Deutschland tun?

»Wir haben uns in Deutschland daran gewöhnt, dass es immer alles gibt. Wir nehmen die Freiheit, die wir haben als selbstverständlich wahr«, sagt Amiri. Das sei es aber nicht. »Die Frauen im Iran sind bereit, ihr Leben zu riskieren, um so frei zu leben, wie wir es hier tun.« Doch der Erhalt einer Demokratie sei anstrengend. Die Demokratie bleibe nicht aus sich selbst heraus bestehen. »Wir sollten wieder lernen zuzuhören, auch wenn wir nicht der gleichen Meinung sind. Das Ziel einer Auseinandersetzung ist nicht der Sieg, sondern der Fortschritt.« Angst sei der Nährstoff für Populisten, so Amiri. Streit sei notwendig, aber er müsse zu Lösungen führen. Sie forderte Medienkompetenz und Empathie als eigene Schulfächer und kritisierte die Medien, Geschichten zu sehr vereinfacht und emotionalisiert zu erzählen.

Was kritisiert Amiri an der westlichen Außenpolitik?

»Politische Stabilität wird auf Kosten der Gerechtigkeit verhandelt«, sagt Amiri. Dies sei etwa bei den Angriffen der Türkei auf die Kurden in Nordsyrien so, die die IS-Terroristen gestoppt hätten. »Der Westen duldet das. Die deutschen Rüstungsexporte in die Türkei sind auf dem höchsten Stand seit Langem«, kritisiert Amiri. Ebenso sei es im Iran, wo der Westen illegale Ölexporte nach China dulde, mit denen die Mullahs den Terrorismus finanzierten. »Wir hören immer wieder, dass es einen Flächenbrand gibt, wenn das Mullahregime stürzt, aber den Flächenbrand gibt es wegen dem Mullahregime«, so die Journalistin. »Wir vergeuden unsere außenpolitischen Ressourcen immer wieder im Krisenmodus. Dabei wäre eine vorausschauendere Politik nötig«, fordert Amiri.

Was kritisiert Amiri an der deutschen Israelpolitik?

»Wir können nicht Putin Kriegsverbrechen vorwerfen und Netanjahu und seine rechtsradikalen Koalitionspartner mit Waffen unterstützen«, kritisiert Amiri. Wenn der neue Bundeskanzler Friedrich Merz Netanjahu nach Deutschland einlade und den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof ignoriere, dann bedeute dies, dass Deutschland mit zweierlei Maß messe. Dies könne für die Glaubwürdigkeit Deutschlands fatale Folgen haben. Sie habe den neuen Außenminister Johann Wadephul in Israel gesehen. »Wir können nicht mehr unkritisch nach Israel fahren, weil sich Israel geändert hat, aber es ist das alte Wording geblieben.«

Wie beurteilt Amiri die neue Regierung in Syrien?

Sie sei nicht per se gegen die neue Regierung in Damaskus, sagt Amiri. Man müsse ihr eine Chance gegeben. Dennoch sehe sie, dass der neue Machthaber Ahmed al-Scharaa ein gefährliches Umfeld von Islamisten habe und dass die Minderheiten im Land Angst hätten. »Al-Scharaa wird Schwierigkeiten haben, ein inklusives Regime zu etablieren, das alle Bevölkerungsgruppen beteiligt«, sagt Amiri. Sie befürchte, dass Al-Scharaa umgebracht werde, bevor ihm dies gelingt.

Hat Amiri keine Angst, in gefährlichen Ländern zu arbeiten?

»Als ich nach Afghanistan geflogen bin, habe ich mir gesagt, dass es das letzte Mal ist. Aber ich habe danach trotzdem weitergemacht«, sagt Amiri. Sie sei alleinerziehende Mutter eines Sohnes, der Anfang 20 sei und habe mehrmals ihr Testament umgeschrieben. Sie sei in Kommentaren mehrmals aufgefordert worden, während einer Live-Schaltung aus dem Iran ihr Kopftuch auszuziehen, habe sich das aber nicht getraut, sagt Amiri. »Ich glaube, der Grund, warum ich weitermache, ist der, dass ich eine Mission habe - als jemand, der in zwei Kulturen zu Hause ist.« Sie fügt hinzu: »Trotz allem haben wir die Pflicht zur Zuversicht.«