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Mutmaßlicher Kidnapper gesteht

Schulden, Erpressung, Schläge und ein SEK-Einsatz: eine Geschichte wie aus dem Drehbuch. Zwei Männer sollen einen Bauunternehmer entführt und gequält haben. Der Prozess beginnt mit einem Geständnis.

Prozess wegen Geiselnahme
Einem Angeklagten (l) werden in einem Gerichtssaal im Landgericht Heilbronn die Handschellen abgenommen. Foto: Bernd Weißbrod/DPA
Einem Angeklagten (l) werden in einem Gerichtssaal im Landgericht Heilbronn die Handschellen abgenommen.
Foto: Bernd Weißbrod/DPA

Was der Staatsanwalt dort juristisch trocken aus der Anklageschrift zitiert, das erinnert an eine dieser Thriller-Serien aus den Streaming-Diensten: Ein von Schulden getriebener Bauunternehmer würde darin eine Rolle spielen und ein Karatekämpfer, der ihm mit einer hohen Summe aus der Klemme hilft. Schüsse fielen in Berlin, das Opfer würde aus Schwäbisch Hall Hunderte Kilometer weit bis nach Brandenburg entführt, geschlagen, erniedrigt und gequält, bis die schwer bewaffnete Polizei das Versteck stürmen und den Unternehmer aus den Händen seiner Kidnapper befreien würde. Koks und ein Cousin wären auch im Spiel, natürlich.

Für das Heilbronner Landgericht ist dies ein Fall mit nur wenigen unbeantworteten Fragen und einem reuevollen Hauptangeklagten. »Ich schäme mich für diese Tat«, sagte der 29-Jährige mutmaßliche Kidnapper gleich zum Prozessbeginn am Dienstag in einem umfassenden Geständnis. Gemeinsam mit einem möglichen Kumpan (27), einem Montenegriner, muss sich der Deutsche unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs verantworten. Angeklagt ist auch ein dritter Mann. Der 32-jährige Serbe, der Cousin des Deutschen, soll unter anderem Botengänge übernommen haben. Insgesamt sind nach dem Prozessauftakt drei weitere Termine bis zum 16. November geplant.

Zwei der drei Männer aus der Berliner Gegend sollen im vergangenen März einen erfolglosen Bauunternehmer in Schwäbisch Hall in seiner Wohnung überfallen, nach einem kurzen Gespräch geschlagen, in ihr Auto gezerrt und nach Brandenburg verschleppt haben - rund 500 Kilometer von Hall entfernt. Unterwegs schlug der geständige 29-Jährige unter anderem mit einem Hammer wiederholt zu.

Auch im Haus in Schönwalde-Glien im brandenburgischen Havelland muss der damals 46-Jährige gelitten haben: Bis auf die Unterhose ausgezogen, musste er sich laut Anklage auf den Fußboden setzen, sein Peiniger schoss ihm mit einer Softairpistole mindestens zehn Mal vor allem auf die Beine und malträtierte ihn mit einer Bohrmaschine. Der angeklagte Deutsche drohte ihm laut Anklage auch damit, mindestens zwei Finger abzusägen. Bezahle er nicht seine Schulden, werde er den Berliner Geldgebern überlassen, »die dann mit ihm machen könnten, was sie wollten«. Alles vergeblich. Das Lösegeld in Höhe von 26 600 Euro wurde ebenso wenig gezahlt wie die Schulden beglichen wurden.

Als der angeklagte Deutsche dem Unternehmer zwei Mal mit einer scharfen Pistole in einen Oberschenkel schoss, stürmte ein Spezialeinsatzkommando das Haus in Schönwalde. Die Polizisten überwältigten die Männer und befreiten das schwer verletzte Opfer aus seinem Martyrium.

Akute Geldnot habe ihn zur Tat getrieben, räumte der Mann auf der Anklagebank ein. Nach eigener Aussage war er als Subunternehmer auf den Baustellen des Haller Unternehmers unterwegs. Er half dem verschuldeten Firmeninhaber mit einer sechsstelligen Summe aus, lieh sich einen Teil des Geldes allerdings selbst und geriet seinerseits in Berlin unter Druck. Er sei in Todesangst gewesen und habe seinen Schuldner zur Rede stellen wollen, weil er sich von diesem ausgenutzt fühlte. Die Fahrt nach Schwäbisch Hall? »Eine spontane Idee«, sagte er aus, er habe viel gekokst, getrunken, »ein Getriebener in einer Abwärtsspirale«.

© dpa-infocom, dpa:231107-99-853260/3