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Aktuell SOS-Kinderdorf

(K)ein Job wie jeder andere

Marc Bässler ist erster Kinderdorfvater im Land. Er sieht das als Berufung. Früher war er Sportmanager

Das SOS-Kinderdorf in Schorndorf-Oberberken gibt es schon seit 65 Jahren.  FOTO: SOS-KINDERDORF E.V./SEBASTIAN PFÜTZE
Das SOS-Kinderdorf in Schorndorf-Oberberken gibt es schon seit 65 Jahren. FOTO: SOS-KINDERDORF E.V./SEBASTIAN PFÜTZE
Das SOS-Kinderdorf in Schorndorf-Oberberken gibt es schon seit 65 Jahren. FOTO: SOS-KINDERDORF E.V./SEBASTIAN PFÜTZE

SCHORNDORF. Marc Bässler hat keinen Job wie jeder andere. Der Werbekaufmann und ehemalige Sportmanager hat völlig umgesattelt und im SOS-Kinderdorf in Schorndorf-Oberberken seinen Traumberuf gefunden. Er ist der erste Kinderdorfvater in einem SOS-Kinderdorf in Baden-Württemberg und der dritte in ganz Deutschland. »Ich empfinde es nicht als ungewöhnlich, dass ich der erste männliche Erzieher hier bin. Das Einzige ist, dass das nun Aufmerksamkeit erregt und vielleicht andere dazu animiert, es nachzumachen.« Im Oktober hat er beim SWR in der Landesschau seine Geschichte erzählt. Tatsächlich macht sein Beispiel schon Schule, denn »wir haben den zweiten Anwärter als Hospitanten hier«, sagt Sylvia Recktenwald. Sie ist die Pressesprecherin des SOS-Kinderdorfes Württemberg.

In diesem Jahr feierte die Organisation ihr 70-jähriges Bestehen und Schorndorf das 65-Jährige. Das Schorndorfer Kinderdorf war damals das Fünfte in Deutschland. Hier gibt es seit 2024 auch einen Forsthof-Waldkindergarten.

»Wir melden unsere freien Plätze. Der Bedarf ist riesig«

Kinderdorfmutter oder -vater ist ein Fulltime-Job. Als Kinderdorfvater geht man eine Verpflichtung ein. So sieht das Marc Bässler. Und es ist eine Berufung, kein Beruf, »man muss das spüren.« Eigentlich, sagt er, gehe es ihm auch nicht anders als einem Alleinerziehenden. Mit dem Unterschied, dass er Unterstützung von seinem Team hat. Wichtig ist, dass das gut passt: »Ich hatte großes Glück mit meinem Team.«

Als Kinderdorfvater hat er noch zwei pädagogische Kolleginnen für den Tagesdienst als Hilfen, die ihn auch vertreten. Hinzu kommt ein Auszubildender. Sie unterstützen ihn, »sonst wäre das Ganze nicht machbar«, denn am Nachmittag nach Kindergarten und Schule geht es richtig los: Physiotherapien, Förderangebote, Psychotherapie, Hausaufgaben, Sportprogramme, Musikstunde oder Elternabende müssen organisiert werden. In ihrer Freizeit stehen den Kindern zudem verschiedene Förderangebote im Kinderdorf zur Auswahl, beispielsweise Bogenschießen, Klettern, Töpfern, Nähen, Backen. Sie können auch die vielfältigen Angebote der Kommune selbst wahrnehmen.

Marc Bässler, SOS-Kinderdorfvater in Schorndorf. FOTO: RAHMIG
Marc Bässler, SOS-Kinderdorfvater in Schorndorf. FOTO: RAHMIG
Marc Bässler, SOS-Kinderdorfvater in Schorndorf. FOTO: RAHMIG

Die Kinderdorffamilien versorgen und organisieren sich selbst. In Bässlers Kinderdorfhaus gibt es eine Essküche, ein Wohnzimmer und zwei Bäder und alle können sich in jeweils ein eigenes Zimmer zurückziehen. Bässlers Kinderdorffamilie besteht aus einem Geschwisterpaar im Alter von 5 und 7 Jahren. Dazu hat er noch einen 12-jährigen Jungen sowie eine 16-Jährige in seiner Familie. Zwei weitere Kinder oder Jugendliche werden noch dazukommen. Die Kinder gelangen inzwischen ausschließlich über die Jugendämter in die Kinderdörfer. Anouk Joester, Pressesprecherin der Kinderdorf-Zentrale in München, sagt: »Wir melden unsere freien Plätze, die Jugendämter wissen immer, wie viele Plätze wir gerade frei haben. Der Bedarf ist riesig.«

Heutzutage geht es im Gegensatz zur Gründungszeit kaum noch um Waisenkinder. Die Kinder kommen aus anderen Gründen in die Dörfer. »Oft ist es Überforderung der Eltern oder sie sind alkohol- oder drogenabhängig, oder alleinerziehende Eltern kommen in Untersuchungshaft und niemand kann sich um die Kinder kümmern«, sagt Recktenwald. Das ist dann ein akuter Krisenfall. Aber: »Ein wichtiges Ziel ist – wo dies möglich ist – die Rückführung der jungen Menschen in ihre Herkunftsfamilien.« Daher wird der Kontakt zu den Eltern oder Elternteilen ermöglicht und auch gefördert.

In Schorndorf leben 89 Kinder in zehn SOS-Kinderdorffamilien, drei Wohngruppen und einer Jugendwohngemeinschaft. Zum Kinderdorf gehören drei öffentliche Kindergärten und eine Kindertagesstätte. Bis zum 18. Lebensjahr ist das Jugendamt für die jungen Leute zuständig. Wenn sich die jungen Menschen in Ausbildung befinden, können sie einen Verlängerungsantrag bis zum Alter von 21 stellen. So können sie beispielsweise über Jugendwohngruppen schrittweise in die Selbstständigkeit begleitet werden.

Marc Bässler ist 48. Nach der Ausbildung zum Werbekaufmann und einem BWL-Studium mit der Fachrichtung Sportmanagement war er zunächst Manager des Golfclubs Reutlingen Sonnenbühl, dann Geschäftsführer des Golfclubs Sinsheim. Die Arbeitszeiten waren schwierig und er wechselte ins Bankgeschäft – ein erfülltes Leben stellte er sich allerdings anders vor.

»Das ist die reine Wertschätzung und Dankbarkeit«

Er begann sich ehrenamtlich als Fußballtrainer zu engagieren und betreute Ferienfreizeiten, und das alles machte ihm unheimlich Spaß. Schließlich kam es zum Kontakt mit dem Kinderdorf. »Ein Mädchen aus dem SOS-Kinderdorf war bei mir in der Fußballgruppe. Sie waren allerdings unregelmäßig da und erzählten mir, dass es wegen Personalmangels nicht immer möglich war, sie zum Training zu bringen und wieder abzuholen. Da habe ich mich angeboten. An einem Tag der offenen Tür war ich dann hier und daraus entstand ein Praktikum.«

Während des Praktikums hatte er ein einschneidendes Erlebnis, als er kurzfristig als Betreuer für eine Ferienfreizeit des SOS-Kinderdorfs einsprang. Ein zwölfjähriges Mädchen, das erst ein paar Tage vorher die Mutter verloren hatte, aber trotzdem mitwollte, löste beim ihm die Befürchtung aus, dass ihn das überfordern könnte. Aber alles ging gut und nach der Rückkehr aus der Ferienfreizeit drückte es ihn und sagte, das sei ihr schönster Urlaub gewesen, den sie je hatte. Da war bei ihm der Groschen endgültig gefallen: Er wollte Erzieher werden.

»Ich hatte dann das Glück, meine Ausbildung hier im Kindergarten am Wasserturm machen zu können. Weil es zunächst aber keine entsprechende freie Stelle in Schorndorf gab, war ich noch ein paar Jahre im Kindergartenbereich unterwegs.« Schließlich kam er dann doch noch nach Schorndorf. für den in Schwaikheim geborenen Bässler hat sich der Kreis geschlossen.

Seit August ist er nun Kinderdorfvater. »Das Lob eines Kindes, wenn es mich anschaut und sagt, ich habe dich lieb oder Dankeschön, dass wir das machen, das ist die reine Wertschätzung und Dankbarkeit, und das ist sehr viel wert.« Er will den Kindern Geborgenheit geben, ein Familiengefühl schaffen, ihnen Halt und Struktur geben und Werte vermitteln. »Ich sehe es auch als meine Aufgabe, unnötige Zeitfresser zu eliminieren, damit ich mehr Zeit für Gespräche mit den einzelnen Kindern habe, auch für die wichtige 1:1-Betreuung.« Bässler will sich kümmern und helfen, wo es geht – Marc Bässler ist angekommen. (GEA)

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